Vor dem Stresstest Schiffskredite werden für deutsche Banken zur Überlebensfrage

HSH Nordbank, Nord/LB und die Commerzbank haben seit Jahren maue Schiffskredite in Milliardenhöhe in ihren Büchern. Sorgen die alten Kähne dafür, dass die Banken durch den EZB-Stresstest rauschen?

Kredite für marode Tanker belastet die Bankbilanzen. Quelle: AP

Anfang des Jahres war das Wetter in Australien so schlecht, dass nur wenig Kohle für den Export verladen werden konnte. Die Krise in der Ukraine hat die Seetransporte über die Krim fast zum Erliegen gebracht. Und China importiert zwar fleißig, aber doch nicht ganz so viel Eisenerz und Rohöl wie gedacht.

Es sind schlechte Nachrichten, vor allem für Oliver Faak. Der leitet bei der Nord/LB in Hannover das Geschäft mit Schiffsfinanzierungen und ist Kummer gewöhnt. Seit gut sechs Jahren steckt die Sparte in der Krise, etliche Schiffe fahren so wenig ein, dass ihre Reeder nicht mal die Zinsen für ihre Kredite zahlen können. Auf absehbare Zeit dürfte sich das kaum ändern. Bis Ende 2015 rechnet das Institut mit einem schwachen Markt und auch danach bestenfalls mit einer leichten Erholung.

Welche deutschen Banken von der EZB beaufsichtigt werden
IKBVor dem Start der europäischen Bankenaufsicht will die Europäische Zentralbank (EZB) die Bilanzen von 124 der größten Geldhäuser im Euroraum durchleuchten. In Deutschland wollen die Währungshüter 24 Institute genauer unter die Lupe nehmen. Zu den mit Spannung erwarteten Regeln, die von den großen Banken erfüllt werden müssen, erklärten die Währungshüter, verlangt werde bei der Überprüfung eine sogenannte harte Kernkapitalquote von acht Prozent als Puffer gegen Krisen. Das heißt, dass Banken ihre Risikopositionen mit mindestens 8 Prozent Eigenkapital untermauern müssen. Die IKB-Bank erfüllt diese Forderung: Bilanzsumme (in Milliarden Euro): 32 Kernkapitalquote (Stand 31. März 2013): 9,6 Prozent Quelle: dpa
SEB AGDie EZB-Prüfung der Banken unter dem englischen Namen comprehensive assessment läuft in drei Schritten. Zunächst werden die Risiken bewertet. Dies ist mit dem in Deutschland üblichen Überprüfungsprozess der Bankrisiken vergleichbar. Dem folgt eine Bilanzprüfung, bei der es um die Qualität und die Bewertung der Anlagen der Institute geht. Als dritter Punkt ist ein Stresstest vorgesehen. Dabei wird die EZB zusammen mit der europäischen Bankenaufsichtsbehörde EBA ein Krisenszenario entwickeln, um die Widerstandsfähigkeit der Banken zu prüfen. Die SEB muss sich wohl keine Sorgen machen - zumindest nicht um die Kernkapitalquote. Bilanzsumme (in Mrd. Euro): 36 Kernkapitalquote (Stand Ende 2012, gilt für die Muttergesellschaft): 15,1 Prozent Quelle: REUTERS
Wüstenrot & WürttembergischeWie mit Banken im Endeffekt umgegangen werden soll, die in der Überprüfung schlecht abschneiden, ist noch unklar. Während Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem der Auffassung ist, dass der eigentlich nur für Staaten vorgesehene Schutzschirm ESM einspringen könnte, ist Deutschland dagegen. Darum muss sich allerdings auch die Württembergische wenig Sorgen machen. Bilanzsumme (in Mrd. Euro): 37 Kernkapitalquote (Stand 31. Dezember 2012): 9,5 Prozent Quelle: dpa
Münchener HypDie Überprüfung soll im November beginnen und einschließlich Stresstest etwa ein Jahr dauern. Im November 2014 soll die EZB dann die Aufsicht über diese Institute übernehmen. Bilanzsumme (in Mrd. Euro): 37 Kernkapitalquote (Stand Ende Juni 2013): 10 Prozent Quelle: Presse
Deutsche Apotheker- und ÄrztebankIn Deutschland werden nur rund 65 Prozent des Sektors überprüft, weil die meisten Sparkassen und Genossenschaftsbanken nicht dabei sind. Sie sind zu klein und haben sich stets dagegen gewehrt, wie Großbanken behandelt zu werden. Bilanzsumme (in Mrd. Euro): 38 Kernkapitalquote (Stand 31. Dezember 2012): 10,4 Prozent Quelle: Presse
Volkswagen BankBilanzsumme (in Mrd. Euro): 39 Kernkapitalquote (Stand Ende Juni 2013): 13,9 Prozent Quelle: Presse
Hamburger SparkasseBilanzsumme (in Mrd. Euro): 40 Kernkapitalquote (Stand Ende 2012): 10,6 Prozent Quelle: dpa/dpaweb

