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Bayern-Manager Uli Hoeneß im Interview "Zwei Euro im Monat"

Uli Hoeneß, Manager des FC Bayern München, über Fußball in der Wirtschaftskrise, sinkende Preise für Starkicker und eine Sonderabgabe der TV-Zuschauer.

Uli Hoeneß, Trainer von Quelle: AP

WirtschaftsWoche: Herr Hoeneß, der FC Bayern steht in der Champions League im Viertelfinale. Jetzt kommen die richtig dicken Brocken, die reichen Vereine aus England und Spanien. Können Sie mit denen überhaupt mithalten?

Hoeneß: Sportlich sicherlich, wir haben eine starke Mannschaft. Wirtschaftlich stellt sich die Frage anders. Mich ägert, dass viele unserer Gegner über ihre Verhältnisse leben. In Spanien, Italien und England sind 30 bis 40 Prozent der Vereine nach unseren Maßstäben pleite, das heißt, sie können nicht nur den Spielbetrieb aus eigenen Mitteln nicht mehr finanzieren, sondern wenn ihr Mäzen nicht mitmacht, dann können sie den Laden zusperren. Die werden nur noch von irgendwelchen Banken oder reichen Privatleuten über Wasser gehalten. Es gibt Clubs, die haben 650 Millionen Euro Schulden und werden trotzdem bei jedem größeren Transfer genannt – das ist alles nicht mehr seriös.

Sorgt die globale Wirtschaftskrise nun für das reinigende Gewitter – Investoren wie der Besitzer des FC Chelsea, der russische Milliardär Roman Abramowitsch, haben in den vergangenen Monaten selber viel Geld verloren?

Bis jetzt ist davon kaum etwas zu sehen. Aber ich fürchte, dass wir im Sport erst den Anfang der Krise erleben. Warten Sie die nächste Transferperiode ab – also den Zeitraum, wenn die Spieler die Vereine wechseln dürfen. Ab 1. Juli geht es wieder los. Dann werden bei den Clubs die Jahresabschlüsse vorliegen, dann werden sich einige von Spielern trennen müssen.

Sind dann Angebote wie jene 120 Millionen Euro, die Manchester City für den Brasilianer Kaká von AC Mailand geboten hat, Geschichte?

Nein, das nicht. Solange es Investoren wie die Abu Dhabi United Group for Development and Investment gibt, die Gesellschaft aus dem arabischen Emirat Abu Dhabi, der Manchester City gehört und die wirklich sehr reich ist, wird es solche Summen geben. Aber das sind Extremfälle – und der Transfer eines Kaká ist für den Gesamtmarkt auch nicht entscheidend. Viel wichtiger ist, dass es Transfersummen von 15 bis 20 Millionen Euro für mittelklassige Spieler, die eigentlich gerade drei Millionen wert sind, nicht mehr geben wird.

Werden die Preise für neue Spieler sinken?

Ja, ich bin sicher, dass in der kommenden Transferperiode im Schnitt wesentlich weniger Geld fließen wird als in den vergangenen Jahren. Das schließt Ausreißer wie Kaká nicht aus. Aber die große Masse an Zig-Millionen-Transfers wird es nicht mehr geben. Deshalb gilt es für Vereine wie uns, das Pulver trocken zu halten – in ein, zwei Jahre werden wir Spieler bekommen können, von denen du heute nur träumst.

Wie stark wird die Krise die Bundesliga treffen?

Im Bereich Sponsoring werden für kleinere Vereine sicher Einschnitte kommen, besonders bei denen, wo das Sponsoring noch den Charakter von Mäzenatentum trägt, wo also ein Geschäftsmann seinem Lieblingsverein Geld gibt. Solche Gönner werden sich das nun viel stärker überlegen müssen. Aber auch für Vereine, bei denen in diesem Jahr große Sponsorverträge auslaufen, könnte es eng werden, weil es nicht einfach sein wird, Verträge zu den derzeit noch gültigen Konditionen zu erneuern.

Zahlen die Fans weiter 50 Euro und mehr für ein FC Bayern-Trikot?

Auch unsere Merchandising-Einnahmen werden nachgeben – wie sehr, das hängt davon ab, wie stark die Krise noch auf Deutschland übergreift. Noch ist sie ja bei uns erst seit einigen Wochen spürbarer, die Arbeitslosenzahlen steigen allmählich und keiner weiß, wie weit das geht.

Also sollten Sie sich beeilen und schnell die neuen Trikots und Dauerkarten für die kommende Saison anbieten...

Nein, bei den Tickets sehe ich kein Problem. In allen früheren Krisen hat sich gezeigt, das sich die Fans das Vergnügen am Fußball, die Muße, am Samstag ins Stadion zu gehen, nicht haben nehmen lassen. Wer die Woche über Probleme und Ärger hat oder Sorgen um den Arbeitsplatz, der braucht ein Ventil am Wochenende.

