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Markus Braun erneut festgenommen Staatsanwaltschaft stellt drei Haftbefehle gegen Wirecard-Vorstände

Die Betroffenen Vorstände sollen schon seit 2015 beschlossen haben, die Wirecard-Bilanz „aufzublähen“. Quelle: dpa

Lange schien es, als stünde nach dem Skandal bei Wirecard vor allem Jan Marsalek im Visier der Ermittler. Jetzt hat die Staatsanwaltschaft drei Haftbefehle gegen frühere Führungskräfte erlassen, darunter Ex-CEO Braun.

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Im Betrugsskandal beim Dax-Konzern Wirecard sind nach Erkenntnissen der Münchner Staatsanwaltschaft bereits seit fünf Jahren systematisch Bilanzen gefälscht worden. Sie stellte drei Haftbefehle gegen frühere Führungskräfte. Dabei gehe es unter anderem um gewerbsmäßigen Bandenbetrug und Marktmanipulation in mehreren Fällen, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft am Mittwoch. „In Vernehmungen wird von einem streng hierarchischen System, geprägt von Korpsgeist und Treueschwüren gegenüber dem Vorstandsvorsitzenden als Führungsperson berichtet“, so die Sprecherin.

Der ehemalige Vorstandschef Markus Braun, der damalige Finanzvorstand Burkhard Ley und andere Wirecard-Manager hätten sich schon 2015 entschlossen, Geschäfte mit Drittpartnern in Asien zu erfinden, um das Unternehmen erfolgreicher aussehen zu lassen als es war. Sie wollten demnach verschleiern, dass das Unternehmen im tatsächlich vorhandenen Geschäft Verluste schrieb, wie die Staatsanwaltschaft erklärte.

Ein Kronzeuge und weitere Unterlagen hätten den Ermittlern weitergeholfen. Auf Basis der gefälschten Zahlen hätte Wirecard Kredite über 3,2 Milliarden Euro bekommen, die für die Banken voraussichtlich verloren seien. Das ergebe sich unter anderem aus den Aussagen eines Kronzeugen, der sich kürzlich gestellt hatte. Den Namen nannte die Staatsanwaltschaft nicht. Der Chef der Wirecard-Tochter CardSystems Middle East war jedoch kürzlich aus Dubai nach München eingeflogen und hatte sich selbsttätig bei den Ermittlern gemeldet.

Einer der neuen Haftbefehle richtet sich auch erneut gegen Ex-Vorstandschef Markus Braun. Ein erster Haftbefehl gegen ihn war gegen eine Kaution von fünf Millionen Euro außer Vollzug gesetzt. In allen Fällen sei die Haftfortdauer angeordnet worden, sagte die Sprecherin. Die drei Beschuldigten Braun, Ley und der damalige Chef-Buchhalter (Chief Accounting Officer) seien in München festgenommen worden. Der für das operative Geschäft zuständige Vorstand Jan Marsalek ist auf der Flucht. Ley, der Ende 2017 als Finanzvorstand gegangen war, aber als Berater an Bord blieb, stand bisher nicht im Zentrum des Skandals. Die Staatsanwaltschaft erklärte, er sei am Mittwoch in München festgenommen worden und habe sich nicht von sich aus gestellt. Sein Anwalt widersprach: „Mein Mandant hat sich dem Verfahren gestellt und tut dies weiterhin. Er weist die Vorwürfe zurück.“ Ley habe bereits freiwillig ausgesagt. Der Haftbefehl sei deshalb nicht nachvollziehbar.

Wirecard mit Sitz in Aschheim bei München hatte vor dem Insolvenzantrag eingeräumt, dass 1,9 Milliarden Euro, die angeblich auf philippinischen Treuhandkonten verbucht waren, mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht existieren. Bei diesen 1,9 Milliarden Euro handelte es sich um die angeblichen Erträge von Geschäften mit Subunternehmern, die für Wirecard Kreditkartenzahlungen in Südostasien und im Mittleren Osten abwickelten. Nach derzeitigem Stand war dieses Drittpartnergeschäft entweder in Gänze oder zum allergrößten Teil erdichtet.

