Volksbanken und Sparkassen Vertreibung aus dem Sparadies

Volksbanken und Sparkassen fühlen sich durch die europaweite Bankenunion benachteiligt, die ihnen die Einlagensicherung internationaler Großbanken aufzwingt. Zu Recht?

Welche deutschen Banken von der EZB beaufsichtigt werden
IKBVor dem Start der europäischen Bankenaufsicht will die Europäische Zentralbank (EZB) die Bilanzen von 124 der größten Geldhäuser im Euroraum durchleuchten. In Deutschland wollen die Währungshüter 24 Institute genauer unter die Lupe nehmen. Zu den mit Spannung erwarteten Regeln, die von den großen Banken erfüllt werden müssen, erklärten die Währungshüter, verlangt werde bei der Überprüfung eine sogenannte harte Kernkapitalquote von acht Prozent als Puffer gegen Krisen. Das heißt, dass Banken ihre Risikopositionen mit mindestens 8 Prozent Eigenkapital untermauern müssen. Die IKB-Bank erfüllt diese Forderung: Bilanzsumme (in Milliarden Euro): 32 Kernkapitalquote (Stand 31. März 2013): 9,6 Prozent Quelle: dpa
SEB AGDie EZB-Prüfung der Banken unter dem englischen Namen comprehensive assessment läuft in drei Schritten. Zunächst werden die Risiken bewertet. Dies ist mit dem in Deutschland üblichen Überprüfungsprozess der Bankrisiken vergleichbar. Dem folgt eine Bilanzprüfung, bei der es um die Qualität und die Bewertung der Anlagen der Institute geht. Als dritter Punkt ist ein Stresstest vorgesehen. Dabei wird die EZB zusammen mit der europäischen Bankenaufsichtsbehörde EBA ein Krisenszenario entwickeln, um die Widerstandsfähigkeit der Banken zu prüfen. Die SEB muss sich wohl keine Sorgen machen - zumindest nicht um die Kernkapitalquote. Bilanzsumme (in Mrd. Euro): 36 Kernkapitalquote (Stand Ende 2012, gilt für die Muttergesellschaft): 15,1 Prozent Quelle: REUTERS
Wüstenrot & WürttembergischeWie mit Banken im Endeffekt umgegangen werden soll, die in der Überprüfung schlecht abschneiden, ist noch unklar. Während Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem der Auffassung ist, dass der eigentlich nur für Staaten vorgesehene Schutzschirm ESM einspringen könnte, ist Deutschland dagegen. Darum muss sich allerdings auch die Württembergische wenig Sorgen machen. Bilanzsumme (in Mrd. Euro): 37 Kernkapitalquote (Stand 31. Dezember 2012): 9,5 Prozent Quelle: dpa
Münchener HypDie Überprüfung soll im November beginnen und einschließlich Stresstest etwa ein Jahr dauern. Im November 2014 soll die EZB dann die Aufsicht über diese Institute übernehmen. Bilanzsumme (in Mrd. Euro): 37 Kernkapitalquote (Stand Ende Juni 2013): 10 Prozent Quelle: Presse
Deutsche Apotheker- und ÄrztebankIn Deutschland werden nur rund 65 Prozent des Sektors überprüft, weil die meisten Sparkassen und Genossenschaftsbanken nicht dabei sind. Sie sind zu klein und haben sich stets dagegen gewehrt, wie Großbanken behandelt zu werden. Bilanzsumme (in Mrd. Euro): 38 Kernkapitalquote (Stand 31. Dezember 2012): 10,4 Prozent Quelle: Presse
Volkswagen BankBilanzsumme (in Mrd. Euro): 39 Kernkapitalquote (Stand Ende Juni 2013): 13,9 Prozent Quelle: Presse
Hamburger SparkasseBilanzsumme (in Mrd. Euro): 40 Kernkapitalquote (Stand Ende 2012): 10,6 Prozent Quelle: dpa/dpaweb

Geht es nach den Geschäftszahlen, können sich die deutschen Sparkassen und Volksbanken als Gewinner der Finanz- und Staatsschuldenkrise fühlen. Die beiden Finanzverbünde feiern Kundenrekorde, vergeben immer mehr Kredite und weiten das Volumen des verwalteten Geldes aus.

