WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Bayer-Chef Werner Wenning "Einiges falsch gelaufen"

Bayer-Chef Werner Wenning kritisiert Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler, verteidigt die hohen Pillenpreise und erklärt, wie der Pharmariese die Welt retten will.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Werner Wenning Quelle: APN

WirtschaftsWoche: Herr Wenning, wie lebt es sich als Preistreiber?

Wenning: Was meinen Sie eigentlich mit Preistreiberei?

Sie sind der Chef des größten deutschen Pharmakonzerns. Seit Jahren profitiert Bayer von steigenden Pillenpreisen, während die Krankenkassen ihre Ausgaben kaum noch finanzieren können.

Zunächst einmal: Die Preise für neue patentgeschützte Medikamente sind in den vergangenen beiden Jahren jeweils moderat um gut zwei Prozent gestiegen. Im europäischen Vergleich liegen die deutschen Arzneimittelpreise  im Mittelfeld. Zudem erhalten die Pharmaunternehmen von jedem rezeptpflichtigen Medikament, das in der Apotheke abgegeben wird, durchschnittlich nur 57 Prozent – so wenig wie in kaum einem anderen Land. Von Preistreiberei kann also keine Rede sein.

Laut einer Studie der Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit, OECD, liegen die Preise in Deutschland über dem Schnitt der Industrieländer. Gesundheitsminister Philipp Rösler will nun die Preismacht der Hersteller brechen. Wie bewerten Sie die Pläne?

Die Pläne sind auf breiter Front enttäuschend. Sie gehen völlig an den Bedürfnissen der Patienten vorbei. Die sind doch vor allem daran interessiert, bei Krankheit bestmöglich behandelt zu werden. Dazu bedarf es guter, innovativer Medikamente. Und wir müssen noch viel mehr erreichen. Gegen zahlreiche Krankheiten gibt es heute noch keine Medikamente. Die forschenden Pharmaunternehmen sollten nicht einseitig als Kostenverursacher gebrandmarkt, sondern ermutigt werden, weitere Medikamente gegen schwere Krankheiten zu entwickeln. Generikahersteller tragen ja nichts zum medizinischen Fortschritt bei. Deshalb gehen die Pläne sehr wohl zulasten der Patienten, denn sie schwächen die Innovationskraft der Branche, schaden der Investitionsbereitschaft der Unternehmen und fügen damit dem Standort Deutschland mittelfristig Schaden zu.

Wollen Sie auch mit Stellenabbau drohen, wie dies Ihr Konkurrent Roche bereits getan hat?

Ich drohe nie. Ich setze auf den Dialog mit der Politik, der wir klar sagen: Es ist kontraproduktiv, dass die Pläne nicht mehr Wettbewerb vorsehen. Was diskutiert wird, ist das Gegenteil dessen, was im Koalitionsvertrag steht. Da ist von wettbewerblicher Neuordnung des Arzneimittelsektors und Abbau der Überregulierung die Rede. Stattdessen verzettelt sich der Minister nun mit kurzfristigen dirigistischen Maßnahmen und droht mit einer Art Planwirtschaft.

Was kritisieren Sie konkret?

Die Hersteller sollen ihren Rabatt, den sie pro Medikament an die Kassen zahlen, von 6 auf 16 Prozent erhöhen. Die Arzneimittelpreise sollen auf dem Stand vom 1. August 2009 eingefroren werden. Das ist alles andere als eine Strukturreform. Das sind Maßnahmen, die schon früher nicht nachhaltig zur Senkung der Gesundheitskosten geführt haben...

...die wären sonst noch stärker gestiegen.

Nicht unbedingt, wenn man strukturell und nachhaltig angesetzt hätte, statt sich auf die kurzfristige Therapie der Symptome zu beschränken. Die demografische Entwicklung unserer Gesellschaft und damit des Gesundheitswesens ist doch die tatsächliche Herausforderung.

Anders als im Ausland kann ein Medikamentenhersteller die Preise in Deutschland bisher weitgehend selbst festsetzen. Mit diesem Monopol soll bald Schluss sein. Die Unternehmen sollen künftig mit den Kassen wie auf einem Markt die Preise aushandeln. Was ist daran schlecht?

