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Wetten auf Rohstoffe Deutsche Bank verspricht Fastenkur

Seit langem stehen Geldhäuser und Investoren durch ihre Rolle bei schwankenden Rohstoffpreisen in der Kritik. Die Deutsche Bank zieht nun Konsequenzen und schraubt ihre Spekulation mit Lebensmitteln zurück.

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Vor den Hochhäusern der Banken-Skyline von Frankfurt am Main erntet ein Landwirt Gerste. Quelle: dpa

Frankfurt Die Deutsche Bank will ihr Engagement bei spekulativen Rohstoffgeschäften für die Nahrungsmittelproduktion überdenken. In ihrem „Corporate Responsibility Report“ kündigte das größte deutsche Geldhaus an, im laufenden Jahr keine neuen, an der Börse gehandelten Anlageprodukte mehr zu emittieren, die auf dem Handel mit landwirtschaftlichen Rohstoffen oder auf Preiswetten von Grundnahrungsmitteln basieren.

Im Kern handelt es sich um Indexprodukte, die im Fachjargon mit Exchange Traded Funds (ETF) bezeichnet werden. Damit reagiert Vorstandschef Josef Ackermann auf die wachsende Kritik in der Öffentlichkeit. Die Organisation „Foodwatch“ hatte dem größten deutschen Geldhaus wiederholt eine Mitschuld am weltweiten Hunger gegeben. Einen vollständigen Ausstieg aus der Agrar-Spekulation lehnt die Deutsche Bank aber ab. Sie verteidigt grundsätzlich den Handel mit Finanzinstrumenten in diesem Bereich, weil unter anderem Preisschwankungen reduziert würden. Man teile aber die Ansicht der G20-Staaten, dass die Märkte für Derivate auf Agrarrohstoffe transparenter gestaltet und die Kontrollmechanismen verstärkt werden sollten.

„Wir können langfristig nur erfolgreich sein und bleiben, wenn die Menschen uns als verantwortungsbewusst wahrnehmen und uns Vertrauen entgegenbringen“, erklärte Ackermann zur gesellschaftlichen Verantwortung seines Hauses. Aus Schweizer Bankenkreisen hieß es gestern, dass auch die Credit Suisse und die UBS derzeit keine neuen ETF oder Zertifikate-Emissionen planten, die auf der Wertentwicklung von Agrarrohstoffen basieren. Beide Institute betonen, dass das bestehende Geschäft eher klein sei. So hat die UBS einen börsennotierten Indexfonds (ETF) zu Agrarrohstoffen im Angebot, der ein Volumen von 50 Millionen Franken hat.

Im Rohstoffhandel als Teil des Investment-Bankings hat die Deutsche Bank im vergangenen Jahr Marktanteile gewonnen. In Finanzkreisen heißt es, das Geldhaus habe mit Einnahmen von rund einer Milliarde Dollar ihr bislang bestes Jahr in diesem Geschäft hinter sich. In den vergangenen Jahren ist es den Frankfurtern gelungen, in die Spitzengruppe der globalen Rohstoffbanken vorzustoßen. Allerdings ist der Rückstand zu den Marktführern wie Goldman Sachs oder Barclays nach wie vor beträchtlich. Die Einnahmen aller größeren Investmentbanken summieren sich auf etwa acht Milliarden Dollar. Das wären zehn Prozent mehr als 2010, aber deutlich weniger als der Spitzenwert von 15 Milliarden Dollar aus dem Jahr 2006.


Dürren und gestiegene Nachfrage spielen große Rolle

Seit Jahren ist der Einfluss der Finanzinvestitionen auf die Agrarmärkte heftig umstritten. Die Derivate-Lobby Futures and Options Association (FOA) wertete in einer Studie die akademische Literatur zum Thema Rohstoffspekulation systematisch aus. Das Ergebnis: Selbst die kritischste Untersuchung kommt zu dem Schluss, dass in der Schlüsselperiode 2006 bis 2008 – als die Nahrungsmittelpreise am heftigsten schwankten – „nur“ 25 Prozent dieser Bewegung auf Finanzspekulation zurückzuführen sei. Grundsätzlich lasse sich das Preisniveau durch Dürren, die wachsende Nachfrage aus Emerging Markets und den Trend zu Biosprit erklären. Zu ähnlichem Ergebnis kamen auch der Internationale Währungsfonds, die OECD und die US-Notenbank.

Auch in der deutschen Politik ist das Thema ganz oben angekommen. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) will die Rohstoffderivatemärkte stärker regulieren. „Wir müssen die Manipulationsrisiken auf diesen Märkten verringern. Wenn wir dem Treiben tatenlos zusehen, haben wir aus der Finanzkrise nichts gelernt“, sagte Schäuble kürzlich in Berlin.

Auch der Chef-Bankenaufseher der Finanzaufsicht Bafin, Raimund Röseler, sieht den Handel vieler Banken und Hedge-Fonds mit Rohstoffen kritisch. „Wir müssen aufpassen, dass hier nicht eine neue Spekulationsblase entsteht“, warnte Röseler. Es gebe eine Vielzahl von Handelspraktiken, die mit der notwendigen Absicherung von Rohstoffkontrakten nichts mehr zu tun hätten. Das Engagement der Finanzindustrie in Rohstoffmärkten einschließlich Indexfonds und Zertifikate sei von 26 Milliarden Dollar im Jahr 2003 auf 400 Milliarden im Jahr 2011 gestiegen.

Einige Terminbörsen haben bereits Positionslimits eingeführt, um einzelnen Marktteilnehmern Grenzen zu setzen. Diese Forderung stellte etwa Hubert Weber, Präsident des Kaffeegeschäfts bei Kraft Foods.

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