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Verkehrte (Finanz)welt

Wenn Komplexität die Bonität einer Anleihe verbessert

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Derivate erhalten bessere Bonität als gewöhnliche Anleihen

Da mag der Betrachter die Stirn runzeln: Wie kann es sein, dass Anleihen, Zertifikate und Schuldscheindarlehen, die Derivate enthalten, plötzlich eine bessere Bonität erhalten, als ganz gewöhnliche, fix oder variabel verzinste Papiere?

Die BaFin (Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht) nennt als Grund für die Gesetzesänderung ganz praktische Gründe. Es geht um die Durchführung der Abwicklung. Diese muss theoretisch sehr schnell von statten gehen können. Idealerweise sogar während eines sogenannten „Abwicklungswochenendes“, zumindest aber innerhalb sehr kurzer Zeit.

Fantasievolle Wertpapiergestaltung kann sich lohnen

Bei Verbindlichkeiten, die Derivate enthalten, sieht sich die BaFin nicht in der Lage, die komplexen Verträge und zugehörigen Derivate so kurzfristig korrekt zu bewerten. Da eine ausreichend schnelle Liquidation bestimmter Produkte also nicht gewährleistet werden kann, wird künftig darauf nur noch zugegriffen, wenn die „Plain Vanilla“-Verbindlichkeiten aufgebraucht sind.

Wo ein Gesetz, da auch eine Lücke. Die neue Haftungskaskade könnte möglicherweise dazu führen, dass manch findige Bank ihren Investoren „unechte“ strukturierte Anleihen oder Schuldscheindarlehen anbietet. Diese Papiere würden zwar Derivate enthalten, die aber so wenig wert sind, dass sie für Zahlungsströme und Bewertung vernachlässigbar sind. Ein Beispiel könnten etwa variabel verzinste Anleihen sein, die eine unrealistisch hohe Zinsobergrenze von 20 Prozent beinhalten. Oder Anleihen, deren Kupon eine zusätzliche Option enthält, wie etwa ein kleiner Bonuszins von 0,1 Prozent, sollte der Dax über märchenhafte 30.000 Punkte gehen.

So bedrohlich sind die größten Banken der Welt
Klasse 1 – UBS, Santander, Royal Bank of Scotland Quelle: AP
Klasse 1 – Morgan Stanley Quelle: REUTERS
Klasse 1 – Standard Chartered Quelle: REUTERS
Klasse 1 – Unicredit Quelle: dpa
Klasse 2 – Barclays Quelle: dpa
Klasse 2 – Wells Fargo Quelle: REUTERS
Klasse 2 – Industrial and Commercial Bank of China Quelle: REUTERS

Der Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt. Hauptsache, die Eintrittswahrscheinlichkeit des Ereignisses ist aus heutiger Sicht minimal und die verwendete Option dadurch mehr oder weniger nichts wert. Das Risiko für Bank und Anleger aus dem Derivat ist quasi bei null, die Kosten ebenso. Die Bonität hingegen ist nun verbessert, die Bank kann dafür einen geringeren Zins zahlen und der Anleger ruhiger schlafen.

Was bei vielen Finanzmarktbeobachtern Kopfschütteln verursachen mag, kann Investoren in strukturierte Titel hingegen freuen: Gerade die Komplexität ihrer Papiere kann jetzt vor Ausfall schützen. Ob dies nun zu mehr Nachfrage von strukturierten Anleihen führt, wird sich zeigen. Es ist in jedem Fall ein kleines Kuriosum, wie ein Derivat einer Anleihe zu besserer Bonität verhelfen kann.

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