WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Querelen bei der Deutschen Bank Der hilflose Herr Achleitner

Die Diskussion um die Zukunft der Postbank verschärft die Identitätskrise und die Konflikte im Vorstand der Deutschen Bank. Selbst Aufsichtsratschef Paul Achleitner wirkt hilflos.

Deutsche Bank Aufsichtsratschef Achleitner Quelle: REUTERS

Die „24“ erinnert Frank Strauß täglich an die prägenden Jahre seiner Karriere. Bis heute haben die zwei Ziffern einen Ehrenplatz im Büro des Chefs der Postbank. Sie stehen nicht etwa für die frühere Rückennummer auf dem Trikot des ehemaligen Eishockeyprofis, sondern für ein damals gewagtes und heute fast vergessenes Experiment, bei dem Strauß als junger Banker ganz vorne mit dabei war.

Die „Deutsche Bank 24“ ging 1999 an den Start. Das Frankfurter Geldhaus wollte sich damals auf große Kunden und das Investmentbanking konzentrieren und lagerte sein Geschäft mit Privatkonten und Krediten aus. Ein Börsengang war das Ziel, doch schon 2002 folgte die Rolle rückwärts. Da sich die Kunden dort zweitklassig behandelt fühlten, holte die Bank das Filialgeschäft wieder in den Konzern. Seitdem gilt die Ausgliederung bei vielen Bankern als Fehlschlag und Symbol der Arroganz.

Die Konfliktherde der Deutschen Bank
28. April 2015Deutsche Bank Co-Chef Jürgen Fitschen muss sich in München vor Gericht verantworten. Gleichzeitig beginnt auch der Prozess gegen vier andere ehemalige Deutsche Bank-Manager. Fitschen wird versuchter Prozessbetrug im Schadenersatzstreit mit den Erben des Medienunternehmers Leo Kirch vorgeworfen. Quelle: dpa
24. April 2015Am Freitag wollen Vorstand und Aufsichtsrat der Bank über die zukünftige Strategie von Deutschlands größter Bank entscheiden. Bisher sieht es so aus, als würden zwei Modelle bevorzugt. Zur Wahl stehen die Aufspaltung der Bank in eine Unternehmer- und eine Privatkundenbank oder der Verkauf der Postbank zusammen mit einem üppigen Sparprogramm. Quelle: dpa
10. April 2014Im Libor-Skandal soll die Deutsche Bank eine Milliardenstrafe zahlen. Laut Berichten kommt es zu einem Vergleich zwischen den ermittelnden US-Behörden und der Bank, der bei umgerechnet 1,4 Milliarden Euro liegen soll. Das wäre die höchste Strafe, die im Libor-Skandal bisher verhängt wurde. Quelle: dpa
Januar 2015Seit Anfang des Jahres wird über die neue Strategie der Deutschen Bank gerätselt. Wird die Postbank verkauft und an die Börse gebracht? Oder soll das gesamte Privatkundengeschäft abgespalten werden? Noch ist nicht klar, welches Modell am Ende vorne liegt. Sicher scheint nur, dass es so nicht weitergehen kann. Quelle: dpa
09. Dezember 2014Der Steuerstreit zwischen der Deutschen Bank und den USA geht weiter. Am Montag reichte die US-Regierung Klage gegen den deutschen Branchenprimus ein. Dem Institut wird vorgeworfen, Einkommenssteuer hinterzogen zu haben. Der New Yorker Staatsanwalt Preet Bharara erklärte, die USA klagten auf 190 Millionen Dollar. Diese Summe umfasse die entgangenen Steuern, Strafen und Zinsen. Die Klage bezieht sich auf einen Fall aus dem Jahr 1999. Durch ein Geflecht aus Luftbuchungen und Scheinfirmen sei den USA eine erhebliche Summe an Steuern entgangen, so der Staatsanwalt. Quelle: REUTERS
Das Logo der Deutschen Bank der Firmenzentrale in Frankfurt am Main spiegelt sich in einem Hochhaus Quelle: dpa
19.06.2014Großinvestoren wie die Allianz-Tochter Pimco und die DZ Bank verklagen die Deutsche Bank und fünf andere Geldhäuser wegen ihrer Verwicklung in das Geschäft mit riskanten Hypothekenpapieren. Sie hätten ihre Pflichten als Treuhänder verletzt, weil sie die Emittenten hypothekenbesicherter Papiere (MBS) vor der Finanzkrise 2008 nicht zum Rückkauf wackliger Kredite gedrängt hätten, heißt es in mehreren am Mittwoch in New York eingereichten Klagen. Die Anleger fordern Entschädigung für Verluste von 250 Milliarden Dollar mit 2200 MBS, die zwischen 2004 und 2008 ausgegeben wurden. Die sechs verklagten Banken zählten zu den größten Treuhändern solcher Papiere. In den MBS waren viele Kredite an Hausbauer gebündelt, die aufgrund schmaler Einkommen eigentlich gar keine Hypothek hätten bekommen dürfen. Viele Banken nahmen es mit den Risiken im Streben nach maximalem Profit aber nicht so genau. Als mehr und mehr Immobilienbesitzer im Zuge sinkender Immobilienpreise ihre Raten nicht mehr zahlen konnten, brach das auf zwei Billionen Dollar aufgeblähte System zusammen und löste die Finanzkrise aus. Neben der Deutschen Bank wurden die britische HSBC sowie die US-Häuser Citi, Wells Fargo, Bank of New York Mellon und US Bancorp verklagt. Quelle: dpa

