WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

De-Mail-System Kampf um die elektronische Post

Seite 2/4

Der Vorstandsvorsitzende der Quelle: AP

In der Praxis funktioniert De-Mail vergleichsweise einfach. Bei ZF Friedrichshafen zum Beispiel beantragen die Mitarbeiter, die ihre Gehaltsabrechnung künftig online erhalten wollen, bei ihrem Internetanbieter einen simplen Zusatz zur ihrer bisherigen E-Mail-Adresse, der sich nahtlos in den vorhandenen Adressteil hinter dem @ einfügt. Kunden von T-Online, der Tochter der Deutschen Telekom, erhalten zum Beispiel eine zusätzliche E-Mail-Adresse, die auf @t-online.de-mail.de endet, Klienten des Konkurrenten United Internet aus Montabaur bei Bonn bekommen @web.de-mail.de.

Die Sprengkraft des neuen elektronischen Zusatzbriefkastens erkannte Post-Vorstand Gerdes erst im Laufe der Zeit, nachdem sich das De-Mail-Konsortium, das den Großversuch in Friedrichshafen unternimmt, vor mehreren Monaten konstituiert hatte. Denn zu den 14 Mitgliedern neben Banken, Versicherungen, örtlichen Unternehmen und der Stadtverwaltung zählten auch die Deutsche Telekom und United Internet mit ihren E-Mail-Diensten Web.de und Gmx.de. Klar, dass die auf Dauer nichts anderes im Sinn haben würden, als mit ihrer künftigen De-Mail-Adresse möglichst viele Kunden vom Briefeschreiben abzuhalten.

Also erklärte Gerdes’ Chef, der Post-Vorstandsvorsitzende Frank Appel, im März dieses Jahres, von der Öffentlichkeit so gut wie unbemerkt, den Austritt seines Unternehmens aus dem Konsortium. Der Abgang war jedoch kein echter. Statt zuzusehen, wie Wettbewerber mit E-Mails irgendwann einmal das Briefgeschäft zerbröseln, entschieden die Postler, aufs Ganze zu gehen – fast nach dem Motto: Selbstmord aus Angst vor dem Tod. Im „geheimen Kämmerchen“, wie ein Kenner der Szene sagt, ließ Vorstand Gerdes fieberhaft ein eigenes De-Mail-System entwickeln. Bis „Ende dieses Jahres“, räumt er nun gegenüber der WirtschaftsWoche ein, will die Post selber eine sichere und zuverlässige Internet-Kommunikationsplattform auf den Markt bringen, also ins Online-Geschäft einsteigen. Die Konkurrenz, die sich im Friedrichshafener Konsortium müht, rechnet frühestens Mitte 2010 mit eigenen marktfähigen Angeboten.

Gelänge es der Post, den Kunden auf diesem Wege und vor den Wettbewerbern neue Dienstleistungen mitzuverkaufen, die die Kommunikation per Internet komfor-tabler machen als bisher, so ihr Kalkül, könnte sie sich die vorhersehbare Abkehr vom Briefeschreiben selbst zunutze machen und den drohenden Gewinneinbruch vielleicht sogar vermeiden.

Die Zeit drängt

Für Gerdes und Appel ist dies ein Vabanquespiel sondergleichen. Gelingen die planvolle Beerdigung des klassischen Briefs und der gleitende Übergang zum profitablen Online-Geschäft, stünden beide als die großen Helden des Konzernumbaus da. Schlägt der Versuch fehl, bleibt der Post, den Briefträgern und den Aktionären nur, sich schon mal auf magere Zeiten einzustellen.

Die Zeit für die 180-Grad-Wende drängt. In den nächsten Monaten wird der Bundestag das sogenannte Bürgerportalgesetz verabschieden. Ziel ist es, so die Begründung des Innenministeriums für das neue Regelwerk, dass Unternehmen, Behörden und Verbraucher künftig „vertrauliche und verbindliche Dokumente und Nachrichten einfach und sicher elektronisch versenden“. Die neue Briefwelt, die dadurch in digitaler Form entsteht, ist eine „Eins-zu-eins-Kopie der realen Welt“, sagt Walter Trezek, Geschäftsführer der Beratungsgesellschaft Document Exchange Network in Wien.

Die Folgen sind gravierend. Wo heute Zusteller und Briefkästen vonnöten sind, reichen künftig Internet-Zugang und E-Mail-Adresse. Jedes Unternehmen, jede Behörde und jeder Bürger bekommt auf Wunsch eine De-Mail-Adresse. Über die lässt sich dann mit jedem anderen De-Mail-Nutzer sicher und rechtsverbindlich kommunizieren.

Briefgeschäft droht bis zu 35 Prozent Verlust

Noch bis vor Kurzem bedeutete der bisherige E-Mail-Verkehr für die Deutsche Post keine echte Gefahr. Zwar galt der klassische Brief im Bonner Post-Tower schon länger als stagnierendes Geschäft. Doch auf Umsatz und Gewinn des Konzerns schlug die E-Mail-Wut in Unternehmen und Privathaushalten bisher nicht allzu sehr durch. Erst die Wirtschaftskrise hinterließ auf einmal tiefe Spuren in der Gewinn-und-Verlust-Rechnung. Allein in den ersten drei Monaten dieses Jahres ging das Briefvolumen um fünf Prozent zurück. Nicht so hart traf es den klassischen Standardbrief für 55 Cent Porto, an dem die Post am meisten verdient. Bei den adressierten Werbesendungen, die stark rabattiert sind, der Post nicht viel einbringen, allerdings noch als Wachstumsmarkt gelten, sank das Sendungsvolumen um sieben Prozent. Setzte sich De-Mail durch, dürfte das erst der Anfang sein. Dann könnte das gesamte Briefgeschäft in Deutschland in den kommenden zwei Jahren um weitere 15 Prozent schrumpfen, mittelfristig sei sogar „ein Minus von 30 bis 35 Prozent absolut realistisch“, sagt Berater Trezek.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%