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Tauchsieder

Lüftet endlich das Bankgeheimnis

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Ein Mix aus Kontrolle, Zwang und Konfiskation

Zucman schlägt vor allem drei Maßnahmen vor, einen Mix aus Kontrolle, Zwang und Konfiskation. Erstens ein weltweites Finanzkataster, in dem alle Aktien und Anleihen (möglichst auch: Derivate) aufgelistet sind - und auf das die Finanzämter aller Länder einen Zugriff haben. Zucman hofft, mit diesem Kataster die Eigentümer aller weltweit zirkulierenden Wertpapiere identifizieren und Briefkastenfirmen enttarnen zu können.

Teure Fehler bei der Steuererklärung
Steuerfehler Nummer 1: Ausgaben vergessenBeiträge zum Beispiel für die Riester- oder Rürup-Rente können Arbeitnehmer von der Steuer absetzen. Weil genau das beim Abschluss dieser Verträge meist als Verkaufsargument genannt wird, ist es vielen Bürgern bekannt – aber nicht unbedingt bewusst. „Aus der Praxis wissen wir, dass Steuerzahler oft vergessen, ihre Riester- und Rürup-Kosten in der Steuererklärung anzugeben“, so die Experten des Lohnsteuerhilfevereins Vereinigte Lohnsteuerhilfe. Sie haben sieben Fehler zusammengestellt, durch die sich Steuerpflichtige Rückzahlungen häufig entgehen lassen. Quelle: IMAGO
Steuerfehler Nummer 2: Rechnungen bar zahlenHandwerker, Putzfrauen oder auch Au-pairs haben gemeinsam, dass man die Kosten in vielen Fällen von der Steuer absetzen kann - entweder als sogenannte Handwerkerleistung oder als haushaltsnahe Dienstleistung. Eine weitere Gemeinsamkeit ist, dass Steuerzahler voll auf den Kosten sitzen bleiben, wenn sie das Geld bar bezahlen. Da hilft es auch nichts, die Rechnungen aufzuheben. Ohne Kontonachweis keine Steuervorteile. Quelle: IMAGO
Steuerfehler Nummer 3: Hintertür zuschlagen und außergewöhnliche Belastungen nicht angebenDer Bundesfinanzhof (BFH) hat Ende 2015 in Bezug auf außergewöhnliche Belastungen entschieden, dass die Regel zur zumutbaren Eigenbelastung nicht zu beanstanden ist. Deshalb gilt weiterhin: Nur die Krankheits-, Pflegeheim- oder Scheidungskosten, die über der eigenen zumutbaren Belastungsgrenze liegen, kann man absetzen. Für diesen zumutbaren Eigenanteil hat der BFH aber im Januar 2017 eine neue Berechnungsregelung festgelegt. Die Richter gaben den Finanzämtern vor, dass künftig schrittweise die Prozentwerte je nach Einkommenshöhe angesetzt werden müssten (VI R 75/14). So seien von den ersten 15.340 Euro nur zwei Prozent aufzubringen (306,80 Euro), von den nächsten 35.790 Euro drei Prozent (1073,70 Euro) und erst darüber vier Prozent. Im Ergebnis sinkt die zumutbare Eigenbelastung gegenüber der alten Regelung. Viele Bürger sammeln gar nicht erst die Belege für das Zahnimplantat oder die Brille, weil sie denken, dass sie mit den Kosten sowieso nicht über die Zumutbarkeitsgrenze kommen. Aber es gibt noch eine Hintertür: Stehen außergewöhnliche Belastungen an, sollten Steuerzahler versuchen, sie in einem Kalenderjahr zu bündeln, um die Zumutbarkeitsgrenze sicher zu überschreiten. Quelle: IMAGO
Steuerfehler Nummer 4: Mietvertrag mit Angehörigen nicht wasserdicht gestaltenVermietungen unter Verwandten sind nicht ungewöhnlich. Der Mieter bekommt eine Immobilie zum günstigen Preis, der Vermieter kann – trotz geringerer Miete – seine Kosten für das Objekt voll absetzen. Das geht aber nur, wenn zwei Bedingungen erfüllt sind: Erstens, die monatliche Miete beträgt mindestens 66 Prozent der ortsüblichen Miete. Das heißt so viel wie: Zu günstig geht nicht. Zweitens … Quelle: IMAGO
… muss die Durchführung des Mietvertrags einem Fremdvergleich standhalten. Das bedeutet: Die Miete wird überwiesen und nicht bar ausgezahlt, sie wird außerdem pünktlich überwiesen, es gibt eine jährliche Nebenkostenabrechnung und ähnliches mehr. Quelle: dpa
Steuerfehler Nummer 5: Einträge vertauschenSie haben eine Fortbildung selbst bezahlt, die Kosten dafür aber nicht bei Weiterbildung sondern bei allgemeinen Werbungskosten in der Steuererklärung angegeben? Oder Sie haben Handwerke rleistungen bei den außergewöhnlichen Belastungen eingetragen? So etwas passiert Laien immer wieder. Das Finanzamt streicht dann zwar die geltend gemachten Kosten aus den falschen Zeilen raus, trägt sie aber nicht in die richtigen ein. Die Rückzahlung, die Ihnen zustehen würde, bleibt einfach aus. Quelle: dpa
Steuerfehler Nummer 6: Fristen verstreichen lassenDas Finanzamt schickt Ihnen den Steuerbescheid und Sie sind froh, dass Sie keine Steuern nachzahlen müssen? Oder Sie bekommen eine Rückzahlung, die aber geringer ausfällt als von Ihnen erwartet? Die meisten unternehmen in solchen Fällen nichts. Das könnte allerdings ein teurer Fehler sein. Denn vier Wochen nach dem Bescheid verstreicht die Einspruchsfrist. So lange können Sie den Bescheid genauer unter die Lupe nehmen oder einen Profi engagieren, der nachträglich für Sie gegenüber dem Finanzamt eintritt und etwaige Fehler behebt. Quelle: Handelsblatt Online

