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Branchenriesen Das wacklige Geschäftsmodell der Wirtschaftsprüfer

Millionenschwere Schadensersatzklagen, Grabenkämpfe untereinander, dazu die Verquickung gesetzlicher Aufgaben mit kommerzieller Beratung – das Geschäftsmodell vor allem der Branchenriesen wackelt. Mit Macht versuchen die Marktführer, schärfere Regeln aus Brüssel zu verhindern.

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Rechtsstreitigkeiten Quelle: Bilderbox - fotolia.com

Mit den Sticheleien auf Partys konnte Michael Lenz noch umgehen. „Wofür seid ihr Wirtschaftsprüfer eigentlich da? Eine Bank nach der anderen bricht zusammen, und ihr wollt von all dem nichts gemerkt haben?“ So hätten Freunde und Bekannte monatelang gefrotzelt, erinnert sich der Vorstand der JPLH Treuhand, einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft mit 40 Beschäftigten im hessischen Biedenkopf.

Womit Lenz aber kaum noch umgehen kann, das ist der wirtschaftliche Druck. Nur noch 45 Euro pro Stunde können einzelne Buchprüfer den Unternehmen mittlerweile in Rechnung stellen, weniger als ein einfacher Handwerker. Geht es nach dem 40-Jährigen, hilft dagegen nur ein radikaler Schnitt. Der würde sein Auskommen sichern und die elf Milliarden Euro Honorare der Branche in Deutschland neu verteilen – zugunsten der kleineren Anbieter und zulasten der konzernähnlichen internationalen Prüfgesellschaften.

„Wenn jetzt so getan wird, als ob nur noch die Big Names mit ihren Angestellten in der Lage wären, Qualität zu liefern, können Tausende von selbstständigen Wirtschaftsprüfern, die ihrem Job gewissenhaft nachkommen, ihren Beruf bald an den Nagel hängen“, schimpft Lenz.

Zunft in Angst

Der Aufschrei des Mittelständlers markiert eine Zäsur in der Branche der Kostüm- und Anzugträger. Nicht nur, dass die Stundensätze extrem unter Druck geraten sind, unter anderem weil die Zahl der Wirtschaftsprüfer sich in den vergangenen 30 Jahren auf rund 13.900 mehr als vervierfacht hat und die Unternehmen die Preise drücken. Obendrein holt jetzt auch noch die Finanzkrise die Branche mit Wucht ein. Bis zuletzt hatten die Marktführer rigoros jede Mitschuld am Beinahe-Zusammenbruch des Finanzsystems von sich gewiesen, ohne dass ihre Glaubwürdigkeit dadurch gewachsen wäre. Nun muss die Zunft, vom Gesetzgeber weltweit zum Hüter über die Unternehmenszahlen erkoren, auch noch um ihre Existenz in der heutigen Form fürchten.

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    Börsenaufsichten, Staats- und Anlegeranwälte blasen zur Treibjagd rund um den Globus. Von Island bis Indien, von den USA über Irland bis Deutschland deckten nationale Sonderermittler peinliche Ungereimtheiten auf, vor allem bei der Prüfung der Banken. EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier will nicht mehr tatenlos hinnehmen, dass die Prüfer in der Finanzkrise als Alarminstanz komplett ausfielen, und plant grundsätzliche Reformen. Die britische Zeitung „The Telegraph“, in Sorge um die Freiheit der Banken und Unternehmen, sieht in dem Franzosen bereits den „gefährlichsten Mann Europas“.

    Als Alarminstanz ausgefallen

    Auf dem Prüfstand steht zuvorderst die Legitimation der vier Großen der Branche, die das Geschäft mit den mächtigen Konzernen mehr oder weniger untereinander aufteilen: PricewaterhouseCoopers (PwC), KPMG, Ernst & Young und Deloitte. Sie müssen sich darauf einstellen, dass vieles von dem zur Revision ansteht, worauf sie sich über Jahre hinweg eingerichtet haben. Vorbei die unangefochtene Rolle, Wahrer der Aktionärsinteressen und unabhängiger, unparteiischer Kontrolleur zu sein. Wie soll das funktionieren, müssen sie sich nun fragen lassen, wenn sie als Prüfer von den Prüflingen vielfach auch anderweitig, etwa durch rein kommerzielle Beratungsaufträge, abhängen?

