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Best Office 2008 Orgatec: Vom Büro zum Baumhaus

Büros mit Wohnzimmeratmosphäre fördern Kommunikation und Produktivität und schonen die Umwelt: Die neuen Verwaltungen des Osnabrücker Logistikdienstleisters Hellmann und des Immobilienentwicklers Stockland in Sydney werden von WirtschaftsWoche und Koelnmesse als „Best Office 2008“ ausgezeichnet.

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Hellmann-Zentrale in Osnabrück: verschiedene Arbeitsatmosphären je nach Gefühls- und Aufgabenlage Quelle: Ralph Richter für WirtschaftsWoche

China-Projekt-Manager He Sigang arbeitet am liebsten im Bistro, Marketing-Chefin Kirsten Willenborg konferiert mit ihrem Team wann immer es geht im Kaminzimmer, Firmenchef Klaus Hellmanns bevorzugter Platz ist die Terrasse des ehemaligen Getreidespeichers mit Blick auf den Osnabrücker Hafen, wo die neue Zentrale des Logistikdienstleisters Hellmann residiert.

„Geschäfte zu machen, bedeutet Menschen zu vernetzen. Und Menschen vernetzen sich am besten, wenn sie sich ganz wie zu Hause fühlen “, lautet das Credo von Familienunternehmer Hellmann. Als vor zwei Jahren die alte Firmenzentrale zu klein wurde, entschloss er sich, mit der alten Bürotradition „Einzelzimmer, lange Flure“ aufzuräumen und baute einen historischen Hafenspeicher in eine offene Bürolandschaft mit Wohnzimmercharakter um.

Will ich heute lieber im Indien-Zimmer hinter einer prunkvollen handgeschnitzten Tür sitzen oder mit den Kollegen an einem sachlich-kühlen Designerschreibtisch? Will ich in der Silent-Zone der Bibliothek in Ruhe mein Budget planen oder im „Schiff“ sitzen – einer Bürofläche, in der Schiffsgemälde hängen und die Wände wie im Inneren einer Fregatte mit Holz vertäfelt sind? Im Speicher 3 von Hellmann können die 160 Mitarbeiter je nach Gefühls- und Aufgabenlage unter den verschiedensten Arbeitsatmosphären wählen. Die gemessen an normalen Arbeitswelten geradezu revolutionär anmutende Architektur basiert auf der simplen Erkenntnis, dass Menschen und ihre Bedürfnisse verschieden sind: Büroarbeit ist eine hochemotionale Angelegenheit, die der eine am Besten im sachlich-nüchternen Ambiente, der andere im Ohrensessel erledigt.

Ein Büro zum Kuscheln? Das gerade nicht – aber ein Büro, in dem Mitarbeiter Lust entfalten können, im Team kreativ zu arbeiten, Wissen auszutauschen und aus den sich immer schneller drehenden Informationen gemeinsam etwas zu machen. Abteilungsübergreifende Projektarbeit statt Arbeitsteilung, neue Geschäftsideen entwickeln statt etablierte fortzuschreiben – immer mehr Unternehmen reißen buchstäblich Wände und Decken in ihren Bürohäusern ein, um die Leistungsfähigkeit ihrer Mitarbeiter zu beflügeln. Weil sie festgestellt haben, dass sie ohne diese Leistungsbereitschaft „nicht mehr schnell genug auf die Veränderungen im Markt reagieren können“, sagt Ralph Bruder, Leiter des Instituts für Arbeitswissenschaft an der Technischen Universität Darmstadt. Die neue Büro-Architektur hat bei ganz unterschiedlichen Ergebnissen doch immer das gleiche Ziel: jenseits des Abteilungsdenkens den Dialog im Unternehmen anzukurbeln – horizontal zwischen den Abteilungen wie vertikal über die Hierarchiegrenzen hinweg.