Zweitens schlägt Zucman vor, mit zwischenstaatlich koordinierten Sanktionsdrohungen Druck auf Steueroasen auszuüben. Warum sollten die USA und Europa den Bahamas, die extrem abhängig sind von ihren dunklen Finanzgeschäften, nicht mit einer Anhebung der Quellensteuer auf 100 Prozent drohen, um endlich Transparenz durchzusetzen? Warum sollten Frankreich, Deutschland und Italien die Schweiz nicht mit Zollsanktionen in Höhe der entgangenen Steuermilliarden belegen, wenn man doch weiß, dass der Schweizer Export zu 35 Prozent von diesen drei Ländern abhängt? Und warum sollte man Luxemburg nicht mit dem Ausschluss aus der EU drohen, wenn es sich bei ihm doch immer weniger um einen souveränen Staat als um eine exterritoriale "Plattform der weltweiten Finanzindustrie" handelt? Ja - warum eigentlich nicht? Es ist jedenfalls schwer widerlegbar, was Zucman schreibt: "Steuerparadiese und zuvorderst Luxemburg sind die ersten, die das recht jedes Landes verteidigen, seien Steuern selbst zu wählen - sie sind auch die ersten, die dieses Prinzip im Alltag mit Füßen treten."

Drittens schließlich plädiert Zucman, ähnlich wie Piketty, für die Einführung und Durchsetzung globaler Steuern. Eine vom IWF eingezogene Kapitalsteuer in Höhe von zwei Prozent des Wertes aller Wertpapiere zum Beispiel würde bedeuten, dass sich Vermögende  einen Teil des Geldes nur dann zurückholen könnten, wenn sie ihr Vermögen tatsächlich erklärten. Und eine globalisierte Körperschaftssteuer würde die Verrechnungsmanipulationen globaler Konzerne beenden, die angeblich in Steuerparadiesen wie Irland Patente, Logos und Algorithmen entwickeln, um dort ihre Gewinne zu versteuern - und nicht in Deutschland oder in den USA. 

Steuern & Recht



Alles nur Wolkenkuckucksheim eines zornigen Ökonomen? Eine schöne Utopie, die an der Macht der Realität scheitern muss? Nein, nein, naiv ist Zucman nicht. Im Gegenteil. Es gehört zu den großen Vorzügen seines Buches, dass seine Vorschläge unbedingt praktikabel sind - wenn die Politik sich ihrer bloß annehmen wollte. Und das ist der eigentliche Ertrag ihrer Bücher: Ökonomen wie Zucman und Piketty bringen die Regierenden zurück ins Spiel. Sie demaskieren die gängige Rede von "Pfadabhängigkeiten" und angeblich "irreversiblen Entwicklungen", von "systemischer Macht" und der "Alternativlosigkeit" als das, was es ist: als Selbstkastration der Politik. Politik ist immer ein Spiel mit Optionen. In der Politik hat man immer eine Wahl. Nur Unentschlossenheit, denkt man beim Zuklappen des Buches - die vor allem gehört verboten.

*Gabriel Zucman - Steueroasen, Wo der Wohlstand der Nationen versteckt wird; edition suhrkamp, 14 Euro 

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