Kirch-Prozess Deutsche Bank außer Kontrolle?

Das Hin und Herr im Kirch-Verfahren wirft womöglich Fragen auf, die über den Prozess hinaus Grund zur Sorge geben.

Kirch gegen Deutsche Bank
Der Fall Leo KirchFebruar 2002Rolf Breuer, der Chef der Deutschen Bank, stellte vor 10 Jahren die Kreditwürdigkeit der Kirch-Gruppe infrage. In einem TV-Interview, dass am 4. Februar bei Bloomberg TV ausgestrahlt wurde, sagt er, nach allem, was man „darüber lesen und hören“ könne, sei der Finanzsektor nicht mehr bereit, „auf unveränderter Basis noch weitere Fremd- oder gar Eigenmittel zur Verfügung zu stellen“. Quelle: AP
Interview im Wortlaut Quelle: AP
Insolvenz Quelle: AP
Taurus-Holding Quelle: AP
BGH Quelle: dpa/dpaweb
Rücktritt Quelle: REUTERS
Abgewiesen! Quelle: dpa
April 2010Kirch scheitert mit einer Strafanzeige gegen Breuer. Das Oberlandesgericht (OLG) Frankfurt verwirft einen Antrag auf Klageerzwingung als unzulässig. Quelle: dpa
Februar 2011Das Landgericht München weist milliardenschwere Schadenersatzforderungen Leo Kirchs zurück. Es geht um Ansprüche der Printbeteiligungs GmbH, in der Kirch seinen Anteil am Springer-Konzern gebündelt hatte. Quelle: dpa
März 2011Am 25. März 2011, neun Jahre nach der Plaite des Kirch-Konzerns, treffen Breuer und Kirch erstmals vor Gericht aufeinander. Die Vernehmung des schwer kranken Kirch vor dem OLG München wird nach gut eineinhalb Stunden abgebrochen. Quelle: dapd
März 2011, das TreffenEs ist 9.52 Uhr, als Kirch in einem Rollstuhl in den Saal 411 des Münchner Oberlandesgerichts (OLG) gefahren wird. Der 84-Jährige lächelt, schaut fast vergnügt durch die gelbgetönten Gläser seiner Brille. Breuer grüßt er nicht, die beiden älteren Männer haben sich nichts mehr zu sagen. Der fast blinde Kirch hat Mühe zu sprechen, er ist heiser, kaum zu hören. Quelle: dapd
Juli 2011Am 14. Juli stirbt Kirch im Alter von 84 Jahren. "Unser geliebter Ehemann, Vater, Bruder, Dr. Leo Kirch, ist heute im Kreise seiner Familie friedlich verstorben. Wir sind sehr traurig!", teilte seine Familie am 14.07.11 mit. Jahrzehntelang war Kirch die graue Eminenz der deutschen Medienlandschaft. Er galt als unersättlich, gewieft und risikobereit - eine Kombination, die nicht nur seine Gegner fürchteten. Durch seine Öffentlichkeitsscheu - lange Zeit gab es nicht einmal Fotos von ihm - wurde dieser Mythos noch verstärkt. Einen seiner wenigen öffentlichen Auftritte hatte Kirch im Mai 2008 als Trauzeuge bei der zweiten Hochzeit von Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl, mit dem er persönlich befreundet war. Die guten Kontakte Kirchs zu einflussreichen Politikern und großzügige Kredite der Banken trugen in Kirchs besten Jahren zum Image des machtbesessenen Medienmoguls bei. Zum Portrait Quelle: AP
Springer Quelle: dapd
November 2011Die Deutsche Bank stellte einen Befangenheitsantrag gegen das Richter-Trio, über den noch nicht abschließend entschieden ist. Grund für den Befangenheitsantrag war, dass in den vergangenen Monaten die Kanzlei von Anwalt Peter Gauweiler - die die Kirch-Seite in den Zivilverfahren vertritt - Akteneinsicht bekam, ohne dass die Verteidigung davon informiert worden sei, sagte Verteidiger Sven Thomas. Dies habe er bereits schriftlich moniert, ohne Ergebnis. Zudem habe Richter Winkler in einer Stellungnahme zum Befangenheitsantrag geschrieben, ihm sei „das Schreiben nicht aufgefallen“. Auch deshalb zweifle er an der Eignung Winklers. Quelle: REUTERS
Prozess eingestellt Quelle: dapd
Dezember 2012Am 14. Dezember 2012 kommt es nach zehn Jahren das sensationelle Urteil des Oberlandesgerichts im Streit mit den Erben des Medienmanagers Leo Kirch: Die Deutsche Bank muss Schadenersatz für Verluste in Folge der Pleite des Kirch-Imperiums 2002 zahlen. Die Höhe der Wiedergutmachung sollen zwei Gutachter bestimmen, für deren Benennung beide Seiten bis Ende Januar 2013 Vorschläge unterbreiten können. Die Kirch-Seite hatte die Bank in diesem Verfahren auf mehr als zwei Milliarden Euro verklagt. Eine Revision gegen das Urteil ist nicht zugelassen. Die Deutsche Bank hält die Ansprüche der Kirch-Erben für haltlos und geht gegen das OLG-Urteil beim Bundesgerichtshof vor. Quelle: dpa
November 2013Die Staatsanwaltschaft München ermittelt jetzt auch gegen den Co-Chef der Deutschen Bank, Jürgen Fitschen. Es gebe einen Anfangsverdacht des versuchten Betrugs. Ob gegen Fitschen Anklage erhoben werde, stehe noch nicht fest. Die Deutsche Bank bestätigte, dass Fitschen über die Ermittlungen in Kenntnis gesetzt worden sei. Es gehe um den Verdacht, dass während der Beweisaufnahme bewusst unwahre Angaben gemacht worden seien. „Die Bank ist davon überzeugt, dass sich der Verdacht als unbegründet erweisen wird.“ Quelle: REUTERS
20. Februar 2014Die Deutsche Bank zahlt den Kirch-Erben 775 Millionen Euro plus Zinsen. Mit diesem Vergleich zieht das Geldhaus einen Schlussstrich unter den seit fast zwölf Jahren andauernden Streit um eine Mitverantwortung der Bank für die Pleite des Kirch-Konzerns. Quelle: dpa