Hellmanns mutiger Ansatz, mit der Diamant-Hochleistungssäge die massiven Stahlbetondecken und -wände des historischen Speicherbaus aus der Vorkriegszeit aufzubrechen, um damit auch innerhalb seiner Organisation alles Trennende zu überwinden, zeigt vorbildhaft, wohin die Reise in der modernen Büroarbeitswelt geht. Die WirtschaftsWoche und die Koelnmesse als Veranstalterin der Fachmesse Orgatec haben den Speicher 3 von Hellmann Worldwide Logistics darum zum „Best Office 2008“ in der Kategorie National gekürt.

Hellmann: lieber im nüchternen Ambiente.... Quelle: Ralph Richter für WirtschaftsWoche

Bessere Kommunikation durch offene Raumkonzepte sind auf der ganzen Welt der Renner: Sieger in der Kategorie Inter- » national ist der australische Immobilienentwickler Stockland aus Sydney. Auch Stockland hat die Decken seiner Hauptverwaltung durchbrechen lassen – und zwar gleich acht Geschosse zwischen der 22. und 29. Etage des Wolkenkratzers im Zentrum der australischen Wirtschaftsmetropole.

Herausgekommen ist ein wahres Arbeitszuhause für die 600 Mitarbeiter. Herzstück des neuen „Stockhome“ – wie das Unternehmen seine neue Firmenzentrale konsequenterweise nennt – ist eine weit ausladende Treppe, die im Zentrum des Hochhausbüros in einer Art Innenhof die Etagen hinaufklettert, über Emporen, Plateaus und verschachtelte Innengeschosse hinweg. Projektarchitektin Abbie Galvin ließ sich dabei von einem Kinderbuch inspirieren. In Enid Blytons „Der Wunderweltenbaum“ spielt sich auf jedem Ast und jeder Baumgabel eine andere magische Szenerie ab. Bei Stockland können die Mitarbeiter von jedem Punkt aus sehen, was in anderen Teilen des Büros passiert.

Zum dritten Mal prämiert der „Best Office“-Wettbewerb Unternehmen, die in vorbildlicher Weise ein intelligentes Wechselspiel zwischen Kommunikation und konzentriertem Arbeiten ermöglichen, Workflow und Informationsfluss durch die Bürogestaltung unterstützen, ihre Mitarbeiter motivieren und damit Kreativität und Produktivität in ihrem Unternehmen fördern. „Zurzeit wird generell wieder mehr in hochwertige, attraktive Bürogestaltung investiert“, beobachtet Oliver P. Kuhrt, Geschäftsführer der Koelnmesse und Mitglied der Jury „Best Office“. „Auch und vor allem wegen des steigenden Fachkräftemangels.“

Auf der Suche nach den besten Büros der Welt stellte sich jedoch heraus, dass sich die Gruppe der Unternehmen, die zurzeit ihre Büros zu Wohlfühloasen umwandeln, in zwei Lager unterteilen lässt. „Vor allem viele Großunternehmen sagen offen, dass ihre Mitarbeiter heute nicht mehr davon ausgehen können, ihr ganzes Berufsleben bei ihnen zu verbringen“, sagt Arbeitswissenschaftler und Best Office-Jurymitglied Ralph Bruder von der TU Darmstadt. Dafür wollen die Unternehmen aber die bestmögliche Infrastruktur bieten.

In der anderen Gruppe – dazu gehören meist Familienunternehmen wie Hellmann – wird genau umgekehrt argumentiert. Dort geht es in erster Linie um eine stärkere Mitarbeiterbindung an das Unternehmen. „We are family“, ließ Klaus Hellmann darum in bunten Lettern auf die Fassade seines Speichers 3 schreiben. Dieser Grundsatz wird nicht nur propagiert – es wird auch danach gelebt: In der Speicherbar, dem Pendant zum häuslichen Partykeller, feiern Mitarbeiter ihre Betriebsjubiläen.

„Der Wechsel des Arbeitsplatzes ist nicht nur geduldet, er ist sogar erwünscht“, sagt Hellmann-Bauleiter Ralf Ohme – und meint es ganz anders als es zunächst klingt: „Wir wollen, dass die Mitarbeiter abteilungsübergreifend Projekte vorantreiben, und das geht besser, wenn man sich gegenseitig kennt und auch weiß, woran die anderen gerade arbeiten.“ Die Konsequenz: Ob Geschäftsführer oder Sachbearbeiter – einen festen Arbeitsplatz hat außer den Empfangsdamen und den Sekretärinnen der Geschäftsführung bei Hellmann niemand, dafür ein Headset und einen Laptop, der auch als Telefon funktioniert.