Moment, die Pharmaunternehmen sollen mit dem Spitzenverband der Kassen verhandeln, nicht mit einzelnen Kassen. Das hat nur wenig mit Markt und Wettbewerb zu tun. Dem Hersteller steht dann der Verband als Monopolist gegenüber. Verhandlungen führen aber nur dann zu wünschenswerten Ergebnissen, wenn auf keiner Seite Monopolstrukturen bestehen.

Arzneimittel

Vor allem schränkt es Ihre eigene Marktmacht ein. Mit wie vielen Kassen möchten Sie am liebsten einzeln verhandeln – mit allen 169?

Es gibt ja heute schon Verbünde unter den Kassen, mit denen die Hersteller verhandeln. Entscheidend ist, dass Wettbewerb eingeführt wird.

Künftig soll die Zulassung eines Medikaments auch von einer Kosten-Nutzen-Bewertung abhängen, die das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, kurz: Iqwig,  durchführt. Sind Sie da auch dagegen?

Wir halten Kosten-Nutzen-Bewertungen grundsätzlich für sinnvoll. Sie müssen aber nach transparenten, internationalen Maßstäben durchgeführt werden.

Warum regen Sie sich auf? Bayer erzielt noch nicht mal zehn Prozent des Pharmaumsatzes in Deutschland.

Richtig, aber zwei Drittel unserer weltweit tätigen Mitarbeiter in der Pharmaforschung arbeiten in Deutschland. Ein wettbewerbsfähiger Pharmastandort ist für uns essenziell, denn was in den Heimatmärkten der Produzenten passiert, hat Auswirkungen auf andere Regionen.

Weil viele Länder sich die deutschen Preise zum Vorbild nehmen?

Auch deswegen. Aber wenn Sie schon auf andere Länder schauen, sollten Sie auch erwähnen, dass wir hier in Deutschland den vollen Mehrwertsteuersatz auf Arzneimittel zahlen. Anderswo ist der Satz reduziert oder die Mehrwertsteuer entfällt sogar ganz. Ich plädiere gegenwärtig nicht für eine Steuersenkung. Aber ich bitte, dies bei der Gesamtbetrachtung zu berücksichtigen.

Eine Monatsration des Bayer-Mittels Betaferon gegen multiple Sklerose kostet in Deutschland über 1400 Euro, deutlich mehr als in anderen Ländern. Und Ihr Präparat Nexavar gegen Nierenkrebs ist so teuer, dass es in England von den staatlichen Gesundheitsversorgern nicht erstattet wird. Englische Patienten müssen früher sterben. Können Sie eine solche Preispolitik verantworten?

Die Frage zur Erstattung müssen Sie den britischen Behörden stellen...

...Sie könnten einfach den Preis senken.

Damit kommen wir zur Preispolitik. Wir müssen über die Preise auch unsere Forschungskosten finanzieren. Bayer gibt jährlich für die Forschung und Entwicklung neuer Arzneien 1,6 Milliarden Euro aus. Die Entwicklung eines einzigen neuen Präparats kostet zwischen 800 Millionen und einer Milliarde Euro und dauert bis zu zwölf Jahre. Und Sie haben immer noch das Risiko, dass ein Präparat in der letzten Phase scheitert, weil unerwünschte Nebenwirkungen auftreten. Um das abzufedern und permanent in neue Forschungsprojekte zu investieren, brauchen wir auskömmliche Renditen.

Glauben Sie, dass die Kassen bald auch in Deutschland teure Mittel nicht mehr zahlen?

Die Entscheidung, ob ein 60-Jähriger länger leben darf, haben nicht wir zu treffen. Mein Eindruck aus Gesprächen in Berlin ist aber, dass die Politiker hier das englische System nicht erstrebenswert finden.

Betaferon

Bayer erzielt im Gesundheitsgeschäft eine Rendite – vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen – von 28 Prozent vom Umsatz. Sie geben nur 15 Prozent vom Umsatz für Forschung und Entwicklung, aber 30 Prozent für Vertrieb aus, um Ärzte zu ködern.

Ach was, der Vergleich hinkt doch. Zu den Vertriebskosten zählen unter anderem auch Verpackungskosten, Bevorratung und Logistik. Und natürlich müssen wir dem Arzt unsere Produkte erklären. Das ist auch zum Wohle des Patienten. Nehmen Sie etwa Bluthochdruckmittel: Nicht jedes Präparat wirkt gleich. Da entsteht Erklärungsbedarf.

