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Werner knallhart

Kundin darf weiter "Kunde" genannt werden. Das ist fair.

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Die kurze Fassung ist für alle da

Ganz unsprachwissenschaftlich betrachtet: Hätten die Deutschen erst gar nicht angefangen mit diesem weiblichen Anhängsel „-in“, dann wäre die kurze Fassung auch nicht die männliche, sondern die für beide Geschlechter.

Oder wie man heute ja sagen muss, weil man es dank der Medizin besser weiß: Die kurze Fassung wäre die aller Geschlechter, aller Identitäten.

Und das ist doch der Punkt: Wenn Männer und Frauen ihre eigene Ansprache auf Formularen haben wollen, obwohl seit Jahrtausenden die kurze Fassung als Kollektivbezeichnung für Männer und Frauen gilt, was sollen dann all diejenigen sagen, die weder Mann noch Frau sind? Sind die rechtlos, nur weil sie wenige sind?

Denn höchstrichterlich ist ja ebenfalls entschieden, dass es mehr gibt als nur Mann und Frau. Und nun? Es gibt eine Lösung. Ich komme zu meiner Bemerkung vom Anfang zurück. Wörter haben die Bedeutung, die wir ihnen zuteilen. Solange eine Definition unklar ist, taugt der Begriff nicht für eine klare Kommunikation. So etwas gibt es im Deutschen etwa beim Ausdruck „nächster Mittwoch“. Ist damit der kommende Mittwoch gemeint oder der Mittwoch nächster Woche, weil der Mittwoch dieser Woche ja „dieser“ Mittwoch wäre? Es hängt also davon ab, auf welche Bedeutung wir uns einigen.

Und nun müssen wir uns einfach nur wieder darauf besinnen, wie es eigentlich gedacht ist: Wird die verlängerte Form mit „-in“ nicht extra erwähnt, dann ist die kurze Form die für beide Geschlechter, ab jetzt eben für alle Geschlechter und Identitäten. Denn erstens strebt Sprache nach Einfachheit. Mittlerweile hört man „ich bin Friesenplatz“ nicht mehr nur aus dem Mund von pragmatischen Migranten, sondern auch von Muttersprachlern, weil es zwar grammatikalisch fragwürdig, aber zumindest kurz und dennoch klar ist. Auch ohne die Präposition „am“. Und wir sagen Desktop statt Schreibtischoberfläche, weil es zwar englisch, aber kompakt ist. Und die Fassung ohne „-in“ ist eben auch kürzer.

Zweitens! Zwar könnte man/frau jetzt einwenden: Super, da schlägt ein Mann vor, einfach die männliche Fassung zu verwenden und die Frauen damit sprachlich einzuverleiben. Aber sehen Sie es mal so: Die Männer geben ihr schönes, exklusives Recht an ihrer im Vergleich zur weiblichen viel schnittigeren Ansprache auf und öffnen sie für die Frauen. Zugunsten knackigerer Ansprachen auf Formularen, in Gruppen-E-Mails und in Ansprachen gegenüber Männern, Frauen und anderen Identitäten. Die Frauen verzichten in Einheitsansprachen auf ihre exklusive Ansprache mit „-in“, die Männer verzichten auf ihr Exklusivrecht auf die kompakten Wortstämme und beide Geschlechter öffnen sich sprachlich allen. Damit wir nicht in Konsequenz für jede Identität neue Begriffe benötigen, was dann nämlich nur fair wäre.

Die kurze Fassung ist eben für alle da. Männer und Frauen, lebt doch einfach damit. Das ist die Zukunft.

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