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Lehman-Brothers-Insolvenz Der Moment, in dem der mächtige Dominostein kippte

Die Pleite von Lehman Brothers löste weltweit Schocks aus. Quelle: AP

Einer der größten Finanzmarktschocks der Wirtschaftsgeschichte jährt sich zum zehnten Mal: Die Lehman-Pleite hat einiges ins Wanken gebracht, auch politisch. WirtschaftsWoche-Redakteure berichten, wie sie den Umbruch erlebten.

Vor zehn Jahren, am 15. September 2008, musste die US-Investmentbank Lehman Brothers Insolvenz beantragen. In unserer Serie schildern Redakteure und Korrespondentinnen der WirtschaftsWoche bis zum 15. September täglich, wie sie die heißeste Phase der Finanzkrise erlebten – und was sie daraus lernten.

Hauke Reimer - Stellvertretender Chefredakteur

Es ist der vorerst letzte große Auftritt eines „Master of the Universe“, eines Börsenhelden jener Art, wie sie US-Autor Tom Wolfe in seinem „Fegefeuer der Eitelkeiten“ genial beschrieben hat. Klar, es ist Main-, nicht Manhattan, aber auch hier gibt es hell beleuchtete Straßenschluchten. Der einstige Chefhändler einer Frankfurter Bank, der jetzt seinen eigenen Hedgefonds steuert, hat mich mit seinem neuen Wagen am Büro abgeholt. Ein silberner Aston Martin DBS, so wie ihn Daniel Craig im Bond-Film „Casino Royale“ gefahren hat. Auf der Mainzer Landstraße, die Bankentürme im Blick, beschleunigte er. Nicht auf 100 – der DBS schafft das in vier Sekunden – aber doch so, dass wir kampfjetmäßig in die Sitze gedrückt werden. Das Auto sei echt nicht teuer, sagt er, eher günstig, „die Leasingrate ist kaum höher als beim Porsche 911“.

Vor der Freitreppe einer Sandstein-Villa aus dem 19. Jahrhundert bremst er, wirft den Schlüssel einem Türsteher zu, der ihn einparken soll. Die „Kameha Suite“ liegt praktisch im Schatten der Deutsche-Bank-Türme, bis vor kurzem hat hier noch der Allianz-Vorstand residierte. Nebenan wird gebaut. In den Opernturm, damals der fünfthöchste Bürobau Deutschlands, soll demnächst die UBS einziehen. Ich denke an eine Grafik, die wir schon mehrfach gedruckt haben: Wolkenkratzer als Crash-Indikatoren. Rekordhohe Gebäude werden in Phasen wirtschaftlichen Übermuts geplant. Sind sie fertig, kracht es.

Oben in der Bar viele Banker, Analysten, Händler, Berater. Die meisten haben ihr Krawatten gelockert, die Hemdsärmel hochgekrempelt, wir trinken Beck´s aus grünen 0,3-Liter Flaschen. Locker-entspannt ist hier sonst gar nichts. Auf den Bildschirmen läuft CNBC und ntv ohne Ton, viele rote Zahlen in den Laufbändern am unteren Bildschirmrand. Ernste Gesichter, einige telefonieren, das iPhone 3 ist gerade neu auf dem Markt, die hier haben es schon, klar.

Als die Blase platzte

Lehman Brothers, eine der großen unter den von allen hier bewunderten US-Investmentbanken, ist pleite, der US-Finanzkapitalismus, der auch diese Frauen und Männer in Frankfurt so entscheidend geprägt hat, scheint am Ende, bis die Realwirtschaft mit nach unten gerissen wird, nur eine Frage der Zeit. „Finanzkrise: Jetzt geht´s erst richtig los“, hatte ich neun Monate zuvor geschrieben, und: „Die durch den strauchelnden US-Immobilienmarkt ausgelöste Finanzkrise ist noch längst nicht gegessen, im Gegenteil. Sie droht weitere Bereiche des Finanzsystems zu erfassen. Ein Dominostein nach dem anderen kann kippen, von platzenden US-Hypotheken gehen Bedrohungen in alle Richtungen aus.“

Jetzt war ein mächtiger Dominostein gekippt, und ein noch mächtigerer, der Versicherungsriese AIG, wackelte.