Nicht so bei Strauß. Das Konzept, in einer eigenen Einheit einfachen Kunden mit einfachen Prozessen einfache Produkte anzubieten, hält der Chef der Postbank nach wie vor für eine gute Idee, die allenfalls ein paar Jahre zu früh gekommen ist.

Es geht um die Identität der Bank

Nun aber könnte ihre Zeit da sein. Anhaltender Misserfolg und trübe Perspektiven zwingen die Deutsche Bank dazu, ihre Strategie zu überdenken. Auch wenn Bankmanager betonen, dass noch nichts entschieden ist und alle Abteilungen auf den Prüfstand kommen, steht das Privatkundengeschäft im Fokus. Eine komplette oder teilweise Trennung von der Postbank, womöglich sogar von der kompletten Sparte, ist eine ernsthaft diskutierte Option.

Bei der Grundsatzdebatte geht es um weit mehr als die Frage, wo sich künftig die besten Geschäfte machen lassen. Es geht um die Identität der Bank. Entsprechend heftig geht es zur Sache. Die vor allem in London ansässigen Investmentbanker und die deutschen Kundenbetreuer ziehen kräftig übereinander her.

Der Riss reicht bis in den Vorstand. Dort ist Privatkundenchef Rainer Neske in die Isolation geraten. Nach seinem Amtsantritt 2012 hat Co-Chef Anshu Jain Schlüsselposten vor allem mit Getreuen besetzt, die wie er aus dem Investmentbanking stammen.

Zahl der Hochverdiener bei Banken nach EU-Land

Doch Neske kämpft nicht auf verlorenem Posten. In seinem Geschäftszweig arbeiten knapp 40.000 Deutschbanker, der größte Block der fast 100.000 Köpfe starken Truppe. Er gilt in Öffentlichkeit und Politik als guter Teil der Bank, als braves Gegengewicht zur Zockerei der Investmentbanker.

Die unklare Zukunft setzt auch den bei seinem Start 2012 unumstrittenen Aufsichtsratschef Paul Achleitner unter Druck. Banker kritisieren seine mangelnde Entschlusskraft. „Die Konflikte im Vorstand sind ihm völlig entglitten“, klagt ein Top-Banker. Mit seinem Zögern trage Achleitner dazu bei, dass sich quälende Lähmung in der Bank breitmache. Ansagen wie die, dass es bei der Neuausrichtung „keine Tabus“ geben werde, helfen da nur wenig.

Die Bank ist für die breite Palette zu schwach

Bislang hat sich die Deutsche Bank als Universalbank verstanden. Von Ratenkrediten bis zu hochkomplexen Derivaten hat sie alles im Angebot. In großer Vielfalt sah sie die Antwort auf die Krise nach 2008. Mit Zukäufen wie der Privatbank Sal. Oppenheim und der Postbank mache sie sich unabhängiger von den Schwankungen an den Kapitalmärkten, predigte der bis 2012 amtierende Bankchef Josef Ackermann.

Seine Nachfolger Jain und Jürgen Fitschen hielten an der Idee fest. Doch mittlerweile zeigt sich, dass die Bank für die ganz breite Palette zu schwach ist. Ihre Top-Manager müssen eingestehen, dass sie sich nicht mehr alles leisten können. Die Erkenntnis kommt reichlich spät. „Der Vorstand hätte seine Strategie viel früher anpassen müssen“, rügt ein Fondsmanager.

Auch wegen dieses Versäumnisses haben Investoren jegliches Zutrauen verloren. Binnen zwölf Monaten hat die Aktie fast 30 Prozent an Wert verloren. Keine andere vergleichbare Bank hat sich derart schlecht entwickelt. Zwei große Kapitalerhöhungen sind im Wesentlichen für Strafzahlungen und Rückstellungen für Prozesse draufgegangen – und dafür, dass die Bank die strengeren Vorgaben der Regulierer zumindest einigermaßen erfüllt.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%