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Zinsmanipulation Barclays-Chef tritt zurück

Die Zinsmanipulation der Barclays Bank fordert ein weiteres Opfer. Der Bankchef verlässt das Unternehmen. Ein Nachfolger steht noch nicht fest. Das könnte erst der Anfang sein. Es bleibt ein entscheidender Unterschied zu den Vorfällen bei der Société Générale oder der UBS: Die Kosten für Kreditnehmer dürften hinter einem Schleier verborgen bleiben.

Bob Diamond, Chef bei Barclays, ist am Dienstag zurückgetreten. Quelle: REUTERS

Wegen des Manipulationsskandals ist Barclays - Chef Bob Diamond mit sofortiger Wirkung zurückgetreten. Dies teilte die britische Bank am Dienstagmorgen mit. Am Montag hatte bereits der Chef des Verwaltungsrates, Marcus Agius, seinen Rückzug angekündigt. Er soll den Angaben nach die Geschäfte aber vorerst weiterführen, bis ein Nachfolger für Diamond feststeht. Damit zieht der Skandal um die Manipulationen des Libors weitere Kreise.

Bisher ist es vor allem ein Skandal, der Großbritannien erfasst. Die internationalen Auswirkungen könnten jedoch weit über die Insel hinausgehen. Grund für die Rücktritte von Agius und Diamond ist der Verdacht, das Institut könnte in Absprache mit anderen Banken Referenzzinssätze manipuliert haben, die am Finanzplatz London ermittelt und in ganz Europa sowie weltweit genutzt werden.

Barclays muss eine hohe Strafe von rund 350 Millionen Euro an die Finanzaufseher in den USA und Großbritannien zahlen, womit der Fall für die Bank aber noch nicht erledigt ist. Ihr Chef Diamond ist bei einem Untersuchungsausschuss des englischen Parlaments vorgeladen.

Der Verdacht gegen Barclays wirft nach vielen Skandalen aus der jüngsten Vergangenheit erneut ein schlechtes Licht auf die Finanzbranche, deren ohnehin angeschlagener Ruf bei Verbrauchern und Industrie weiteren Schaden nimmt. Doch bei der Zinsmanipulation gibt es einen entscheidenden Unterschied zu den Vorfällen etwa bei der französischen Großbank Société Générale oder deren Konkurrentin UBS in der Schweiz. Bei diesen Instituten hatten einzelne Händler Milliardenverluste verursacht, die den Eigentümern schwere Schäden zufügten.

Was den Libor so wichtig macht

Der Fall Barclays wirkt sich dagegen nicht nur auf die Bank und ihre Aktionäre aus. Betroffen sein könnten auch unzählige andere Geldhäuser und deren Kunden, denn die angeblich manipulierten Indizes dienen als wichtige Basis für das gesamte Kreditwesen. Hinter den Kürzeln Libor und Euribor verbergen sich die geschätzten Kosten, zu denen sich die am Finanzplatz London tätigen Banken untereinander Geld zur Verfügung stellen. Der englische Bankenverband ermittelt die Daten täglich per Umfrage bei 18 teilnehmenden Instituten. Machen die Banker falsche Angaben, können sie den Index manipulieren, obwohl die tatsächlichen Kapitalkosten höher oder niedriger sind.

Für den Kunden bleibt nur eine einzige Gewissheit

Andere Banken übernehmen jedoch die Werte ohne dieses Wissen für ihre Geschäfte. So richten sich die Kosten für Kredite an Verbraucher und Unternehmer nach den in London festgestellten Zahlen, wenn Bank und Schuldner eine variable Verzinsung vereinbart haben. Das gilt etwa für Baufinanzierungen oder Geldmarktkredite. Auch wer als Bankkunde sein Konto überzieht, muss Dispozinsen zahlen, die häufig an die Entwicklung der am Finanzplatz London festgestellten Basiszinsen geknüpft sind.

Die Zahl der potenziell von einer Manipulation Betroffenen ist daher unüberschaubar. Zudem dürften die Finanzaufseher kaum feststellen können, wie stark und in welche Richtung sich die möglichen Fehlinformationen der beteiligten Banker auf die Zinsdaten ausgewirkt haben. Die Schuldner von Kreditinstituten werden also nicht in der Lage sein, auszurechnen, ob sie ihre Darlehen zu teuer bezahlt haben. Auch Banken, die die Zinsansprüche gegenüber ihren Schuldnern im Vertrauen auf Libor und Euribor festgelegt haben, werden schwer ausrechnen können, ob sie zu hohe oder zu niedrige Vergütungen von ihren Schuldnern verlangt haben.

Die einzige Gewissheit der Betroffenen ist, von der Londoner City manipuliert worden zu sein.

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