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Bodo Schnabel im Interview "Das Schlimmste ist die Isolation"

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Weshalb saßen Ihre Mitgefangenen in Haft? 

Auf der Krankenstation war ein Älterer, der im Verdacht stand, seine Frau umgebracht zu haben. Ein anderer hatte seine Schulden nicht bezahlt. Bei vielen Jüngeren ging es um Drogen. Das war besonders aufreibend, denn wenn Sie in einem Raum mit sieben, acht Leuten schlafen, von denen laufend einer aufsteht und hustet, ist es ohnehin schwer. Wenn dann noch jemand auf Entzug ist und die Nacht durchschreit, ist an Schlaf gar nicht mehr zu denken.

Wie lange waren Sie auf der Krankenstation? 

Etwa ein halbes Jahr während der U-Haft. Ich musste am Herzen und an der Nierenarterie operiert werden. Es gab auf der Krankenstation nur eine Toilette für alle. Das war eine Katastrophe. Man musste den Leuten immer sagen: Mach’ das endlich sauber! Viele Gefangene sind halt nicht besonders reinlich. 

Immerhin blieb Ihnen dadurch der Aufenthalt in einer normalen U-Haft-Zelle erspart. 

Nicht ganz. Vor Beginn meines Prozesses war ich für einen Monat in einer normalen Zelle. Aber da hat mir ein Justizbeamter gleich einen Job angeboten, weil die auch Leute gesucht haben, die nicht gerade wegen Körperverletzung einsaßen. Ich sollte bei der Essensausgabe und dem Verteilen von Kleidung helfen – ich habe sofort zugesagt. Denn wenn man da arbeitet, bleibt die Tür den ganzen Tag offen – und nicht nur für eine Stunde wie sonst.

Was mussten Sie dafür tun? 

Wir wurden immer zu dritt oder zu viert für die verschiedenen Arbeiten eingeteilt. Wenn ich mit der Essensausgabe dran war, fuhr ich mit einer Art Speisewagen durch die Gänge und rief „Suppe!“ oder „Gemüse!“. Dann machten die Gefangenen diese Klappen in den Zellentüren auf. Da stellte man den Teller drauf, jeder bekam ein Stück Brot. Später mussten wir die Teller wieder abholen und das Geschirr abwaschen. 

Vom Millionär zum Tellerwäscher?

Anspruchsvoll war das natürlich nicht, aber ich war durch die Arbeit trotzdem in einer besseren Position. Beim Küchendienst kann man sich zum Beispiel sein eigenes Essen vor dem Verteilen raussuchen. Dann haben wir uns als Gruppe an den Tisch in der Küche gesetzt und erst einmal vernünftig gegessen. Und am Nachmittag haben wir zusammen Kaffee getrunken, und ein Wärter kam dann oft noch dazu. Wer gearbeitet hat, durfte auch jeden Tag duschen. Sonst war das nur zweimal pro Woche erlaubt.

Nach Ihrer Verurteilung im November 2002 wurden Sie in die Justizvollzugsanstalt Straubing gebracht. Hatten Sie dort auch Arbeit? 

Ja, zum Glück. Wenn man in Straubing nicht arbeitet, dann ist man tot. 

Warum?

Wenn man den ganzen Tag zu tun hat, ist man abgelenkt. Und die Arbeit war interessant. 

Was haben Sie dort gemacht? 

Die MTU – die stellen Teile für den Airbus her – hat auf dem Gelände ein eigenes Gebäude mit 20 Computerarbeitsplätzen. Ich habe am PC Elemente von Schaufeln für Turbinen und für Ölpumpen gezeichnet. 

Wer waren Ihre Kollegen? 

Die Leute dort saßen fast alle wegen Mordes oder Totschlags. Die meisten haben da schon zehn Jahre gearbeitet. Dazu kamen ein paar normale MTU-Angestellte, die uns schon mal eine Weißwurst oder Brezn spendiert haben. Es war nicht die typische Gefängnisarbeit.

Früher lebten Sie auf 300 Quadratmeter Wohnfläche, in Straubing saßen Sie in einer Acht-Quadratmeter-Zelle. Wie war das?

Da ich die meiste Zeit arbeiten war, ging es. Ich habe mich beim Volleyballtraining angemeldet, Spanisch gelernt, einen Erste-Hilfe-Kurs gemacht und bin zum Sonntagsgottesdienst gegangen – alles, damit ich nicht so oft in der Zelle bleiben musste. Wirklich schlimm war es nur an Feiertagen, wenn die Zelle um drei Uhr nachmittags zugeschlossen wurde. Dann saß ich da. 

Wie haben Sie Ihre Zelle eingerichtet? 

Viele Möglichkeiten gibt es nicht. Ich hatte eine Einzelzelle mit einer offenen Toilette, einem Bett, einem Stuhl und einem Tisch. Leute, die schon länger da waren, hatten eine richtige Ausrüstung an Geschirr und Tischdecken. Bei mir standen nur ein paar Bilder von der Familie auf dem Tisch. 

Das Highlight waren Besuche von der Familie?

Ja, aber in Straubing waren die Besuchsvorschriften unangenehm. Die Gefangenen mussten sich vor Besuchen nackt ausziehen. Dann schaute der Wärter, ob man keine geheimen Zettel oder verbotenen Sachen dabei hatte, dann konnte man sich wieder anziehen und zu seinem Besucher gehen. Das war demütigend, aber so waren halt die Regeln. 

Gab es einen Punkt, wo Sie dachten, ich kann nicht mehr?

Den gibt es immer mal, vor allem in der U-Haft. Aber wenn es dann zu keiner Kurzschlussreaktion kommt, übersteht man das. Wenn sich jemand was antut in Haft, geschieht das meistens aus der Aufregung heraus. 

Haben Sie selbst an Selbstmord gedacht?

Man hat darüber nachgedacht. Aber ich bin Techniker und versuche alles möglichst rational zu sehen, selbst wenn ich aufgebracht bin. Auf den Tisch zu hauen und zu sagen, jetzt langt’s, jetzt ist genug – das ist halt doch etwas anderes, als es dann wirklich durchzuführen.

Das heißt, die Haft hat Sie ruhiger gemacht?

Nachdenklicher.

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