Von den insgesamt 45 Tochtergesellschaften der Muttergesellschaft Wirecard gab es überhaupt nur drei, die nennenswert profitabel waren. Über die Cardsystems in Dubai liefen die mutmaßlichen Scheingeschäfte, diese Firma steuerte 2018 mit 237 Millionen einen großen Anteil des Wirecard-Gewinns bei.

Derweil gerät die Bundesregierung politisch weiter unter Druck, weil Kanzlerin Angela Merkel (CDU) noch 2019 in China bei der Pekinger Führung für den geplanten Markteintritt des Konzerns in der Volksrepublik warb. Da waren bei den deutschen Finanzwächtern der Bafin die Vorwürfe gegen das Unternehmen längst bekannt. Als Fürsprecher von Wirecard betätigte sich auch der Ex-Geheimdienstkoordinator der Regierungszentrale. Ein Untersuchungsausschuss des Bundestags rückt näher. Innerhalb der Koalition ist ein Streit über Verantwortlichkeiten ausgebrochen.

Das Bundeskanzleramt bestätigte, dass es seit Ende 2018 mehrmals Kontakt mit Wirecard-Managern und Beratern gab. Unter anderem wandte sich der von 2014 bis zum Frühjahr 2018 für die Geheimdienste zuständige Ex-Staatssekretär Klaus-Dieter Fritsche an das Kanzleramt und bat um einen Gesprächstermin für die Wirecard AG. Zur Vorbereitung bat das Kanzleramt beim Finanzministerium um Informationen zum Unternehmen. Das Finanzressort schickte dann „öffentlich verfügbare Informationen“ ans Kanzleramt - darunter Antworten der Regierung auf Anfragen der Opposition, bei denen es um Vorwürfe gegen Wirecard ging, etwa zu Unregelmäßigkeiten bei der Rechnungslegung.

Auf ihrer China-Reise im September 2019 sprach Merkel bei der Pekinger Führung das Thema der geplanten Übernahme des chinesischen Unternehmens AllScore Financial durch Wirecard an. Merkel habe zum Zeitpunkt der Reise „keine Kenntnis von möglichen schwerwiegenden Unregelmäßigkeiten bei Wirecard“ gehabt, so der Sprecher. Dass deutsche Spitzenpolitiker einschließlich Kanzlerin auf Auslandsreisen für deutsche Firmen werben, ist Usus.

Laut Kanzleramt hat Ex-Vorstandschef Braun auch bei diesen Kontakten in die deutsche Regierungszentrale noch die Fälschungsvorwürfe bestritten. Linke-Fraktionsvize Fabio De Masi sagte zu den neuen Details: „Die Affäre Wirecard wird immer undurchsichtiger.“

Die Staatsanwälte rätseln, wie der Betrug so lange unentdeckt geblieben sein konnte, obwohl die Wirtschaftszeitung „Financial Times“ und auch die WirtschaftsWoche seit Jahren über Unregelmäßigkeiten bei Wirecard berichtet hatten. Vor zwei Jahren war Wirecard sogar in den Leitindex Dax aufgestiegen, zeitweise war das Unternehmen fast 25 Milliarden Euro wert und galt in der Finanztechnologie als deutsches Aushängeschild.

Insolvenzverwalter Michael Jaffe versucht unterdessen, das verbliebene Kerngeschäft und die Wirecard Bank als Ganzes zu verkaufen, wie Insider berichten. Die von der Finanzaufsicht BaFin beaufsichtigte und abgeschirmte Bank-Tochter solle zusammen mit der zugehörigen Technik des Zahlungsabwicklers angeboten werden. Beim Verkauf des US-Geschäfts ist er bereits einen Schritt weiter. Die Investmentbank Moelis erwartet bis Freitag die ersten Gebote für die ehemalige Citi Prepaid Card Services, die Wirecard 2016 gekauft hatte. Der Verkauf sei eilig, weil die Kunden angesichts der Schlagzeilen abzuspringen drohten. Doch mögliche Bieter fürchteten die Risiken, die mit einer Übernahme verbunden sein könnten.

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