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Vontobel-Präsident Scheidt„Der größte Teil der russischen Vermögen liegt nicht in der Schweiz“

Herbert Scheidt zählt zu den wichtigsten Bankern der Schweiz. Hier erklärt er, was die Sanktionen gegen reiche Russen für die Institute in Zürich und Genf bedeuten und wie diese künftig wettbewerbsfähig bleiben können.Cornelius Welp 30.03.2022 - 06:59 Uhr

Herbert Scheidt

Foto: REUTERS

WirtschaftsWoche: Herr Scheidt, reiche Russen haben ihr Geld gerne bei Schweizer Banken angelegt, auch Vontobel hat russische Kunden. Wie hart ist die Bank nun von den Sanktionen betroffen?
Herbert Scheidt: Die direkten Folgen sind sehr überschaubar. Für uns ging es zunächst vor allem um Detailfragen im Zusammenhang mit der Beschränkung von Transaktionen auf 100.000 Euro und der Einordnung von Personen, die etwa in Westeuropa leben oder hier verheiratet sind. Vontobel erfüllt selbstverständlich alle Sanktionen. Wir nehmen auch keine neuen Kunden aus Russland mehr an und bei den bestehenden Verbindungen ruht das Geschäft faktisch.     

Die Folgen für den Standort Schweiz können aber erheblich sein.
Ich habe keinen Überblick über die Gesamtlage, sehe derzeit aber allenfalls eine Delle und keine dramatischen Auswirkungen. Ich gehe davon aus, dass der größte Teil der russischen Vermögen nicht in der Schweiz liegt.   

Wo dann?
Alle sehr großen Vermögen sind heute ohnehin an verschiedenen Standorten gebucht. Es dürfte bereits viel Geld in wenig regulierte Offshore-Zentren und Länder geflossen sein, die sich den Sanktionen nicht oder nur in geringem Umfang angeschlossen haben. Nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre war es absehbar, dass sich die Schweizer Banken den Sanktionen anschließen würden.

Zur Person
Herbert Scheidt

Wirklich? Viele Kunden haben doch darauf vertraut, dass sie bei Schweizer Adressen jederzeit auf ihr Geld zugreifen können.
Das bezweifle ich. Die Schweizer Banken halten sich seit Jahren an die internationalen Regularien und schotten sich nicht ab. So haben sie es unter anderem auch schon nach der Annexion der Krim im Jahr 2014 gehalten.  

Es gibt aber Stimmen, die fürchten, dass die Schweiz mit der Aufgabe der Neutralität nach dem Fall des Bankgeheimnisses nun einen weiteren Standortvorteil ihrer Finanzindustrie geopfert hat.
Die Schweizer Banken sind international so verflochten, dass sie die Vorgaben unabhängig von der Entscheidung der Regierung in Bern umgesetzt haben. Es ist ihr ureigenes Interesse sicherzustellen, dass die Sanktionen nicht über sie umgangen werden können. Im Übrigen heißt neutral zu sein nicht, dass man keine Stellung bezieht.

Was bleibt als Standortvorteil, wenn sie alles genauso machen wie die internationale Konkurrenz?
Die Schweiz bleibt ein Hort der Sicherheit und der Solidität, an dem es nie eine Währungsreform gegeben hat. Gleichzeitig hat sich die Finanzindustrie schon deshalb immer international orientiert, weil der heimische Markt zu klein ist. In der Schweiz wird immer auch in anderen Währungen und globalen Anlagen gedacht. Und in den vergangenen Jahrhunderten hat sich um die Banken herum ein Ökosystem mit Universitäten und Dienstleistern entwickelt, das weltweit jedem Wettbewerb standhält.      

Trotzdem stehen viele Banken unter Druck, einige haben ihre Eigenständigkeit bereits verloren.
Das liegt an Themen wie dem Margendruck, der zunehmenden Regulierung und der Digitalisierung, die unsere Branche überall auf der Welt betreffen und die vor allem für kleinere Anbieter eine Herausforderung sind. Das Schweizer Bankensystem an sich werden sie aber nicht erschüttern.

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Schweizer Banken gelten als besonders konservativ. Tun sie sich deshalb besonders schwer mit dem Wandel?
Ein Institut wie Vontobel hat sich schon immer gewandelt. Ursprünglich waren wir eine Handelsagentur  Als ich 2002 die Führung übernahm, stammten 80 Prozent des Ertrags aus dem Geschäft mit strukturierten Produkten. Seitdem haben wir unter anderem das Investmentbanking aufgegeben und das Anlagegeschäft mit institutionellen Kunden deutlich ausgebaut. Und vor drei Jahren hat Vontobel eine Strategie verkündet, deren zentrale Treiber unsere Investment- und digitalen Kompetenzen sind.  Mit dieser stellen wir uns auch den kulturellen Herausforderungen nach Vernetzung und Agilität, weil sich alle Geschäftsfelder öffnen und in gemeinsamen Projekten engagieren müssen.

