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Branchenriesen Das wacklige Geschäftsmodell der Wirtschaftsprüfer

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Die mittelgroßen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften leiden darunter, dass die Branchenriesen ihnen die Kompetenz absprechen, Dienste weltweit anbieten zu können und das erforderliche Know-how zu besitzen. EU-Binnenmarktkommissar Barnier will diesen Nachteil durch die Vorschrift beseitigen, dass die großen, stark angelsächsisch geprägten Player ihren kleineren Wettbewerbern künftig Teile der Prüfaufträge übertragen müssen. Untereinander praktizieren die Großen dies teilweise schon.

Trotzdem sperren sich die Marktführer mit aller Macht dagegen und vermuten gar eine Verschwörung aus Brüssel. „Barnier stört die Dominanz der angelsächsisch geprägten Big Four in der Welt und will unbedingt große europäische Prüfgesellschaften dagegensetzen“, argwöhnt Dietmar Fink, Professor für Unternehmensberatung an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, der zurzeit mehrere der großen Prüfungshäuser berät. „Indem die EU europäische Industriepolitik unter dem Deckmäntelchen angeblicher Qualitätsverbesserungen verkauft, wird die Prüfung dadurch am Ende nicht besser, sondern eher schlechter.“

Tatsächlich würde EU-Kommissar Barnier die Wirtschaftsprüfer am liebsten an die Kandare einer staatlichen Oberaufsicht nehmen. „Jahrelang haben wir auf Selbstregulierung gesetzt“, sagt der Franzose. „Leider hat die Krise deren Grenzen allzu deutlich gemacht.“ Deshalb würde er gern eine berufsunabhängige, EU-weite, staatenübergreifende Aufsichtsbehörde schaffen.

Die großen Wirtschaftsprüfer würden dies sogar begrüßen. „In den USA gibt es schon längst eine solche berufsunabhängige Aufsichtsbehörde, und die fordert seit einigen Jahren, auch in den Niederlassungen der US-Firmen in Europa ermitteln zu dürfen“, sagt Ernst & Young-DeutschlandChef Herbert Müller. „Nur wenn es der EU gelingt, eine ebenbürtige Kontrollinstanz einzurichten, kann sie hier ein Gegengewicht schaffen.“

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    Unnötig wie ein Kropf

    Erste Ansätze dafür gibt es bereits. In Deutschland führen seit zwei Jahren die Inspektoren der berufsunabhängigen Abschlussprüferaufsichtskommission regelmäßig Kontrollen auch bei den Big Four durch. Und die Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung sieht sich als Börsenpolizei. Ihre Mitarbeiter zwingen börsennotierte Unternehmen, festgestellte Bilanzierungsfehler im elektronischen Bundesanzeiger zu veröffentlichen.

    Für Mittelständler Lenz wäre eine solche Institution jedoch so unnötig wie ein Kropf: „Wir Wirtschaftsprüfer haben doch selbst bereits den öffentlichen Auftrag bekommen, als Vereidigte unabhängig, unparteiisch und gewissenhaft im Interesse der Aktionäre, Mitarbeiter und Geschäftspartner für Transparenz zu sorgen.“

    Prüfer-Lobbyist Naumann würde gern mit möglichst wenig zusätzlicher Regulierung die Qualität der Bilanzchecks verbessern, etwa indem der Aufsichtsrat gestärkt würde und entscheiden dürfte, ob die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft das Unternehmen gleichzeitig auch beraten darf. Zugleich schwebt ihm eine engere Zusammenarbeit der Unter-nehmenskontrolleure mit den Wirtschaftsprüfern vor. „Wenn wir es schaffen, dass der Abschlussprüfer dem Aufsichtsrat als Sparringspartner etwa bei der Risikobewertung von Geschäftsmodellen zur Seite steht, können beide gemeinsam zu einer wirklich starken Kontrollinstanz werden.“

    Allerdings müssten dazu alle Beteiligten umdenken. Die Partner der großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften müssten sich umorientieren. „Per Gesetz ist zwar der Aufsichtsrat ihr offizieller Auftraggeber“, sagt Manuel René Theisen, Herausgeber der Zeitschrift „Der Aufsichtsrat“ und Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. „Die Prüfer aber konzentrieren sich lieber auf den Finanzvorstand, weil sie sich von ihm zusätzliche Beratungsaufträge erhoffen.“

    Und so mancher Aufsichtsrat müsste professioneller arbeiten. „Viele Konrolleure lesen die Jahresabschlüsse gar nicht oder verstehen sie eben nicht“, ätzt ein Kenner. „Der Prüfer kann nur Zahlen und Analysen liefern, die richtigen Entscheidungen muss der Aufsichtsrat schon selber treffen.“

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