Die Banker hier in der Kameha Bar sind doppelt gekniffen: Ihre Institute und ihre Kunden verlieren Milliarden, so dass sie sich ihren Bonus abschminken können, und privat haben auch die meisten investiert, hier verlieren sie ebenfalls. Und die Bilder der gefeuerten Lehman-Banker, die ihre Kartons aus der Bank tragen, machen auch nicht fröhlich. Einen Jahrhundertcrash, haben viele hier schon mal mitgemacht, den vom März 2000. Dass Aktien stark fallen können, wussten sie, dann kauften sie eben Anleihen oder hielten Cash.

Aber dieses mal ist es anders. Aktien, Anleihen, Rohstoffe, selbst Gold: Alles fällt, alles wird zu Geld gemacht. Und selbst Kasse halten scheint nicht mehr sicher. Wo soll das Geld denn hin – das Risiko, es bei einer Bank zu parken, die noch unentdeckte Bomben in den Bilanzen hatte und pleite gehen würde, ist nur allzu real.

„Wie sicher ist der Einlagensicherungsfonds?“ habe ich in dieser Woche in der WirtschaftsWoche gefragt. Die Antwort war einfach: „Den Ausfall einer großen Bank würde der Fonds niemals überstehen. Dann müsste – wie in Großbritannien bei Northern Rock geschehen – der Staat einspringen, will heißen: der Steuerzahler, also wir alle.“

Zwei Wochen später muss der Staat die Hypo Real Estate retten. Ansonsten wäre der Geschäftsverkehr der Banken untereinander zusammengebrochen, sagt der damalige Bundesbankpräsident und heutige UBS-Verwaltungsratschef Axel Weber. Dreieinhalb Monate später ist dann die Commerzbank an der Reihe.

Der Dax, vor Lehman noch satt über 6000 Punkten, rutscht im März 2009 unter 4000. Wenig später geht auch der Aston Martin zurück zum Händler. Jetzt, zehn Jahre später, hat sich der Ex-Banker einen 911er bestellt. Und Aston Martin soll in London an die Börse.

Zehn Jahre Finanzkrise

Mark Fehr - Korrespondent in Frankfurt

München, Käfer-Schänke, Oktober 2008: Mietwagen-König Erich Sixt und Sohn Konstantin stellen bei Häppchen und Sekt das neueste Pflänzchen der Internet-Tochter des Familienunternehmens vor. Stockflock hieß es, und sollte eine Art Facebook für Privatanleger werden. Das fröhliche Start-up-Event jedoch steht ganz im Schatten der Finanzkrise. Zwei Wochen zuvor musste Kanzlerin Angela Merkel beteuern, dass die Spareinlagen der Bürger sicher seien und Rettungsmilliarden für schwankende Banken bereitstellen.

Äußerlich unbeeindruckt nutzt Sixt Senior die Gunst der Stunde, sein Unternehmen als Krisengewinner in Szene zu setzen, weil jetzt alle Geschäftskunden sparen müssten und nur noch die ach so billigen Sixt-Autos leihen. Zudem teilt der damals noch zarte 64 Jahre alte Sixt-Chef gegen die Banken aus: „Jetzt beginnt der Eiertanz, wer sich als erster aus der Deckung wagt und Hilfe in Anspruch nimmt“, prophezeite er – und behielt recht. Auch Geldhäuser, die sich wie die Deutsche Bank rühmten, keine direkten Hilfen in Anspruch nehmen zu müssen, profitierten von der Rettung der schwächsten Mitglieder ihrer Branche, wie der immer noch teilverstaatlichten Commerzbank oder der aus Steuerzahlerkosten abgewickelte Hypo Real Estate.

Mittelständler haben keine Ahnung von Politik und Finanzwelt? Sixts Weitblick hat gezeigt, dass das ein Klischee ist. Und wie zur historischen Bestätigung der Sixt-These stellt der ehemalige Deutsche-Bank-Co-Chef Jürgen Fitschen zehn Jahre später fest, dass sein Institut lieber Staatshilfe hätte nehmen sollen. „Es wären Vorteile damit verbunden gewesen.

Sixts These zur Bankenrettung ist bei den anwesenden Medien jedenfalls hängen geblieben, ganz anders übrigens als das, was an diesem Tag ein gar nicht so unprominenter Vertreter der Politik und Bankenbranche zu sagen hatte, der auch zum Stockflock-Start ins Käfer geladen war. Es handelte sich um einen gewissen Georg Fahrenschon, damals noch recht unauffälliger Staatssekretär im bayerischen Finanzministerium, später Finanzminister im Freistaat und von 2011 bis 2017 sogar Präsident des mächtigen Sparkassenverbands. Die Welt ist klein.

Dass aus Stockflock nichts wurde, ist da nur eine historische Fußnote.

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