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Sparkassen und Corona „Das Potenzial dieser Krise ist größer als 2008“

Peter Schneider Quelle: PR

Baden-Württembergs Sparkassenpräsident Peter Schneider über Kreditvergabe in Corona-Zeiten und das mögliche Klumpenrisiko Autoindustrie. 

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WirtschaftsWoche: Herr Schneider, wie hart trifft die Coronakrise die Sparkassen in Baden-Württemberg?
Peter Schneider: Anfang März haben sich große Teile des bisherigen Geschäfts mit Unternehmenskunden von einem Tag auf den anderen komplett verändert. Die Nachfrage nach Liquidität und neuen Krediten ist geradezu explodiert. Das gilt auch für die Nachfrage nach Förderkrediten. Gemeinsam mit der Landesbank Baden-Württemberg konnten wir 4.300 Anfragen nach Förderkrediten schnell und effektiv bearbeiten. Die Sparkassen haben allein im ersten Halbjahr 2020 insgesamt über 15 Milliarden Euro neue Kredite zugesagt. Damit haben wir bewiesen, wie leistungsfähig wir sind und unsere Position als Marktführer gestärkt. Manche Wettbewerber, die aus dem Ausland stammen oder rein digitale Angebote unterhalten, waren mit der Situation überfordert.

Das klingt so, als wären die Sparkassen ein Profiteur der Krise. Wegen möglicher Kreditausfälle müssen sie die Risikovorsorge allerdings auf 400 Millionen Euro verdreifachen, das Ergebnis halbiert sich deshalb.
Es wäre unseriös, heute bereits in irgendeiner Form ein Fazit der Krise zu ziehen. Bisher gab es tatsächlich nur sehr wenige Insolvenzen, aber wir werden erst im kommenden Jahr sehen, ob es so bleibt. Ein erneuter Lockdown etwa würde die Situation deutlich verschärfen. Ich halte das Potenzial dieser Krise weiterhin für deutlich größer als die Verwerfungen, die wir in den Jahren 2008 und 2009 gesehen haben. Wenn man die damaligen Ausfallquoten zugrunde legt, würde sich die Risikovorsorge nochmals verdoppeln.

Würde eine solche Zuspitzung die Stabilität der Sparkassen gefährden?
Nein, selbst in diesem Szenario würden die Institute in Baden-Württemberg insgesamt ein ausgeglichenes Ergebnis erzielen. Zudem haben die Sparkassen die vergangenen Jahre genutzt, um ihre Kapitalbasis deutlich zu stärken. Parallel haben sie auch die Kreditvergabe deutlich ausgeweitet, dabei aber nicht wie manche Wettbewerber ihre Standards gelockert. Das wird sich jetzt auszahlen.

Gerade Sparkassen in Baden-Württemberg sind stark bei Autozuliefern engagiert, die neben der Krise auch noch den strukturellen Wandel verkraften müssen. Hier drohen zahlreiche Schieflagen.
Das starke Engagement in der Autobranche war für uns in den vergangenen Jahren immer ein Vorteil und kann nun tatsächlich zum Problem werden. Die gesunkene Nachfrage und der technologische Wandel treffen viele Unternehmen mit voller Härte. Wir werden sehen, ob das tatsächlich zu einer erhöhten Zahl von Kreditausfällen führt. Wir beobachten das genau und haben Mechanismen etabliert, um die Perspektiven von Zulieferern abschätzen zu können. Bei Unternehmen mit schwacher Bonität und eingeschränkter technologischer Zukunftsfähigkeit erfolgt die Finanzierung restriktiv. Ich bin aber für die Industrie langfristig optimistisch. Deutsche Hersteller bauen immer noch die besten Autos der Welt und die Welt fragt nach deutschen Autos. Aus China etwa kommen seit Wochen schon wieder ermutigende Signale.

Viele Sparkassenfunktionäre beklagen, dass die Regulierung sie übermäßig trifft. Sie auch?
Ja. Gleich zu Beginn der Pandemie haben die zuständigen Aufseher einige Vorgaben gelockert, die krisenverschärfend gewirkt hätten. Das hat uns den notwendigen Spielraum für die Finanzierung der Unternehmen verschafft. Ich sehe allerdings mit Sorge, dass die Aufsicht angekündigt hat, bei einer Erholung der Wirtschaft viele Vorschriften umgehend wieder in Kraft zu setzen. Viele von ihnen sind schlicht sinnlos. Dabei handelt es sich um zahlreiche Meldepflichten oder auch um Vorgaben zum Rating, die im Abschwung als Brandbeschleuniger wirken können.


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Die Aufseher könnten den Sparkassen schon bald sogar noch härter zusetzen. Sie überprüfen derzeit das bisherige Sicherungssystem, weil sie es im Krisenfall für womöglich nicht ausreichend halten. 
Über manche Details kann man reden, im Grundsatz hat das System aber bereits vielfach seine Leistungsfähigkeit bewiesen. Bisher haben die Sparkassen strauchelnde Institute immer innerhalb der Organisation aufgefangen. Die Diskussion trifft uns aber auch insofern, weil sie potenziell viel Geld kosten kann. Wir sollen ja möglicherweise über Jahre einen zusätzlichen Sicherungsfonds aufbauen. Eine durchschnittliche Sparkasse könnte das schnell fünf bis zehn Prozent ihres Geschäftsergebnisses kosten. Zudem scheinen mir einige Forderungen der EZB nicht zu Ende gedacht.

Zum Beispiel?
Die Aufsicht hat eine Art Vorabgewährleistung ins Gespräch gebracht, also die garantierte Sicherheit, dass eine Sparkasse oder Landesbank auf jeden Fall gerettet wird. Das erinnert doch stark an die frühere Gewährträgerhaftung, bei der die Eigentümer der Sparkassen und Landesbanken für deren Verbindlichkeiten hafteten und die von der EU wegen Wettbewerbsverzerrung abgeschafft wurde. Es kann ja kaum gewünscht sein, diese durch die Hintertür nun wieder einzuführen.

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