    Wird Realität, was Politiker, Anlegerschützer sowie die kleineren und mittelgroßen Wettbewerber immer lauter fordern, müssen sich die Branche und ihre führenden Gesellschaften auf gravierende Veränderungen gefasst machen.

    Vor allem mehr Verantwortung verlangen die Aktionärsvertreter von den Wirtschaftsprüfern. Sie wollen, dass die Herren über die Zahlen künftig nicht nur attestieren, dass ein Unternehmen die geltenden Rechnungslegungsstandards eingehalten hat. Die Checker sollen künftig auch ein Urteil über die finanzielle Solidität und die Risiken des Unternehmens abgeben und dieses Fazit öffentlich begründen. Auslöser für die Forderung sind die Wirtschaftsprüfer selbst, die immer wieder betonen, die gegenwärtigen Bilanzierungs- und Prüfregeln ließen keine Aussage über die finanzielle Zuverlässigkeit oder den tatsächlichen Zustand eines Unternehmens zu.

    Gräuel für beide Seiten

    Die Folgen dieses Mangels sind fatal. „Zurzeit gehen die Abschlussprüfer nach dem Alles-oder-nichts-Prinzip vor“, sagt ein Mitarbeiter der Deutschen Prüfstelle für Rechnungslegung, im Volksmund auch Bilanzpolizei genannt. Zwar könnten Prüfer einem Unternehmen das Testat verweigern oder dieses zumindest einschränken. Doch gebe es im Alltag kaum solche eingeschränkte Testate. „Das Problem sind die extrem negativen Konsequenzen in der Öffentlichkeit, die sich daraus für das Unternehmen wie auch für seine Aktionäre, Mitarbeiter und Geschäftspartner ergeben“, so der Bilanzpolizist. „Das ist für Prüfer wie Mandanten gleichermaßen ein Gräuel.“ Mehr Verantwortung, glauben Anlegerschützer, könnte das ändern.

    Doch wie weit dieser Glaube trägt, ist offen. „Eine risikoorientierte Prüfung ist sicher möglich. Wenn wir Wirtschaftsprüfer aber gezwungen werden, öffentlich und einseitig vor den Risiken der Geschäftsmodelle unserer Mandanten zu warnen, birgt das automatisch die Gefahr sich selbst erfüllender Prophezeiungen in sich“, sagt Deloitte-Deutschland-Chef Martin Plendl. Sehr viel sinnvoller sei es, den Aufsichtsrat vertraulich über die Risiken zu informieren: „Und das tun wir in Deutschland bereits seit vielen Jahren in den Prüfungsberichten.“

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      Wer verhindern will, dass manche Wirtschaftsprüfer wie vor der Finanzkrise irgendwann wieder einmal existenzbedrohende Geschäfte unbeanstandet durchwinken, landet automatisch bei der Änderung der internationalen Bilanzierungsregeln. Denn diese enthielten „insbesondere beim Einsatz von Bewertungsmodellen erhebliche Ermessensspielräume“, sagt Klaus-Peter Naumann, Vorstandssprecher des Instituts der Wirtschaftsprüfer (IDW), dem rund 12 000 Prüfer hierzulande angehören. „Je stärker Bilanzansätze geschätzt werden müssen und sich von Marktdaten entfernen, desto stärker nimmt die Verlässlichkeit von Finanzinformation ab.“

      Ein möglicher Ausweg wären nach Meinung von Experten Bilanzierungsstandards, die sich wieder stärker am Vor-sichts-prinzip orientieren und Anschaffungskosten von Vermögenswerten ansetzen anstelle dubioser, teilweise willkürlich festsetzbarer Marktwerte. „Der Aspekt der Verlässlichkeit muss unbedingt wieder stärker in den Fokus der internationalen Standardsetzer rücken“, sagt IDW-Chef Naumann. „Manager dürfen nicht mehr bilanztechnisch dafür belohnt werden, wenn sie schwer zu bemessende Risiken eingehen.“

      Besonders tief in das bisherige Geschäftsmodell der Wirtschaftsprüfungsgesellschaften schnitte eine mögliche strikte Trennung der gesetzlich vorgeschriebenen Prüfung von Unternehmen und der Beratung. Der als knallharter Regulierer bekannte EU-Binnenmarktkommissar Barnier droht, der Branche strikt zu verbieten, Prüfmandanten gleichzeitig etwa in Steuer-, Finanz- oder Strategiefragen zu beraten. Prüfer, so sein Credo, sollten kein geschäftliches Interesse an dem Unternehmen haben, dessen Bilanz, Finanzgebaren und Risiken sie analysieren.