Ach was. Es geht darum, die Präparate anzupreisen. Einige Mediziner verbieten sogar Besuche von Pharmavertretern.

In der Pharmabranche gelten heutzutage strenge Richtlinien für den Umgang mit Ärzten. In dem Kodex der Arzneimittelindustrie ist zum Beispiel geregelt, dass Unternehmen Ärzte nicht in Luxushotels und zu opulenten Abendessen einladen dürfen. Da ist in der Vergangenheit zweifellos einiges falsch gelaufen. Bei Bayer achten wir streng auf die Einhaltung des Kodex.

Auch Bayer greift zu unlauteren Mitteln. In den USA mussten Sie einen TV-Spot für die Verhütungspille Yasmin verändern, weil da falsche Versprechungen gemacht wurden. Und beim Verkauf von Blutzuckermessgeräten hat Bayer in den USA mit Prämien für Ärzte nachgeholfen.

Beides sind juristische Auseinandersetzungen, zu denen ich mich nicht äußern kann.

Viele Konkurrenten haben Probleme, genügend neue Pillen auf den Markt zu bringen, und bauen in Entwicklung und Vertrieb Standorte und Personal ab. Müssen wir uns um Bayer sorgen?

Überhaupt nicht, wir haben nichts Derartiges anzukündigen. Wir haben über 40 Kandidaten in der Medikamenten-Entwicklung  und sind der Meinung, dass sich unser Pharmageschäft auch in den nächsten Jahren gut entwickeln wird.

Konzerne wie Pfizer oder Sanofi investieren nun verstärkt in Nachahmermedikamente. Plant Bayer auch, in das Geschäft mit Generika einzusteigen?

Nein. Das ist nicht unser Ziel, weil wir so viele Möglichkeiten bei innovativen Medikamenten haben. Innovation, das ist der Kern von Bayer als Erfinderunternehmen.

Bayer-Aktie

Ihre Chemiesparte erzielt, verglichen mit dem Bereich Gesundheit, eine mäßige Rendite von elf Prozent. Steht sie bald zum Verkauf?

Die Chemie gehört zu unserem Kerngeschäft.

Wie passen Chemie und Pharma, Polyurethane und Pillen zusammen?

Es geht nicht um Synergien. Wir orientieren uns an langfristigen Trends, wollen helfen, Probleme zu lösen und damit auch Geld verdienen. Unser Gesundheitsgeschäft stellt Medikamente für eine alternde Bevölkerung bereit. Durch unser Pflanzenschutzgeschäft helfen wir, die Ernährungsprobleme zu lösen. Die Anbauflächen pro Kopf sinken, also muss die Produktivität steigen. Unsere Chemieprodukte tragen zum Klimaschutz bei. Bayer-Produkte stecken etwa in leichteren Autos, die Treibstoff sparen und so Emissionen reduzieren.

Am 1. Oktober übergeben Sie die Führung von Bayer an den Niederländer Marijn Dekkers. Müssen wir mit radikalen Veränderungen rechnen?

Wir haben eine klare Strategie, an der wir auch künftig festhalten und die schon in der Vergangenheit erfolgreich war.

Sie haben während Ihrer Amtszeit Bayer mächtig umgebaut, etliche Unternehmen verkauft und einen Großteil der Chemie ausgegliedert.

Dem gingen intensive Diskussionen und Verhandlungen voraus – teilweise auch sehr emotional. Da sind in den Versammlungen Leute aufgestanden, die seit Jahrzehnten bei Bayer sind, und haben mich gefragt: Weißt du, was du da tust? Heute dürfte unbestritten sein, dass wir die Krise ohne die Neuorganisation und die Neuausrichtung unseres Portfolios nicht so gut überstanden hätten. Das waren keine leichten Entscheidungen. Aber wir haben es geschafft, dass wir bei all den Maßnahmen keinem einzigen Mitarbeiter betriebsbedingt gekündigt haben.

Wollen Sie nach Ihrem Ausscheiden am 1. Oktober den Aufsichtsratsvorsitz übernehmen, obwohl die neuen Regeln zur guten Unternehmensführung verlangen, dass Sie zwei Jahre warten?

Nein. Natürlich würde ich Bayer gerne im Aufsichtsrat weiter begleiten. Aber die derzeitige Gesetzeslage lässt dies nicht zu. Doch mit oder ohne Mandat – Bayer war, ist und bleibt mein Unternehmen.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%