Was kann eine Schweizer Bank der Konkurrenz digital voraushaben?
Wir nutzen die Technologie ganz gezielt, um die Bedürfnisse unserer Kunden noch besser zu verstehen und wichtige Entwicklungen frühzeitig zu erkennen. So wollen wir etwa möglichst schnell registrieren, wenn sich ein Kunde im Private Banking nicht mehr ganz wohl fühlt. Die Technik erkennt besonders schnell, wenn die Kundenaktivität und der Kontakt zum Berater nachlassen. Dann können wir reagieren. Ähnlich gehen wir bei Anlageentscheidungen vor. Für uns ist es etwa zunehmend wichtig, dass wir früh erkennen, wenn ein Unternehmen die unter dem Kürzel ESG bekannten Nachhaltigkeitskriterien nicht mehr erfüllt.  

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Wie verändert sich die Kundenansprache?
Der persönliche Kontakt bleibt wichtig. In den vergangenen zwei Coronajahren haben sich unsere Kunden aber daran gewöhnt, auch digital mit uns zu kommunizieren. Und wir gehen neue Wege. Wir haben uns an dem Schweizer Fintech Yapeal beteiligt, dessen technologisches Wissen wir für unsere Lösungen nutzen. Mit Volt, unserer eigenen App zur digitalen Vermögensverwaltung, können auch Kunden im mittleren Segment unkompliziert von unseren Erfahrungen im Wealth Management profitieren.

Kannibalisieren Sie damit nicht Ihr traditionelles Angebot?
Davor haben wir keine Angst, und es bleibt uns auch gar nichts anderes übrig. Kunden, ob alt oder jung, ob sehr vermögend oder weniger, wollen heute auch digitale Lösungen. Für sie ergeben sich so auch neue Möglichkeiten, sie können über Volt etwa auch ihre Kinder spielerisch an das Thema Vermögensanlage heranführen. Wir haben uns schon in der Vergangenheit dem Wettbewerb gestellt, etwa, indem wir unsere Plattform für Zertifikate auch für andere Anbieter geöffnet haben. Wir müssen mit Leistung und mit innovativen Produkten überzeugen. 

Das sagt vermutlich jeder so.
Wir können es aber auch belegen. Wir waren einer der ersten Emittenten von Zertifikaten, die auf Kryptowährungen wie dem Bitcoin basieren. Das war für uns und auch für unsere Regulierer Neuland und mit erheblichem Aufwand verbunden. Mit solchen Angeboten stellen wir jedoch sicher, dass wir die aktuellen Entwicklungen im Sinne unserer Kunden wirklich tief durchdringen und gute Lösungen anbieten.

Weiteres Wachstum sieht Vontobel vor allem auch in den USA, wo Schweizer Banken in der Vergangenheit nicht immer gute Erfahrungen gemacht haben. Warum?
Die USA sind schlicht der mit Abstand größte Finanzmarkt der Welt. Als sich viele Schweizer Banken wegen Steuerthemen von dort zurückgezogen haben, sind wir in die Offensive gegangen, auch weil wir hier vergleichsweise wenige Altlasten hatten. Es gibt dort weiterhin ein großes Interesse, einen Teil des Vermögens völlig legal in der Schweiz anzulegen. Indem wir nun das Geschäft der UBS mit in der Schweiz gebuchten US-Kunden übernehmen, werden wir hier zum größten Anbieter. Das passt perfekt in unsere Strategie.  

Sie haben zunächst als CEO und dann als Verwaltungsratspräsident rund 20 Jahre die Geschicke einer Schweizer Bank bestimmt, als Vorsitzender der Bankiervereinigung waren Sie zudem bis vor wenigen Monaten der oberste Repräsentant der Branche. Wie ist Ihnen das als gebürtiger Deutscher gelungen?   
Ich hatte bereits sehr international gearbeitet, als ich 1995 für die Deutsche Bank in die Schweiz gegangen bin.  Diese Erfahrung war sehr nützlich im für unsere Branche sehr relevanten Dialog mit den Institutionen der EU. Gleichzeitig ist es mir nie schwergefallen, Schweizer Positionen zu vertreten. Die Schweiz ist ein liberales und international geprägtes Land.   

In wenigen Tagen werden Sie die Führung des Verwaltungsrats von Vontobel an Ihren Nachfolger Andreas Utermann übergeben. Was raten Sie ihm?
Wir pflegen einen engen und intensiven Austausch, mit konkreten Ratschlägen werde ich mich jedoch zurückhalten. Nur so viel: Als ich vor zehn Jahren die Führung des Verwaltungsrats übernommen habe, habe ich als Richtschnur vorgegeben, dass sich dieser zu 50 Prozent mit Zukunftsthemen beschäftigen muss. Ich glaube, damit sind wir gut gefahren.

Lesen Sie auch: In keinem Land Europas ist die Wirtschaft derartig abhängig von reichen Russen wie in Zypern. Was heißt es für die Mittelmeerinsel, wenn diese ausbleiben? Eine Reise auf die Russen-Insel.

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