      Den Big Four in Deutschland brächte eine solche Trennung klare wirtschaftliche Nachteile. Immerhin wuchs der Anteil der Beratung am Gesamthonorar der Branche in den Jahren 2008 und 2009 auf fast 30 Prozent, errechnete das Centrum für Bilanzierung und Prüfung (CBP) an der Universität des Saarlandes. PwC, KPMG, Ernst & Young und Deloitte fürchten, dass der Franzose Barnier die Trennung von Prüfung und Beratung favorisiert, weil dies in seinem Heimatland so ist. In Deutschland dürfen Abschlussprüfer ihren Mandanten durchaus prüfungsnahe Dienstleistungen wie die Optimierung des Risikomanagements anbieten. In Frankreich dagegen ist dies absolut verboten. Selbst Kollegen, die in einer anderen Abteilung der Prüfgesellschaft oder einem mit ihr verbundenen Netzwerk arbeiten, müssen sich bescheiden.

      Dirigistische Eingriffe

      Rolf Nonnenmacher fürchtet sogar, eine staatliche Instanz könnte über die Vergabe von Prüfaufträgen entscheiden: „Wir unterstützen alle Vorschläge, die zu einer Verbesserung der Qualität und des Wertes der Abschlussprüfung führen“, sagt der KPMG-Deutschland-Chef. „Dirigistische Eingriffe in den Markt wie die Vergabe von Prüfungsaufträgen durch eine Behörde, die Zwangsrotation oder gesetzlich vorgeschriebene Gemeinschaftsprüfungen lehnen wir entschieden ab.“

      Gleichwohl wären die Meister der Zahlen einem strikten Verbot von Prüfung und Beratung nicht völlig ausgeliefert. Sie könnten durch Ausgründungen ihrer Partner das Gesamtgeschäft weiterhin in den eigenen Reihen halten – nur nicht unter demselben Dach und derselben Marke. Wie das funktioniert, führte Deloitte vor, als Frankreich nach den milliardenschweren Bilanzfälschungen beim US-Energiekonzern Enron 2003 ein Beratungsverbot erließ.

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        Vor allem mittelständische und kleine Wirtschaftsprüfer wie Lenz aus Hessen setzen große Hoffnungen auf Barniers Idee, Prüfaufträge von einer öffentlichen Stelle vergeben zu lassen. Dann müssten die großen vier vom Kuchen etwas abgeben und würden ihre Übermacht verlieren, hoffen sie. Derzeit verbuchen die Big Four von den elf Milliarden Euro, die deutsche Unternehmen pro Jahr für Abschlussprüfungen und sogenannte prüfungsnahe Dienstleistungen ausge-ben, gut vier Milliarden Euro für sich. In den meisten EU-Ländern vereinigen sie mehr als 90 Prozent der Honorare, in Deutschland stieg ihr Marktanteil bei den Unternehmen im Dax-Segment laut CBP von 67 Prozent im Jahr 2004 auf 83 Prozent 2009. „Wenn nicht bald faire Wettbewerbsbedingungen durchgesetzt werden, nimmt dieser Anteil noch weiter zu“, warnt Bernd Rödl, Gründer der mittelständischen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Rödl & Partner.

        Die mittelgroßen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften leiden darunter, dass die Branchenriesen ihnen die Kompetenz absprechen, Dienste weltweit anbieten zu können und das erforderliche Know-how zu besitzen. EU-Binnenmarktkommissar Barnier will diesen Nachteil durch die Vorschrift beseitigen, dass die großen, stark angelsächsisch geprägten Player ihren kleineren Wettbewerbern künftig Teile der Prüfaufträge übertragen müssen. Untereinander praktizieren die Großen dies teilweise schon.

