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Zwei Banken, eine Filiale Sparkasse und Volksbank kämpfen gemeinsam gegen das Filialsterben

Gemeinsame Räumlichkeiten für Geldautomaten gibt es bei Volksbanken und Sparkassen in Deutschland bereits. Ein gemeinsames Filialkonzept hingegen ist neu. Quelle: dpa

Aus Rivalen werden Partner: Angesichts des Spardrucks legen die Frankfurter Volksbank und die Taunus-Sparkasse in Hessen in größerem Umfang Standorte zusammen. Diese Kooperation könnte in der Branche durchaus Schule machen.

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Not macht erfinderisch: Erstmals legen eine Volksbank und eine Sparkasse in großem Stil Filialen zusammen. Die Taunus-Sparkasse und die Frankfurter Volksbank wollen im Speckgürtel der Finanzmetropole künftig Zweigstellen unter dem Namen „Finanzpunkt“ gemeinsam betreiben. Insgesamt 26 Standorte im Hochtaunuskreis und im Main-Taunus-Kreis sollen bis spätestens Ende 2021 umgestaltet werden, sodass dort Kunden beider Geldhäuser eine Anlaufstelle haben. Die ersten zehn Filialen sollen bereits 2019 starten.

Die Logos von Sparkasse und Volksbank an den Zweigstellen verschwinden. An 17 der 26 Standorte wollen die beiden Institute künftig an jeweils unterschiedlichen, aber festen Tagen in der Woche Service- und Beratungsleistungen anbieten. Im Regelfall sollen an zwei Tagen Volksbank-Mitarbeiter und an zwei anderen Tagen Sparkassen-Mitarbeiter in der Filiale sein. Kunden sollen anhand unterschiedlicher Beleuchtung – mal rot für die Sparkasse, mal blau für die Volksbank – erkennen, welches Institut gerade vertreten ist. Basisdienstleistungen wie etwa Geldabheben sollen durchgehend für alle Kunden über Automaten angeboten werden.

„Erstmalig haben mit unseren beiden Instituten eine Sparkasse und eine Volksbank eine flächendeckende Kooperation vereinbart – über alle Grenzen der tradierten Säulen des Bankwesens hinweg“, sagte die Vorstandsvorsitzende der Frankfurter Volksbank, Eva Wunsch-Weber, bei der Vorstellung des Konzepts in Sulzbach im Taunus. „Wir nutzen gemeinsame Räumlichkeiten, bleiben dabei aber selbstverständlich Wettbewerber.“

Oliver Klink, Vorstandsvorsitzende der Taunus Sparkasse, begründete die Initiative mit einem „klaren Kundenauftrag“: „Viele Stammkunden kommen regelmäßig in die Filiale. Aber ein immer größerer Anteil unserer Kunden kommt nicht so oft in die Filiale, sagt uns aber: Wir wollen, dass Ihr da seid, wenn ich Euch brauche.“ Klink betonte: „Wir werden auch weiterhin zusehen, dass wir an den gemeinsamen Standorten unser jeweiliges Geschäft nach vorne bringen. Wir stärken aber das Prinzip der Geschäftsstelle. Das wollten wir auch im 21. Jahrhundert nicht kampflos aufgeben und deshalb gehen wir diesen unorthodoxen Weg.“

Von der Zusammenlegung erhoffen sie sich jeweils Einsparungen in einstelliger Millionenhöhe, weil Filialen geschlossen und weniger Mitarbeiter gebraucht werden. In den kommenden drei Jahren wollen die beiden Geldhäuser zu gleichen Teilen insgesamt fünf Millionen Euro in das Projekt, etwa zur Umgestaltung der Filialen, investieren.

Die Taunus-Sparkasse betreibt bisher nach eigenen Angaben 45 Zweigstellen in den Kreisen Main-Taunus und Hochtaunus, die im Umland der Finanzmetropole Frankfurt liegen und zu den reichsten Regionen Deutschlands gehören. Die Frankfurter Volksbank deckt neben der Stadt auch nahezu die gesamte Region ab; sie ist die zweitgrößte Volksbank in Deutschland. Ganz neu sind gemeinsame Filialen und Geldautomaten von Genossenschaftsbanken und Sparkassen nicht. Bisher gibt es sie aber nur an einzelnen Standorten vor allem in ländlichen und schwach besiedelten Gegenden, in denen sie sonst aufgegeben werden müssten.

