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Wirecard Armageddon in Aschheim, Debakel für Deutschland

Quelle: REUTERS

Wirecard legt erneut keinen Jahresabschluss vor, weil wichtige Belege unzureichend sind, Wirtschaftsprüfer EY sieht sich gar getäuscht. Der Schaden für Deutschland ist unermesslich – und selbst verschuldet. Ein Kommentar.

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Es sind gerade einmal 1205 Buchstaben, die ein neues Kapitel in einem der größten Wirtschaftsskandale der deutschen Nachkriegsgeschichte aufschlagen. Die Wörter gehören zu einem Drama, in dem es um einen Konzern – und eine einzige, entscheidende Frage geht: Hat der aufstrebende Dax-Konzern Wirecard seine Zahlen manipuliert?

Seit Wochen war klar, dass dieses neue Kapitel am 18. Juni erscheinen würde. Unklar war nur, was der Inhalt sein würde. Wirecard hatte geplant, heute endlich seinen Jahresabschluss für 2019 zu veröffentlichen, nachdem ihn der Konzern bereits mehrfach verschoben hatte. Die große Frage war: Würde EY als Wirtschaftsprüfer die Zahlen uneingeschränkt testieren und bestätigen, dass alles in Ordnung ist? Würden die Diskussionen um Wirecard endlich enden?

Jetzt ist der Gau eingetreten: Wirecard hat die Vorlage seines Zahlenwerks erneut verschoben – mit einer desaströsen Begründung. So konnte EY „noch keine ausreichenden Prüfungsnachweise“ für Bankguthaben von fast zwei Milliarden Euro erlangen, wie es in der dürren Pflichtmitteilung Wirecards an die Börse heißt. Zudem sieht sich EY offenbar getäuscht: „Es bestehen Hinweise, dass dem Abschlussprüfer“ zu Bankkonten „unrichtige Saldenbestätigungen zu Täuschungszwecken vorgelegt wurden“, schreibt Wirecard in der Ad-hoc-Mitteilung.

Die Folge: Größere Teile von Wirecards Zahlenwerk stehen jetzt infrage, die Aktie brach in der Folge zeitweise um mehr als 50 Prozent ein. Der Vorgang ist mindestens in der jüngeren deutschen Wirtschaftsgeschichte einmalig – und eine Katastrophe für den Finanz- und Wirtschaftsplatz Deutschland, die Reputation der Republik wird darunter lange leiden. Allerdings: Der Gau ist völlig zu Recht eingetreten.

Die Causa Wirecard steht für eine merkwürdige Wohlfühl- und Konkordanzkultur in Deutschlands Wirtschaftswelt, die Behörden, Anlegerschützer und Großinvestoren erfasst hat. Hätten sie anders gehandelt, wäre es vielleicht nicht zu einem solchen Drama – und die Wahrheit eher ans Licht gekommen.

Zwar betonen Finanzprofis gerne den Wert von Transparenz, aber während die einen bei Wirecard lange vor allem ans Geldverdienen dachten, wähnten andere ausländische Mächte am Werk, die angeblich versuchten, einen Tech-Star aus Deutschland sturmreif zu schießen.

Vielleicht lag es daran, dass lange Zeit mit der britischen Wirtschaftszeitung „Financial Times“ vor allem ein ausländisches Medium immer neue Vorwürfe gegen Wirecard ausgrub. Der Umgang mit den Kritikpunkten in Deutschland war jedenfalls desaströs. Richtig Druck auf das Management übte hierzulande niemand aus, um die Vorwürfe endlich mal zu klären.

So bezeichnete eine Analystin der Commerzbank einen Financial-Times-Bericht gar mal als „Fake News“, die Anschuldigungen der Zeitung hätten „keine Substanz“. Immerhin soll sich das Commerzbank-Management später bei der Zeitung entschuldigt haben.

Die deutsche Fondsbranche wiederum – sonst betont sie gerne, wie verantwortungsvoll sie mit dem Geld ihrer Anleger umgehe – glaubte, schnell viel Geld verdienen zu können. So investierten Union Investment und die Deutsche-Bank-Tochter DWS im großen Stil und wetteten darauf, dass ein Sondergutachten gut ausgehen würde, das Wirecard selbst beauftragt hatte. Doch statt der erhofften Gewinne brach der Kurs um bis zu 40 Prozent ein, als der Bericht Ende April ein desaströses Ergebnis offenbarte.

Immerhin: Das Sparkassen-Fondshaus Deka forderte im Anschluss richtigerweise den Rücktritt von Langzeit-Chef Markus Braun. Union Investment dagegen konnte sich nur dazu durchringen, vage personelle Konsequenzen zu fordern, die DWS schwieg gar ganz.

Währenddessen entstand – kräftig unterstützt von Wirecards Büchsenspannern – die Geschichte von angelsächsischen Spekulanten, die sich mit der Wirtschaftszeitung verbrüdert hätten, um den Kurs mit immer neuen Anschuldigungen abstürzen zu lassen – und Millionen zu verdienen. Wirecard verklagte die „Financial Times“ gar wegen angeblicher Zusammenarbeit mit den Spekulanten und forderte Schadensersatz.

Allzu viele folgten diesem Narrativ: Die Finanzaufsicht Bafin verhängte in einer historischen Aktion gar ein Verbot, auf fallende Kurse zu setzen. Die Aktie sank trotzdem weiter. Zudem zeigten die Finanzaufseher zwei FT-Journalisten an, stützten sich dabei aber auf Vermutungen, wie ein Bericht der Süddeutschen Zeitung zeigt. Die Anlegerschutzvereinigung DSW wiederum gab gar Tipps, was Privatinvestoren gegen Spekulanten tun könnten. Immerhin schwenkte der Verband irgendwann um – und forderte Aufklärung.

Das kam allerdings reichlich spät. Zu spät. Schließlich ist ja längst das Bild eines Landes entstanden, wo Finanzaufsicht und (Groß-)Anleger gutgläubig, manchmal sogar willfährig sind. Das beschädigt nicht nur das Vertrauen ausländischer Investoren in die hiesigen Behörden und den deutschen Finanzmarkt. Die Vorgänge könnten dazu führen, dass sie künftig weniger hierzulande investieren.

Und die Deutschen selbst dürften der Börse jetzt noch weniger vertrauen als ohnehin schon. Viele halten den Finanzmarkt ja bereits für einen Tummelplatz für Spekulanten. Jetzt dürften sie sich auch noch fragen, ob sie den Zahlen der Unternehmen überhaupt trauen können. So könnte sich ihre Skepsis zu offenem Misstrauen wandeln.

Das käme einem Bärendienst für gleich. Schließlich ist eine Debatte um eine finanzmarktgestützte Altersvorsorge hierzulande angesichts der demografischen Entwicklung bitter nötig. Das Aschheimer Armageddon dürfte die Diskussion nun auf Jahre abtöten.

Die Republik, das zeigt der Fall Wirecard, ist leider genauso wenig börsentauglich wie der Zahlungsdienstleister – wobei es für Wirecard seit heute um viel mehr geht als die Frage, ob der Konzern finanzmarktfähig ist.

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