Bei Ihnen fangen die Ticketpreise bei zwölf Euro an – kommen Sie Ihren Fans entgegen?

Wenn es wirklich schlimmer wird und die Arbeitslosigkeit extrem zunimmt, werden wir über die Eintrittspreise nachdenken und sie der jeweiligen Situation anpassen.

In der vergangenen Spielzeit machte der FC Bayern einen Rekordumsatz von fast 290 Millionen Euro. Werden Sie die wieder erreichen?

Nachdem der Umsatz im vergangenen Jahr auch die hohen Transferausgaben widerspiegelt, wird er im laufenden Geschäftsjahr niedriger ausfallen. Für 2008/2009 haben wir gerade unseren Zwischenbericht erstellt: Wir werden erneut schwarze Zahlen schreiben. Wie hoch die sein werden, hängt nach dem Aus im DFB-Pokal vor allem davon ab, wie weit wir in der Champions League kommen. Erreichen wir das Halb- oder gar das Finale, machen wir einen ordentlichen Gewinn.

Einen großen Batzen in ihrer Gewinn- und Verlustrechnung machen die TV-Einnahmen aus...

...das ist kein Batzen, das ist eher ein Kügelchen. Wir verdienen 50 Millionen Euro aus Fernsehrechten, davon stammen gerade 30 Millionen aus der Bundesliga. Den Rest erzielen wir aus internationalen Spielen. Und das ist ein großes Problem. Hier gibt es den riesigen Unterschied zu den Topclubs in England, Spanien und Italien. Die erhalten aus der TV-Vermarktung der nationalen Ligen jeweils zwischen 80 und 130 Millionen Euro, also fast drei- bis gut viermal so viel. Diese Differenz wird auf die Dauer dazu führen, dass der deutsche Fußball enorme Schwierigkeiten bekommt, international mitzuhalten und irgendwann noch einmal die Champions League zu gewinnen.

Der FC Bayern schaffte es doch gerade locker ins Viertelfinale, und das mit kleinerem Budget.

Das ist eine Momentaufnahme. Stellen Sie sich vor, wir hätten 100 Millionen Euro mehr zur Verfügung. Da würde ich unseren Fans glatt den Champions League-Sieg in Aussicht stellen. Wenn das Geld vom Fernsehen käme, wäre die Wirkung am größten. Um einen Euro durch das Fernsehen zu verdienen, muss ich dagegen im Merchandising vier bis fünf Euro einnehmen. Deshalb sind die Fernsehrechte der einzige Einnahmeposten, auf dem sich wirklich noch etwas bewegen lässt.

Woher sollen die TV-Mehreinnahmen kommen? ARD und ZDF werden nicht mehr zahlen und Ihr wichtigster Geldgeber, der Bezahlsender Premiere, schreibt rote Zahlen?

Ich habe immer noch die Hoffnung, dass jemandem einfällt, wie man Pay-TV in Deutschland profitabel betreiben könnte. Leo Kirch hat es probiert und ist vom Bundeskartellamt zurückgepfiffen worden. Jetzt versucht es Rupert Murdoch mit Premiere. Am besten wäre es allerdings, wenn die öffentlich-rechtlichen Sender alle Fußballrechte kaufen und dem Bürger Fußball quasi gratis nach Hause senden würde.

Staatsgeld für Fußball-Millionäre? Meinen Sie das ernst? Die ARD, die sich durch Zwangsabgaben finanziert, bezahlt doch schon 100 Millionen Euro pro Jahr für die Sportschau-Rechte?

Schauen Sie sich das Fernsehprogramm doch mal in seiner Gänze an und rechnen aus, wie gering der Anteil des Fußballs daran ist und für welche Einschaltquoten er gleichzeitig sorgt. Welche Sendung außer vielleicht „Wetten dass“ erreicht denn vergleichbare Zuschauerzahlen wie Fußball?

Damit würden Sie Fußball-Desinteressierte ein zweites Mal gegen deren Willen abkassieren...

Moment, ich werde doch auch monatlich abkassiert, obwohl ich nur Nachrichten, Sport und politische Diskussionen anschaue. Meine große Hoffnung ist, dass die Leute irgendwann bereit sind, zwei Euro im Monat für Fußball zu bezahlen. Das ist nicht mal eine halbe Schachtel Zigaretten oder ein kleines Bier in der Kneipe.

Von jedem der 37 Millionen TV-Haushalte?

