WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Chemiebranche BASF kommt bei Konzernumbau nicht vom Fleck

Bei BASF knirscht es. Der Konzernumbau stockt, der Kauf des Konkurrenten Ciba erweist sich als zu teuer. Ist die Konzentration auf Chemie richtig?

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Luftaufnahme des Geländes des Quelle: dpa

Das Areal ist etwa so groß wie die Insel Capri, nur nicht ganz so schön. Statt durch Blaue Grotte und weiße Felsen ist das BASF-Stammwerk in Ludwigshafen – zehn Quadratkilometer groß – eher durch Schornsteine, Anlagen und Hallen in wenig auffälligen Farben geprägt. Hier entstehen nach einem ausgeklügelten Verbundsystem Chemikalien und Kunststoffe mit so erstaunlichen Namen wie Hydroxypivalinsäureneopentylglykolester, ein Zwischenprodukt für Lacke und Kunststoffe.

Eigentlich steht der Ludwigshafener Konzern bewundernswert da. BASF ist mit 62 Milliarden Euro Jahresumsatz (2008) nicht nur das größte, sondern auch – nach einer Umfrage des US-Wirtschaftsmagazins "Fortune" – das angesehenste Chemieunternehmen der Welt. Und Konzernchef Jürgen Hambrecht gilt bei Analysten, Unternehmensberatern, ja selbst Konkurrenten als einer der besten deutschen Manager.

Doch nicht nur die Krise setzt dem Konzern – wie auch den Konkurrenten von DuPont bis Wacker Chemie – kräftig zu: Das Betriebsergebnis brach im ersten Halbjahr 2009 um mehr als 60 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum ein.

Ciba entpuppt sich als Problemfall

Ausgerechnet im größten Absatztal seit Jahrzehnten mehren sich bei der deutschen Industrie-Ikone die Patzer, werden Schwächen offenbar. Es klemmt nicht nur beim Gewinn, es hakt auch im operativen Geschäft. Der Kauf des Schweizer Konkurrenten Ciba im vergangenen Jahr entpuppt sich als Problemfall. Der Preis von 3,7 Milliarden Euro erweist sich als überhöht. Der Konzernumbau kommt nicht voran. Hambrecht hat Probleme, sich von margenschwachen Massenkunststoffen zu trennen.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Analysten kritisieren, dass BASF viel zu stark von Krisenbranchen wie Auto oder Bau abhängig ist. „Durch die Übernahmen des amerikanischen Katalysatorenherstellers Engelhard und von Ciba investiert die BASF zwar in neue Autotechnologien wie etwa leichtere Kunststoffe“, sagt Harald Gruber, Analyst bei Silvia Quandt Research. „Andererseits jedoch erhöht die BASF aber so ihre Abhängigkeit von der gebeutelten Autoindustrie.“ Mittlerweile mache die BASF, so Gruber, rund 20 Prozent ihres Umsatzes mit der Pkw-Branche, die BASF selbst gibt 10 bis 15 Prozent an.

    Konzentration auf Chemie bleibt fraglich

    Fraglich auch, ob es die Konzentration auf die Chemie, welche die BASF seit Jahren betreibt, tatsächlich bringt. Der alte Rivale Bayer – der inzwischen weniger auf Chemie, dafür mehr auf Pharma setzt – ist inzwischen profitabler und an der Börse höher bewertet.

    Fast 150 Jahre steht die BASF – 1865, zwei Jahre nach Bayer, als "Badische Anilin- & Soda-Fabrik" gegründet – für Deutschlands Tradition als Labor der Welt. Die Ludwigshafener schufen Kunstdünger und erfanden Styropor. Kein anderes Chemieunternehmen ist so breit aufgestellt wie Deutschlands sechstgrößter Industriekonzern. BASF fördert Öl und Gas, liefert Kunststoffe, Lacke und Pflanzenschutzmittel. Weltweit arbeiten 100.000 Mitarbeiter an rund 400 Produktionsstandorten.

    Aktien-Info BASF-Aktie

    Der oberste Dienstherr, der 63-jährige Hambrecht, wird in der Branche für seine Bodenständigkeit, seinen strategischen Weitblick und internationale Erfahrung gerühmt. Der Schwabe aus Reutlingen, südöstlich von Stuttgart, hat lange von Hongkong das Asien-Geschäft der BASF geleitet. Er ist politisch gut vernetzt, zählt zu den Beratern von Bundeskanzlerin Angela Merkel – sie Physikerin, er Chemiker.

    Hambrecht ist Naturwissenschaftler aus Leidenschaft. Er liebt es, über die Chancen neuer Technologien zu sprechen – über grüne Gentechnik, Elektroautos und den Energiemix der Zukunft. Während es Konkurrenten schon ein wenig peinlich ist, über wenig glamouröse Säureverbindungen zu reden, hat Hambrecht den Konzern klar als Chemieunternehmen positioniert. Die BASF hat sich schon seit Längerem von nahezu allem, was nicht nach Chemie riecht, getrennt: Tonträger, Medikamente, Drucksysteme. Der BASF-Slogan "The Chemical Company" ist Hambrechts Initiative. Der Chef hat ein Auge darauf, dass seine Angestellten die BASF-Pins – wahlweise in den Unternehmensfarben Blau, Hellblau, Grün, Hellgrün,Orange und Rot – am Anzug tragen. Kunden dürfen sich zudem über Werbegeschenke aus BASF-Kunststoff freuen: den BASF-Forscherschlumpf Dr. Dinch und sein weibliches Pendant Hexalotte.

