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Übernahmeversuch Wie Pinterest Paypals Schwäche kaschieren könnte

A Pinterest logo is seen on a smartphone in front of a displayed PayPal logo in this illustration taken October 20, 2021. REUTERS/Dado Ruvic/Illustration Quelle: REUTERS

Es könnte die größte Übernahme eines sozialen Netzwerks werden – die ausgerechnet ein Finanzdienstleister plant: Der Bezahldienst Paypal könnte Pinterest schlucken. Verrückte Volte oder sinnvolle Strategie?

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Es sind immer die, denen man es nicht zutraut. Dieser Tage zeigt sich, wie wahr diese Volksweisheit ist: In den USA bahnt sich ein Firmenzukauf an, der zur größten Übernahme eines sozialen Netzwerkes überhaupt werden könnte. Offenbar steht Pinterest zum Verkauf, eine virtuelle Pinnwand für Bilder, Grafiken und Videos – und der Käufer scheint bereit zu sein, 45 Milliarden US-Dollar für die Onlineplattform mit 1,7 Milliarden Dollar Jahresumsatz zu zahlen.

Kurios daran ist: Als möglichen Käufer handeln US-Medien kein anderes soziales Netzwerk wie Facebook, ja nicht einmal einen Internetkonzern wie die Google-Mutter Alphabet. Nein, der Interessent ist offenbar ein Finanzdienstleister: Der Bezahlanbieter Paypal, der zuletzt 6,1 Milliarden US-Dollar jährlich einnahm.

Nur: Was will Paypal bloß mit Pinterest? Womöglich die eigene, sich abzeichnende Schwäche kaschieren: „Paypal könnte mit der Übernahme die Flucht nach vorne antreten“, sagt Marcus Mosen, Ex-Chef des deutschen Zahlungsdienstleisters Concardis. Diese ist offensichtlich notwendig – obwohl der Paypal-Aktienkurs binnen fünf Jahren um 440 Prozent gestiegen ist.



Paypal ermöglicht es seinen Nutzern, vor allem im Internet zu bezahlen. Dazu verknüpfen die Kunden ihr Bankkonto mit Paypal; bei Käufen überweist Paypal dem Händler Geld und bucht es zugleich vom Konto des Nutzers ab. Bei Kunden ist Paypal beliebt, weil sie mit dem Dienst schnell und unkompliziert bezahlen können: Sie müssen sich bloß mit ihrer Mailadresse und ihrem Passwort einloggen, um eine Zahlung freizugeben.

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    Das Problem: Paypal ist ein Pionier, dessen Geschäftsmodell zunehmend unter Druck steht. Im Internet lässt sich längst mit diversen Zahlarten einkaufen – vor allem mit der klassischen Kreditkarte, hinzukommen Anbieter wie der schwedische Zahlungsdienstleister Klarna mit seiner Marke Sofort.

    Die Folge dieser Entwicklung: „Zahlungsdienstleistungen werden noch stärker als bisher zu einem standardisierten Produkt werden, die Margen kommen deshalb unter Druck“, sagt Experte Mosen.

    Aus Kundensicht sind die Angebote weitgehend austauschbar. Den allermeisten dürfte es egal sein, mit welchem Anbieter sie bezahlen – Hauptsache, der korrekte Betrag wird von ihrem Konto zum Händler transferiert, dessen Produkte sie gekauft haben.

    Paypal hat zwei Optionen, um dem Margen-Massaker zu entgehen: „Der Konzern könnte einen anderen Zahlungsanbieter übernehmen“, sagt Christof Grabher, Chef der Schweizer Unternehmensberatung Confidum. Mit diesem Schritt würde Paypal von Größeneffekten profitieren, könnte die eigenen Systeme besser auslasten. Die Schwierigkeit an dieser Idee: Der Margendruck bleibt.

    Experte Mosen glaubt deshalb: „Allein als Zahlungsdienstleister kann Paypal seine hohe Bewertung kaum rechtfertigen.“ Die Paypal-Aktionäre taxieren den Wert des Konzerns auf knapp 273 Milliarden Euro. Bedeutet: Aus Investorensicht ist jeder der zuletzt 403 Millionen Paypal-Nutzer fast 700 Euro wert. Das ist ambitioniert, verdient Paypal an jeder Transaktion seiner Nutzer doch nur wenige Cent.

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    Paypal hat sich – mutmaßlich aus diesen Erwägungen heraus – für die zweite Strategie entschieden, die lautet: sich weiter an die Kunden heranzuwanzen. „Eine mögliche Pinterest-Übernahme folgt der Logik: Ein Bezahlanbieter besitzt besser eine große Onlineplattform, als ihr seine austauschbare Dienstleistung anzubieten“, sagt Philipp Bulis, Finanzexperte der Beratung Oliver Wyman. Gelingt der Pinterest-Kauf, könnte sich Paypal ein gewisses Volumen an Bezahlvorgängen sichern und müsste nicht länger fürchten, durch einen Wettbewerber ersetzt zu werden. Zudem dürfte Paypal darauf setzen, durch die Übernahme mehr Kunden zu gewinnen, weil Pinterest-Nutzer ein Paypal-Konto eröffnen. Diese Hoffnung dürfte berechtigt sein: Pinterest verfügt über fast 500 Millionen Nutzer.

    Zudem dürfte es noch einen dritten Grund für den angestrebten Kauf geben: „Paypal dürfte versuchen, den Pinterest-Kunden weitere Dienstleistungen anzubieten, bei denen es nicht um die reine Zahlungsabwicklung geht“, prognostiziert Experte Mosen. Schließlich sind solche Produkte lukrativer.

    Ein Beispiel für eine solche Zusatz-Dienstleistung nennt Berater Bulis: „Dazu kann ein Angebot zählen, das einem Ratenkredit ähnelt: Der Nutzer kauft jetzt ein Produkt über Pinterest, Paypal streckt die Summe vor und holt sich das Geld erst in einigen Wochen zurück“. Pinterest bietet sich für solche Ratenzahlungs-Angebote, die Paypal seinen Kunden bereits seit Langem offeriert, an: Das soziale Netzwerk ermöglicht Nutzern in immer mehr Ländern, Produkte über Pinterest zu kaufen, die sie auf der Onlineplattform entdeckt haben.

    Weniger Konkurrenz, mehr Nutzer und zusätzliche Einnahmequellen: Eine Übernahme würde trotzdem Risiken bergen. „Paypal könnte schlicht auf das falsche Netzwerk gesetzt haben“, sagt Oliver-Wyman-Berater Bulis. Womöglich hält das Wachstum von Pinterest nicht an, das die Corona-Pandemie beschleunigt hatte. Zudem träte Paypal in Konkurrenz zu anderen sozialen Netzwerken wie Facebook und Online-Shopping-Portalen wie Ebay und Amazon. Ob die große Lust haben, dass Paypal auf ihren Plattformen Zahlungen abwickelt, wenn Paypal zum Konkurrenten erwächst?

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