        Trotzdem sperren sich die Marktführer mit aller Macht dagegen und vermuten gar eine Verschwörung aus Brüssel. „Barnier stört die Dominanz der angelsächsisch geprägten Big Four in der Welt und will unbedingt große europäische Prüfgesellschaften dagegensetzen“, argwöhnt Dietmar Fink, Professor für Unternehmensberatung an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, der zurzeit mehrere der großen Prüfungshäuser berät. „Indem die EU europäische Industriepolitik unter dem Deckmäntelchen angeblicher Qualitätsverbesserungen verkauft, wird die Prüfung dadurch am Ende nicht besser, sondern eher schlechter.“

        Tatsächlich würde EU-Kommissar Barnier die Wirtschaftsprüfer am liebsten an die Kandare einer staatlichen Oberaufsicht nehmen. „Jahrelang haben wir auf Selbstregulierung gesetzt“, sagt der Franzose. „Leider hat die Krise deren Grenzen allzu deutlich gemacht.“ Deshalb würde er gern eine berufsunabhängige, EU-weite, staatenübergreifende Aufsichtsbehörde schaffen.

        Die großen Wirtschaftsprüfer würden dies sogar begrüßen. „In den USA gibt es schon längst eine solche berufsunabhängige Aufsichtsbehörde, und die fordert seit einigen Jahren, auch in den Niederlassungen der US-Firmen in Europa ermitteln zu dürfen“, sagt Ernst & Young-DeutschlandChef Herbert Müller. „Nur wenn es der EU gelingt, eine ebenbürtige Kontrollinstanz einzurichten, kann sie hier ein Gegengewicht schaffen.“

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          Unnötig wie ein Kropf

          Erste Ansätze dafür gibt es bereits. In Deutschland führen seit zwei Jahren die Inspektoren der berufsunabhängigen Abschlussprüferaufsichtskommission regelmäßig Kontrollen auch bei den Big Four durch. Und die Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung sieht sich als Börsenpolizei. Ihre Mitarbeiter zwingen börsennotierte Unternehmen, festgestellte Bilanzierungsfehler im elektronischen Bundesanzeiger zu veröffentlichen.

          Für Mittelständler Lenz wäre eine solche Institution jedoch so unnötig wie ein Kropf: „Wir Wirtschaftsprüfer haben doch selbst bereits den öffentlichen Auftrag bekommen, als Vereidigte unabhängig, unparteiisch und gewissenhaft im Interesse der Aktionäre, Mitarbeiter und Geschäftspartner für Transparenz zu sorgen.“

          Prüfer-Lobbyist Naumann würde gern mit möglichst wenig zusätzlicher Regulierung die Qualität der Bilanzchecks verbessern, etwa indem der Aufsichtsrat gestärkt würde und entscheiden dürfte, ob die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft das Unternehmen gleichzeitig auch beraten darf. Zugleich schwebt ihm eine engere Zusammenarbeit der Unter-nehmenskontrolleure mit den Wirtschaftsprüfern vor. „Wenn wir es schaffen, dass der Abschlussprüfer dem Aufsichtsrat als Sparringspartner etwa bei der Risikobewertung von Geschäftsmodellen zur Seite steht, können beide gemeinsam zu einer wirklich starken Kontrollinstanz werden.“

          Allerdings müssten dazu alle Beteiligten umdenken. Die Partner der großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften müssten sich umorientieren. „Per Gesetz ist zwar der Aufsichtsrat ihr offizieller Auftraggeber“, sagt Manuel René Theisen, Herausgeber der Zeitschrift „Der Aufsichtsrat“ und Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. „Die Prüfer aber konzentrieren sich lieber auf den Finanzvorstand, weil sie sich von ihm zusätzliche Beratungsaufträge erhoffen.“

          Und so mancher Aufsichtsrat müsste professioneller arbeiten. „Viele Konrolleure lesen die Jahresabschlüsse gar nicht oder verstehen sie eben nicht“, ätzt ein Kenner. „Der Prüfer kann nur Zahlen und Analysen liefern, die richtigen Entscheidungen muss der Aufsichtsrat schon selber treffen.“

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