    BASF-Vorstand Jürgen Quelle: AP

    Die Fokussierung auf die Chemie schafft jedoch auch Nachteile. Bayer – von 1925 bis nach dem Zweiten Weltkrieg mit der BASF und der früheren Hoechst zur unseligen Interessengemeinschaft (IG) Farben vereint – fährt die umgekehrte Strategie. Die Leverkusener haben sich von zahlreichen eher zyklischen Chemieaktivitäten getrennt und dafür – etwa mit der Übernahme von Schering – in das konjunkturresistente Pharmageschäft investiert. Ergebnis: Der – im Vergleich zum BASF-Umsatz von 62 Milliarden Euro – etwa halb so große Bayer-Konzern (Umsatz 2008: 32,9 Milliarden Euro) erzielte im ersten Halbjahr 2009 ein höheres Betriebsergebnis als BASF und liegt auch beim Börsenwert vorn: Bayer kommt auf eine Marktkapitalisierung von knapp 35 Milliarden Euro, die BASF bloß auf rund 31 Milliarden Euro.

    Hambrecht versucht, dem Margendruck in der Chemie zu entkommen, indem er die Produktpalette verändert: weg von Massenkunststoffen, hin zu hochwertigen Chemieprodukten. Statt auf Standardware setzt die BASF auf Spezialitäten für Kunden aus der Auto-, Bau- oder Konsumgüterindustrie – hochwertige Lackpigmente etwa oder Kunststoffe mit besonderen Eigenschaften. Die Übernahme des US-Konzerns Engelhard brachte die BASF im Katalysatorengeschäft voran. Der Kauf einer früheren Degussa-Sparte verstärkte die Bauchemie – zu den damaligen Neuerwerbungen zählt etwa das Augsburger Unternehmen PCI, das Fliesenkleber produziert.

    Schlechtes Timing bei Ciba-Übernahme

    Doch der Ausstieg aus den ertragsschwachen Sparten läuft nicht so schnell wie erhofft. Das Geschäft mit Polyolefinen, die bei der Herstellung von Folien und Verpackungen zum Einsatz kommen und die BASF gemeinsam mit Shell produzierte, gab Hambrecht vor vier Jahren ab. Der avisierte Verkauf von Styrolkunststoffen aber, etwa zur Produktion von Dämmmaterialien, kommt nicht voran. Bis heute hat sich kein Käufer gefunden. Kürzlich schloss die BASF einen Polystyrolbetrieb in Ludwigshafen und demontierte die Anlagen.

    Und auch die Spezialitäten-Strategie hat ihre Tücken. Am 15. September vergangenen Jahres verkündete Hambrecht im holzgetäfelten Saal des Züricher Hotels Widder stolz die Übernahme des Schweizer Konkurrenten Ciba. Doch von einer Perle im BASF-Reich ist Ciba weit entfernt. Die Schweizer gelten als Problemfall – kurz nach der Ankündigung der Übernahme schrieben sie im vierten Quartal 2008 rote Zahlen. Hambrecht hatten an Ciba die Produkte, etwa Spezialpigmente oder Lichtschutzmittel, gereizt.

    Top-Jobs des Tages

    Jetzt die besten Jobs finden und
    per E-Mail benachrichtigt werden.

    Standort erkennen

      Der Termin erwies sich als ungutes Omen. Denn genau an jenem 15. September kollabierte die Investmentbank Lehman Brothers und stürzte die Finanzmärkte in Abwärtsturbulenzen. "Das Timing bei der Ciba-Übernahme war schlecht", kommentiert Analyst Gruber. Wenige Wochen später hätte der Kaufpreis für Ciba deutlich niedriger gelegen.

      BASF voll von der Krise erwischt

      Bei Ciba stehen die Zeichen auf Dezimierung. Rund 3700 Jobs will Hambrecht streichen, Kündigungen scheinen nicht völlig tabu zu sein. Die Stimmung ist durchwachsen – etwa im deutschen Werk in Grenzach nahe der Grenze zur Schweiz. Ciba produziert dort optische Aufheller. „Inzwischen geht es beim Arbeitsplatzabbau an die Substanz“, berichtet ein dortiger Ciba-Mitarbeiter. Die BASF-Leute hätten alle Führungspositionen besetzt und die Abläufe durcheinandergewirbelt.

      Nach der Ciba-Übernahme wurde auch die BASF voll von der Krise erwischt. Im Herbst 2008 musste Hambrecht zweimal kurz hintereinander Gewinnwarnungen aussprechen. Er ließ weltweit Anlagen stilllegen und die Produktion drosseln, wenig später schickte er Tausende Mitarbeiter in Kurzarbeit. Insgesamt 2000 Arbeitsplätze will die BASF bis Ende nächsten Jahres sozialverträglich abbauen.

      Hambrecht hofft, in zwei Jahren die Ciba-Integration geschafft und die BASF in ruhigeres Fahrwasser gebracht zu haben. 2011 endet sein Vertrag. Verlängern will er nicht, kündigt er im Interview an. Immerhin vier aktuelle Vorstände dürfen sich Hoffnung auf die Nachfolge machen: Martin Brudermüller (unter anderem zuständig für Asien), Kurt Bock (Finanzen), Harald Schwager (Personal) sowie Hans-Ulrich Engel (Öl und Gas).

      Vor allem will Hambrecht die BASF unabhängig halten. Den Chef treibt schon mal die Sorge um, ein reicher Investor könnte sich die derzeit eher niedrig bewertete BASF schnappen. Das sagt er auch ganz klar: "Ein Angriff ist möglich."

      © Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
      Zur Startseite
      -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%