17,7 Millionen deutsche Sparer und Unternehmen sind Mitglieder bei Volks- und Raiffeisenbanken und damit Eigentümer ihrer Bank, so viele wie nie zuvor. Rekordhoch sind auch die Kontostände mit 561 Milliarden Euro Spareinlagen, ebenso die von den Volks- und Raiffeisenbanken an ihre Genossen vergebenen Kredite in Höhe von 462 Milliarden Euro.

Auch bei den kommunalen Sparkassen kennen Kundeneinlagen und Kredite nur den Weg nach oben, 2013 wurde bei den Einlagen erstmals die 800-Milliarden-Euro-Grenze überschritten. Bei den alltäglichen Geldgeschäften sind Volksbanken und Sparkassen in Summe Marktführer vor den Großbanken.

Kaum jemand neidet den ortsnahen Geldinstituten diesen Erfolg, da sie meist in beschaulichen Filialen das Geld ihres Dorfes oder ihrer Kleinstadt verwalten und in der Regel keine für den Normalsparer undurchschaubaren Spekulationen betreiben.

Europas Bankenunion – Ein neues Bürokratiemonster?

Ist da mitten in der Krise ein ewiges Sparadies für die Kunden herangeblüht? Nein, denn die momentan hervorragenden Geschäftszahlen täuschen über zwei Dinge hinweg: Nicht nur die niedrigen Zinsen nagen besonders stark am Geschäft von Sparkassen und Volksbanken. Auch die strengere Bankenregulierung, eigentlich für international verflochtene Großinstitute gedacht, fordert Tribut im Lager von Geldgenossen und Sparkässlern.

Den Verbandsoberen klagen viele Dorffilialleiter, dass sie kaum mehr dazu kommen, sich um ihre Kunden zu kümmern, weil sie nur noch damit beschäftigt sind, Daten zu erheben und Meldungen an die Finanzaufsicht zu erstellen. Gemeinsam machen die Cheflobbyisten von Volksbanken und Sparkassen daher mit großen Imagekampagnen Front gegen den Niedrigzins der EZB und die aus ihrer Sicht überzogene Brüsseler Bankenregulierung.

Dahinter steckt mehr als der branchenübliche Kampf für verbandseigene Interessen. Tatsächlich bringen die strengeren Bankenregeln unbeabsichtigte Nebenwirkungen mit sich, die das Idyll dörflicher und regionaler Spargemeinschaften abwürgen könnten. Dabei geht es weniger um die dickeren Kapitalpolster, die alle Banken erfüllen müssen, auch die Kleinen. Was schwerer wiegt, ist die Reform der Einlagensicherung, mit der die Geldhäuser ihre Kundengelder gegen Pleiten absichern.

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Hierbei bedienen sich eines anderen Systems als die Konkurrenz. Die beiden Finanzverbünde schützen ihre Mitglieder jeweils durch verbandseigene Sicherungssysteme, bei denen der Schwerpunkt auf Prävention liegt. Kontrollen sollen sicherstellen, dass lokale Bankchefs Risiken meiden, um für die Sicherungsgemeinschaft teure Notfälle zu vermeiden. Drohen trotzdem Pleiten, werden diese durch Fusionen schwacher Institute mit stärkeren Nachbarn verhindert.

Mit der neuen europäischen Richtlinie zur Einlagensicherung hat Brüssel zwar die Institutssicherung der Volksbanken und Sparkassen anerkannt. Das ist aber nur ein Teilerfolg, denn im Zuge der europaweiten Bankenunion steht eine Vergemeinschaftung der Einlagensicherungen auf der langfristigen Agenda. Volksbanken und Sparkassen würden dadurch einen wesentlichen Teil ihrer finanziellen DNA verlieren.

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