Jetzt also doch nicht? Nachdem es vor zwei Wochen überraschend so aussah, als werde die Deutsche Bank den jahrelang tobenden Streit mit den Nachlassverwesern des 2011 verstorbenen Medienunternehmers Leo Kirch beilegen, werden die Prozessakten nun wohl doch nicht ins rechtsgeschichtliche Archiv abtransportiert. Eine Einigung scheint seit dem Wochenende wieder weit entfernt, der Streit könnte noch lange weiter gehen.

Dabei ist seit Bekanntwerden der erneuten vorübergehenden Annäherung der zutiefst verfeindeten Parteien nichts passiert, was Anlass zur Neubewertung der Fakten gäbe.

Alle Bedenken, die schon vor zwei Wochen gegen eine Einigung sprachen, sind nicht erst seit dann, sondern seit Jahren bekannt. Kaum vorstellbar, dass sie nicht von Beginn an in den Vergleichsverhandlungen ausgiebig thematisiert worden sind.

Die Aktionäre könnten gegen die 800-Millionen-Überweisung nach München sein? Das wäre kein Wunder, nachdem Ihnen die Bank über Jahre versichert hatte, dass die Klagen zwar lästig, aber letztlich substanzlos seien.

Die Bank könnte aber vermutlich argumentieren, dass der mögliche Schadenersatz sehr hoch und eine grundsätzliche Zahlungspflicht seit einem Vergleichsvorschlag des zuständigen Münchner Richters durchaus wahrscheinlich sei. Wie wasserdicht das wäre, hat sie sicher ausgiebig geprüft.

Wer hat eigentlich das Sagen?

Die Bank müsste ihren Ex-Chef Rolf Breuer verklagen, der die Prozesslawine mit einem Fernsehinterview überhaupt erst ins Rollen gebracht hatte. Die Konstellation ist von Beginn an kritisch und hat bereits zu der ausgiebig abgehandelten Frage geführt, ob es sinnvoll ist, dass sich die Deutsche Bank und ihr Exchef im Prozess von den gleichen Anwälten vertreten lassen. Ob Breuers Haftpflicht einspringt, dürften sich die Bankjuristen auch nicht erst seit gestern fragen.

Ein Gutachten bestätigt, dass der Kirch-Konzern schon so gut wie pleite war, als Breuer sein Interview gab. Auch das ist wenig überraschend. Die Expertise der PwC-Prüfer dürfte den Deutsche-Bank-Juristen aber kaum erst gestern in die Hände gefallen sein.

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Hier steht ein Element, an dem derzeit noch gearbeitet wird. Wir kümmern uns darum, alle Elemente der WirtschaftsWoche zeitnah für Sie einzubauen.

Zwar hatte die Deutsche Bank von Beginn an offiziell jede Stellungnahme abgelehnt. Aber die Stimmungslage schien klar, eine Einigung noch nie so nahe.

Nun wird über die Medien kolportiert, dass der scheidende Bankchef Josef Ackermann für, seine Nachfolger Anshu Jain und Jürgen Fitschen aber gegen den Vergleich seien. In Deutsche-Bank-Kreisen heißt es dagegen, dass Ackermann nie eine Zusage gegeben, sondern nur ein unverbindliches Gespräch mit Kirchs Witwe geführt habe. Die Vergleichssumme sei deutlich zu hoch, der Vorstand sei sich in dieser Haltung einig.

War also alles nur eine weitere Finte der Kirch-Seite? Wenn nicht wirft aus Aktionärssicht deutlich besorgniserregendere Fragen auf als eine möglich Millionenzahlung an Kirch. Etwa die, wer eigentlich das Sagen in Deutschlands größtem Kreditinstitut hat. Ist die Deutsche Bank in dieser Konstellation überhaupt noch voll handlungsfähig?

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%