... oder Arbeiten im ländlichen Strandkorb ... Quelle: Ralph Richter für WirtschaftsWoche

Trotz täglich freier Arbeitsplatzwahl müssen sich die Mitarbeiter nirgends an- oder abmelden. Sie selbst entscheiden buchstäblich nach Lust und Laune, wo sie gerade arbeiten wollen. „Wir bewegen uns alle viel im Büro und wissen deshalb häufig schon, wo der andere gerade zu finden ist“, so Marketingleiterin Willenborg. Ohnehin haben 70 Prozent der Mitarbeiter ausgesprochene Lieblingsplätze, 30 Prozent wechseln täglich das Ambiente. Was das Hellmann-Management etwas überraschte: Trotz anfänglicher Vorbehalte, die individuellen Einzelbüros zugunsten eines kollektiven Konzepts aufgeben zu müssen, gefällt es den meisten inzwischen viel besser, gemeinsam mit ihren Kollegen an Teamarbeitsplätzen zu arbeiten.

Auch Bauträger Stockland hat beim Entwurf seines Hauptsitzes das Wohlbe-finden seiner Mitarbeiter in den Vorder- » grund gestellt. Die größte Herausforderung bestand darin, aus der Fläche in dem unspektakulären Achtzigerjahre-Büroturm etwas Besonderes zu schaffen. Vermutlich wäre es einfacher gewesen, auf der grünen Wiese einen neuen Prestigebau zu errichten.

Doch Stockland entschied sich dagegen. Es wollte ein Zeichen setzen und beweisen, dass sich auch eine alte Immobilie in ein attraktives, umweltfreundliches Arbeitsumfeld verwandeln lässt. „Wir standen vor diesem schrecklichen Innenstadthochhaus, und es war klar: Da müssen wir richtig clever rangehen“, erinnern sich Architektin Galvin vom Architekturbüro Bligh Voller Nield (BVN) und Chris Alcock, Büroexperte von der Designberatung DEGW.

Ihr Auftrag: Zersplitterte und isoliert arbeitende Abteilungen sollten besser vernetzt, den rund 600 Mitarbeitern in der Zentrale ein größeres Zusammengehörigkeitsgefühl vermittelt und ein Büro mit Wohlfühlklima geschaffen werden, „innovativ und nachhaltig, am Menschen orientiert, zugänglich und freundlich“, beschreiben Galvin und Alcock die Anforderungen. Das Ziel bestand darin, eine Art Arbeitszuhause zu bauen. Zugleich sollte dieser Ort Stocklands Anspruch unterstreichen, ein Pionier der Immobilienwelt zu sein.

Kostenbewusst, nicht kostengetrieben“, wollte Stockland dabei vorgehen, Und das Ergebnis ist mit allen fünf Sinnen „fühlbar“: Die obersten acht Etagen des Wolkenkratzers wurden entkernt und mit natürlichen Materialien ausgekleidet – viel recyceltes Holz, Fußböden aus alten Autoreifen, grobe Stoffe. Die Frischluftzufuhr wurde durch eine neue Klimatisierung um 200 Prozent gesteigert, die alten getönten Fenster durch doppelt so lichtdurchlässiges Glas ausgetauscht, um mehr Tageslicht einzufangen. Einzelbüros wurden zusammengelegt und Decken entfernt, stattdessen gibt es jetzt ein Atrium und damit eine physische Einheit zwischen den Abteilungen. Wie der Kletterpfad entlang den Ästen eines Baumhauses verbindet die breitwinklige Treppe alle Stockwerke.