Ein Schritt in Richtung eines Zusammenschlusses sei die Initiative aber definitiv nicht, betonten die beiden Vorstandsvorsitzenden – und verwiesen unter anderem auf hohe rechtlichen Hürden. „Wir fühlen uns wohl in den jeweiligen Verbünden. Diese Kooperation ist in keiner Form ein Testlauf für eine Fusion“, sagte Klink. Auch handele es sich nicht um ein Sparprogramm. „Wir bauen im Zuge dieser Kooperation kein Personal ab“, sagte Wunsch-Weber. „Natürlich benötigen wir in den gemeinsamen Filialen weniger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als vorher. Die übrigen Kolleginnen und Kollegen werden dauerhaft in anderen Zweigstellen in der Region eingesetzt.“ Auch das Filialnetz werde nicht ausgedünnt - im Gegenteil: „Jeder Partner wird künftig an vier zusätzlichen Standorten vertreten sein“, sagte Wunsch-Weber.

Mit ihrem Schritt wollen die Banken einem branchenweiten Problem begegnen: Immer weniger Bankkunden in Deutschland nutzen Filialen, doch wollen vor allem ältere aber nicht ganz auf eine persönliche Anlaufstelle verzichten. Viele Kunden erledigen Bankgeschäfte fast nur noch am heimischen Computer oder per App auf dem Smartphone. Seit Jahren schrumpft die Zahl der Filialen, denn das dichte Netz kostet die Institute eine Menge Geld – und das in einer Zeit, in der sich Geldhäuser wegen des Zinstiefs ohnehin schwertun mit dem Geldverdienen und zugleich viel Geld für Regulierung und neue digitale Angebote aufwenden müssen.

2018 war geprägt vom Filialsterben und Fusionsdruck auf dem deutschen Bankenmarkt. Zudem bekamen die Geldhäuser Druck durch Zinsflaute und Digitalisierung fort. Eine Folge: Die Zahl der Bankenfilialen verringerte sich Zahlen der Bundesbank zufolge zum Vorjahr um 40 auf 1783 Institute. Über den gesamten deutschen Markt hinweg schrumpfte die Zahl der Zweigstellen um 2239 auf 27.887 Filialen. Im Jahr 2007 waren es noch rund 40.000 gewesen.

Nicht nur bei Volksbanken und Sparkassen, auch bei großen Privatbanken wie Deutscher Bank und Commerzbank steht das Filialnetz permanent auf dem Prüfstand. Wie die WirtschaftsWoche vergangene Woche berichtete, gibt es bei der Deutschen Bank Überlegungen, im Rahmen des angekündigten radikalen Konzernumbaus eine größere Zahl von Filialen der Deutschen Bank und der Postbank zu schließen. Die Rede ist von 200 Zweigstellen.

Ein Deutsche-Bank-Sprecher erklärte dazu am Freitag, die Bank prüfe aktuell eine Reihe zusätzlicher Maßnahmen, „um die bis 2022 gesteckten Ziele in der Privatkundenbank schneller zu erreichen und für ihre Kunden neue Impulse zu setzen.“ Die Deutsche Bank hatte die Zahl eigener Filialen in den vergangenen Jahren um 188 auf 535 verringert, die Postbank betreibt derzeit noch 850 eigene Filialen. Auch die Commerzbank, die mit rund 1000 Filialen eines der dichtesten Netze in Deutschland betreibt und stets für dessen Sinnhaftigkeit plädiert hatte, erwägt laut Insidern eine Ausdünnung. Im Gespräch ist eine Verringerung der Zahl der Zweigstellen auf 800 bis 900.

Die Frankfurter Volksbank betreut mit rund 1600 Mitarbeitern mehr als 600.000 Privatkunden. Mit einer Bilanzsumme von rund 12,1 Milliarden Euro ist das Institut Deutschlands zweitgrößte Volksbank nach der Berliner Volksbank. Die Taunus Sparkasse liegt nach einer Übersicht des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV) mit einer Bilanzsumme von mehr als 5,5 Milliarden Euro auf Rang 49 der zuletzt 385 Sparkassen in Deutschland. Das Institut beschäftigt gut 800 Mitarbeiter.

Für einen Testballon eine gute Größe. Weitere Sparkassen oder Volksbanken als Partner können sich die Vorstandsvorsitzenden Wunsch-Weber und Klink gut vorstellen. In jedem Fall werden sicher viele Branchenangehörige ihren Blick innerhalb des nächsten Jahres ins Frankfurter Umland richten. Die gesamte Branche müht sich, den Spagat zwischen digitalen Angeboten und Präsenz in der Fläche zu schaffen. Sollte die Kooperation erfolgreich sein, könnte sie schließlich als Antwort auf den wachsenden Spardruck bundesweit Schule machen.

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