Skepsis ist derzeit besonders angebracht. Über Jahre haben die Banken an den Krediten festgehalten und auf eine Erholung des Marktes gesetzt. Die Taktik könnte sich jetzt rächen. Denn die Europäische Zentralbank (EZB) schaut sich bei ihrem aktuellen Stresstest die Schiffsfinanzierungen besonders kritisch an. Wenn sie am Sonntag, dem 26. Oktober, die Ergebnisse präsentiert, drohen einige deutsche Institute deshalb durchzufallen. Für sie stellt sich anschließend die Existenzfrage.

Bedrohliche Dimension

In den vergangenen Monaten haben die Banken Kredite verkauft und ihre Risikovorsorge deutlich erhöht. Doch noch immer sitzen HSH Nordbank, Nord/LB und Commerzbank auf Finanzierungen von zusammen fast 50 Milliarden Euro. Wie dramatisch die Lage ist, zeigt die Selbsteinschätzung der Commerzbank. Mit 6,4 Milliarden Euro sind bei ziemlich genau der Hälfte ihrer Kredite die Schuldner bereits in Verzug oder kurz davor.

Vor allem bei den beiden norddeutschen Landesbanken haben die Finanzierungen im Verhältnis zur Größe der Institute eine bedrohliche Dimension. Über die sind deutsche Aufseher schon lange besorgt, selbst der Internationale Währungsfonds warnte vor weiteren Abschreibungen.

Die konnten die Banken bisher vermeiden. Sie bewerten ihre Kredite vor allem aufgrund von Prognosen über die künftigen Erträge der Schiffe. Die Daten dafür stammen von spezialisierten Brokern. Da in der Schifffahrt alles mit allem zusammenhängt, sind die Modelle ungemein komplex, aber letztlich Kaffeesatzleserei. Jede politische Krise macht sie zunichte.

Eine Frage der Bewertung

Die EZB ist denn auch wenig begeistert von dem Ansatz. Sie schockte die Banken mit der Idee, Schiffe nach dem aktuellen Verkaufspreis und nicht nach den vermuteten Frachterlösen zu bewerten. Tatsächlich schwanken die Marktpreise der Schiffe immens. Sie liegen aber deutlich unter den Modellrechnungen der Banken.

Schiffsfinanzierungen deutscher Banken

Denn die Branche hat einen beispiellosen Preisverfall bei Frachtschiffen erlebt. Weltweit laufen auf den Werften unverändert viele neue Exemplare vom Stapel, obwohl die Nachfrage deutlich geringer ist. Neue Kähne kosten deshalb heute 30 Prozent weniger als vor der Krise.

Technische Umbrüche beim Bau von Containerschiffen verschärfen den Verfall. Über Jahrzehnte tuckerten die Frachter weitgehend unverändert über die Meere, Spritverbrauch war keine wesentliche Größe. Das hat sich fundamental geändert. Um Transportkosten zu senken, sind neue Schiffe deutlich sparsamer und oft auch größer. Die Älteren fahren heute langsamer, als sie könnten, um Sprit zu sparen. Konkurrenzfähig sind sie dennoch nicht. Dummerweise haben deutsche Banken vor allem diese Problemfälle finanziert.

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