Ja, das wären im Monat rund 75 Millionen Euro, im Jahr gut 900 Millionen. Damit kämen wir den 1,2 Milliarden Euro in England und den 1,1 Milliarden in Italien sehr nahe. Das wäre mal was, das wäre dreimal so viel wie die erste und die zweite Liga derzeit pro Saison bekommen. Dann könnte jeder praktisch kostenlos Fußball gucken.

Sagen wir, gefühlt kostenlos...

...jedenfalls wäre das mein Traum.

Ende des Jahres wollen Sie als Manager des FC Bayerm aufhören und Aufsichtsratsvorsitzender der FC Bayern AG werden. Dann wollen Sie unter anderem auch Lobbyarbeit betreiben – auch zu diesem Thema?

Ja, auch das. Ich bin der Meinung, dass wir als Vereine von den Politikern noch nicht ernst genug genommen werden. Die Bundeskanzlerin kommt zwar immer gern zu Länderspielen oder zur Europameisterschaft, aber wenn es darum geht, dem Fußball einmal wirklich zu helfen...

...wie Ende vergangenen Jahres, als das Bundeskartellamt der Liga praktisch vorgab, an wen sie die TV-Rechte verkaufen darf und damit höhere Einnahmen vereitelte?

Ja, auch da habe ich von Frau Merkel nichts gehört. Deshalb ist das ein Feld, auf dem wir in Zukunft stärker arbeiten müssen. Dann werden wir sehen, wie weit wir kommen. Steter Tropfen höhlt den Stein.

Für Ihre Würstchen-Firma Howe in Nürnberg, die Ihr Sohn leitet, wollen Sie aber keine Lobbyarbeit machen, oder?

(lacht) Da sind wir in einer ganz anderen Situation. Wir profitieren von der Krise. Denn wenn die Leute stärker aufs Geld achten, kaufen sie verstärkt bei Discountern ein, wo es erstklassige Qualität zu vernünftigen Preisen gibt. Und die sind alle unsere Kunden – Aldi, Lidl, Plus, Netto, Tengelmann, Rewe. Wir konnten 2008 beim Umsatz 15 Prozent wachsen und rechnen 2009 bei einem Umsatz von gut 38 Millionen Euro mit zweistelligen Zuwachsraten. Geschäftlich gesehen ist das allerdings eine andere Liga als der FC Bayern München.

Was ist der wesentliche Unterschied zwischen einer Wurstfabrik und einem Fußballverein?

Investitionen in die Fabrik sind planbarer – wenn eine Maschine nicht läuft, wird sie repariert oder ausgetauscht. Wenn Luca Toni Probleme mit der Achillessehne hat, muss er die kurieren. Aber wie lange das dauert, das kann ich nicht beeinflussen.

Sie haben sich als Bayern-Manager selten auf finanzielle Abenteuer eingelassen – ärgert es Sie, dass nun Steuergelder fließen für die Schäden, die zockende Banker angerichtet haben?

Wir sind alle reingelegt worden von größenwahnsinnigen Bankern, zuerst in Amerika, dann auch in Europa. Damit meine ich nicht die seriösen Bankiers, die wirklich im Interesse ihrer Kunden arbeiten. Ich meine diese Wahnsinnigen, die von 25, 30, 40 und mehr Prozent Rendite sprachen, und über diejenigen lächelten, die gerade zehn Prozent erzielten; die Irren, die Deals gemacht haben, die mit dem Bankgeschäft, wie ich es schätze, nichts zu tun haben – ein put, ein call, ein knock-out, weiß der Teufel was – alles nicht kreiert, um die Volkswirtschaft zu verbessern, sondern bloß, um den Profit zu steigern. Trotzdem gibt es zum Eingreifen des Staates keine Alternative: Denn was passiert, wenn das Finanzsystem auseinanderbricht? Es nutzt ja gar nichts, wenn man hinterher sagen kann, wir sind konsequent geblieben.

Sollen auch Schäffler und Opel Geld vom Staat bekommen?

Für Staatsgeld in Sachen Schaeffler hätte ich Verständnis. Ich glaube, dass Frau Schaeffler überhaupt nichts für die Situation kann, in der ihr Unternehmen gerade steckt. Sie ist von den Banken in die Übernahme von Continental hineingetrieben worden. Und dieselben Banker, die sie damals angefeuert haben, geben ihr jetzt keine Kredite mehr.

Wäre Steuergeld für Opel gerechtfertigt?

In normalen Zeiten wäre ich dagegen. Aber in diesen unsicheren Zeiten muss man über seinen Schatten springen und so etwas genau prüfen. Natürlich wird das nicht einfacher dadurch, dass wir in sieben Monaten Bundestagswahlen haben. Aber das darf diese Entscheidung nicht beeinflussen. Es muss um die Frage gehen, was dem kleinen Mann nutzt und was ihm schadet. Schließlich zahlt der Bürger am Ende die Zeche.

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