... oder allein im Sessel. Quelle: Ralph Richter für WirtschaftsWoche

Da macht sogar das Treppensteigen so viel Spaß, dass zwischen dem 22. und 29. Stock kaum noch ein Mitarbeiter den Aufzug nimmt. Zugleich hat sich die Treppe, ohnehin gesünder und energiesparender, zum kommunikativen Zentrum entwickelt. „Man läuft sich so oft über den Weg, dass ich ständig Meetings wieder absage“, freut sich Jo Metzke, Mitarbeiterin der Personalabteilung. Dutzende lockere Sitzgruppen und Polsterecken mit Hockern laden zum ungezwungenen Plausch ein – pro Schreibtischstuhl gibt es mindestens eine weitere Sitzgelegenheit im Haus. Diese Meetingkultur spart Zeit und steigert die Motivation: Es wird nicht bloß nach Takt und Terminkalender gearbeitet. Stattdessen lenkt das Prinzip Zufall den Arbeits-Organismus.

Niedrigere Trennelemente im Großraumbüro sorgen dafür, dass sich Mitarbeiter bei der Arbeit wieder in die Augen sehen können. „Vorher guckten wir alle nur auf Wände. Ob es draußen hell war oder dunkel, bekamen wir am Platz nicht mit“, sagt Mitarbeiterin Metzke. Jetzt grünt es im Computereck: Für jeden Mitarbeiter schaffte das Management zwei dickblättrige Pflanzen an. »

Zunächst aber erschien die schöne neue Bürowelt gewöhnungsbedürftig, verlangte sie von allen Beteiligten doch auch Abstriche vom Gewohnten. 10 000 Quadratmeter Bürofläche verwandelten sich in einen Großraumparcours, ergänzt durch gläserne Kleinkonferenzräume und ein paar nicht reservierbare Stillarbeitszellen. 70 Chefs mussten ihre Einzelbüros aufgeben.

Zudem hatte sich das Management zum Ziel gesetzt, bei dem Projekt den Green Star zu erreichen, den höchsten in Australien möglichen Umweltstandard für Gebäude. Deshalb wurde die Zahl der Drucker von 140 auf 40 reduziert, in den Toiletten wurden wasserlose Urinale eingebaut, Parkplätze gestrichen und durch Fahrradständer ersetzt, physischer Stauraum gegen elektronische Archive getauscht. Sekretärinnen verloren ihr Privileg auf eigene Kühlschränke für den Freitagsumtrunk. „Aber alle machten mit, weil die Chefs selbst mit gutem Beispiel vorangingen“, sagt Berater Alcock.

Zwar waren der Öko-Effizienz auch Grenzen gesetzt – ein System zum Wasserrecycling etwa ließ sich in dem alten Gebäude nicht mehr einbauen. Doch Stockland organisierte Energiespar-Wettkämpfe zwischen den Etagen und schulte so das Umweltbewusstsein aller Mitarbeiter. Resultat: Das neue Büro verbraucht 30 Prozent weniger Strom und 36,6 Prozent weniger Wasser. Eine gasgetriebene Anlage zur Kraft-Wärme-Kälte-Kopplung, die im Dezember in Betrieb geht, soll den CO2-Ausstoß um 20 Prozent senken. Und das Mülltrennen funktioniert mittlerweile so gut, dass nur noch 15 Prozent des Abfalls auf der Halde landen.

Stolz berichtet Nachhaltigkeitsmanagerin Davina Rooney von der Signalwirkung des Projekts nach außen: Als in ganz Aus-tralien kein 100-Prozent-Recyclingpapier mehr aufzutreiben war, bearbeitete sie einen Zulieferer so lange, bis dieser das gewünschte Altpapier in sein Sortiment aufnahm. Regelmäßig spornt Stockland seine größten Kunden und die übrigen Parteien im Hochhaus zu mehr Büroeffizienz an.

All das gefällt der Belegschaft. Eine noch nicht abgeschlossene interne Studie deutet schon heute darauf hin, dass die Mitarbeiter-Produktivität im Stockhome gestiegen ist. „Natürlich hätte man das auch anders machen können – man kann 100 Change Manager einstellen, um Wandel zu erzielen“, sagt Rooney, „oder die Bürokultur mit gutem Design verändern.“

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