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De-Mail-System Kampf um die elektronische Post

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Stagnierendes Geschäft (zur Vollansicht bitte auf die Grafik klicken)

Solche Dienstleistungen könnten bei De-Mail auch etwas für Endverbraucher sein. De-Mail-Nutzer werden künftig beispielsweise entscheiden können, ob sie einen Brief eingescannt als E-Mail oder als Original zugestellt bekommen wollen: Rechnungen und Werbung vielleicht online, den Brief von der Oma lieber im Briefkasten. Ob die Papierversion geschreddert oder zusätzlich zugestellt wird, entscheidet selbstverständlich der Kunde.

Konzepte für solche Dienstleistungen insbesondere für Privatkunden liegen bei der Post bereits in der Schublade. Doch unsicher ist, ob die Verbraucher bereit sind, dafür zu bezahlen. Die Deutsche Telekom und United Internet halten Zusatzeinnahmen wie elektronisches Porto für greifbar nahe. Diskutiert werden derzeit Geschäftsmodelle, die auf eine Flatrate hinauslaufen oder eine Grundgebühr mit zusätzlichen Kosten pro E-Mail. Laut einer Studie der Österreichischen Post dürften sich die Kosten für eine gesicherte, elektronische Post-Zustellung auf etwa zehn Cent belaufen, ein Sechstel bis ein Viertel des üblichen Briefportos. Ein „unterer zweistelliger Eurocent-Betrag pro De-Mail“ erscheint auch nach einer internen Schätzung des Konsortiums in Friedrichshafen als wahrscheinlich.

Hinzu kommen Einnahmequellen bei der De-Mail, die es beim herkömmlichen Brief nicht gibt, zum Beispiel Werbung. Geben Nutzer zum Beispiel ihre Hobbys, Interessensgebiete oder beruflichen Ambitionen preis und gestatten die Zusendung von Werbung, könnten sie Gebühren sparen. Im Gegenzug kassiert der De-Mail-Anbieter von den Unternehmen Geld für die elektronischen Anzeigen. Der De-Mail-Nutzer bleibt dabei für den Werbetreibenden anonym.

Die größte Schwelle für Nutzer, sich für die De-Mail zu erwärmen, dürfte die Sorge vor Datenmissbrauch sein. Werden Verbraucher bereit sein, hochsensible Dateien wie Arztrechnungen und Arbeitsverträge per De-Mail zu verschicken? Hier wittert die Deutsche Post ihren größten Vorteil: Geschickt macht Konzernchef Appel Stimmung in eigener Sache. Die Deutsche Post stehe für „sichere und verlässliche Kommunikation“, sagte er im März bei der Präsentation seiner Strategie bis zum Jahr 2015.

Einsparungen beim Personal sind wahrscheinlich

Tatsächlich stehe die Post in der öffentlichen Wahrnehmung „vertrauenswürdiger dar“ als mancher potenzielle Konkurrent, sagt Boris Hedde, Markenexperte bei der Kölner Unternehmensberatung Psychonomics. Daran ändere auch die Steuer- und Schnüffelaffäre um Ex-Chef Klaus Zumwinkel nichts. Diese habe die deutsche Öffentlichkeit „nur kurzzeitig mit der Marke in Verbindung gebracht hat“. Auch im internationalen Vergleich fällt die Post positiv auf: Datenschützer vergeben regelmäßig an die spanische, portugiesische und britische Post-Gesellschaft den Big Brother Award für laxen Umgang mit sensiblen Daten. Die Deutsche Post blieb von der Schmähung bislang verschont.

Richtigen Widerstand gegen die Revolution im Briefgeschäft wird es voraussichtlich nur von den rund 80.000 Briefträgern geben. Von den Zustellkosten entfallen rund 70 Prozent auf Personal, deshalb ist hier mit den härtesten Einschnitten zu rechnen. Kein Wunder, dass Appel und Gerdes seit Monaten auf allen Ebenen den Druck auf die Arbeitnehmervertreter erhöhen. Noch verhindert ein Tarifvertrag, dass etwa Billigkräfte von Fremdfirmen ganze Zustellbezirke übernehmen und dort Briefe austragen.

Der Verbraucher entscheidet

Doch das Verbot endet bereits mit Ablauf dieses Jahres. Auch der Beschäftigungssicherungsvertrag läuft nur noch bis Mitte 2011. Sollten sich die Gewerkschaften nicht bewegen und etwa Arbeitszeitverlängerungen ohne Lohnausgleich ablehnen, will Post-Vorstand Gerdes die Daumenschrauben anziehen. „Hier geht es um die Sicherung von Arbeitsplätzen“, sagt er gegenüber der Wirtschafts-Woche. „Wenn sich die Gewerkschaften nicht bewegen, schließe ich Outsourcing und mittelfristig betriebsbedingte Kündigungen nicht aus.“

Der große Unbekannte beim langsamen Ableben des Briefes ist der Verbraucher. Von seinem Verhalten wird abhängen, wie schnell die Unternehmen, die rund 85 Prozent aller Briefe verschicken, vollständig auf Online umschalten. Im Grunde bleibt den Briefträgern nur, auf Zeit zu spielen. Die Durchsetzung des Internets in Deutschland etwa dauerte gut eineinhalb Jahrzehnte und ist noch immer nicht 100-prozentig abgeschlossen.

Ginge es nach Konzernchef Appel, könnte die Deutsche Post noch lange ohne eigenes E-Mail-Portal weitermachen. In kleiner Runde gestand der studierte Neurobiologe vor Kurzem, dass er kein Freund der Online-Medien sei – und E-Mails sowieso nur äußerst selten schreibe.

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