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De-Mail-System Kampf um die elektronische Post

In wenigen Wochen startet ein neues E-Mail-System, das einen Großteil des Briefverkehrs überflüssig machen soll. Die Deutsche Post droht ein Milliardengeschäft zu verlieren und entwickelt daher eine eigene Version der elektronischen Post.

Post-Briefzentrum. Wo heute Anlagen und Zusteller nötig sind, reicht künftig der PC Quelle: dpa

Martin Frick ist kein Mann großer Worte. Zurzeit bringt er die Lohnbuchhaltung seines Arbeitgebers, des Getriebeherstellers ZF Friedrichshafen, auf Vordermann. Alle Mitarbeiter am Firmensitz in Friedrichshafen am Bodensee sollen künftig die monatliche Gehaltsabrechnung auf Wunsch per E-Mail statt per Brief erhalten. Frick will auf diese Weise die Ausgaben senken: für Papier, für den Druck, für Umschläge – vor allem aber für Porto. Sollten deutschlandweit alle 38.000 ZF-Mitarbeiter mitmachen, könnte der Autozulieferer rund 21.000 Euro im Monat allein bei der Frankierung sparen. „Ich gehe davon aus“, schätzt Frick, „dass zunächst etwa jeder Dritte diese Möglichkeit nutzen wird.“

Der Informatiker vom Bodensee hätte guten Grund, mehr auf den Putz zu hauen. Denn was nach verzweifeltem Aufsammeln der letzten Brosamen in wirtschaftlich schweren Zeiten aussieht, ist in Wirklichkeit Teil eines Großprojekts, das alle Zutaten für eine Umwälzung historischen Ausmaßes enthält: der Kampf des Marktführers um seine Privilegien, das Hauen und Stechen der Wettbewerber um das künftige Geschäft, am Ende die Abschaffung eines jahrtausendealten Kulturgutes – des Briefes.

Ohne die Episteln von Plinius dem Jüngeren gäbe es heute kein schriftliches Zeugnis vom verheerenden Ausbruch des Vesuv im Jahr 79, ohne die Briefe der Apostel vielleicht sogar kein Christentum in der heutigen Form.

Und ohne Briefe droht die Deutsche Post, einer der Vorzeigekonzerne und internationalen Champions des Landes, den Kern ihrer Daseinsberechtigung zu verlieren.

De-Mail soll Kommunikation einfacher machen

Der Anfang vom Ende des frankierten Worts ist für den September geplant. Dann werden ZF-Informatiker Frick, sein Arbeitgeber und weitere Partner in Friedrichshafen stellvertretend für alle Deutschen einen Test beginnen, der tief in die Gewohnheiten und Geschäftsgebaren der Unternehmen, Behörden und Verbraucher eingreift. Rechtsanwälte, Notare und Gerichte werden Daten über Mandanten und Schriftsätze nicht mehr per Post, sondern per E-Mail austauschen. Tausende der 58.000 Friedrichshafener werden Behördengänge nicht mehr zu Fuß, sondern online erledigen. Das Gesundheitsamt wird Anfragen an Arztpraxen nur noch über das Internet richten und Krankheitsdaten nur noch über das Internet austauschen. Zu einem späteren Zeitpunkt werden sich Banken und Versicherungen einklinken, um Verträge, Kontoauszüge und Teile von Policen statt per Brief digital zu verschicken.

Das bisher kaum beachtete Projekt trägt den Namen „De-Mail“ und geht zurück auf einen Beschluss der EU, der die Einführung der neuen Technik in allen Mitgliedstaaten vorsieht. In Deutschland zeichnet das Bundesinnenministerium, das auch für die rechtliche Absicherung sorgt, dafür verantwortlich. Das „De“ steht für Deutschland, vergleichbar mit den Lizenzen für den Mobilfunk, die 1991 vergeben wurden und zunächst das Kürzel „D“ trugen. Und wie die drahtlose Technik vor 18 Jahren das Telefonieren veränderte und den damaligen Monopolisten, die Deutsche Telekom, herausforderte, so wird De-Mail das Briefeschreiben auf Dauer nahezu auslöschen – und die Deutsche Post in ihren Grundfesten erschüttern.

Hohes Einsparpotenzial

„Dadurch schaffen wir bei Wirtschaft und Verwaltung ein Einsparpotenzial von 1,0 bis zu 1,5 Milliarden Euro jährlich“, freuen sich die Beamten des Bundesinnenministeriums. Nach Meinung von Experten dürften es auf lange Sicht noch viel mehr sein. Für die Deutsche Post ist die Vorstellung der Horror. Denn solche Einsparungen bei Unternehmen, Behörden und Verbrauchern schlagen größtenteils auf die Briefsparte und damit auf den Gewinn durch. Trotz aller Firmenübernahmen in den zurückliegenden Jahren ist die Beförderung und Zustellung von Briefen noch immer die Cash Cow des gut 30-prozentigen Staatskonzerns. Dank der überragenden Marktstellung auch nach dem Fall des gesetzlichen Briefmonopols Anfang 2008 konnte sich Brief-Vorstand Jürgen Gerdes im vergangenen Jahr über rund 1,7 Milliarden Euro Profit seiner Sparte freuen – 70 Prozent des Konzerngewinns. Jeder Euro weniger Einnahmen im Briefgeschäft entspricht fast dem gleichen Betrag weniger Gewinn.

Die heraufziehende Bedrohung verdankt die Post einem E-Mail-System, das weitaus höheren Sicherheitsansprüchen genügt als die gängige elektronische Kommunikation. Dieser höhere Standard garantiert Absendern und Empfängern, dass eine E-Mail tatsächlich von demjenigen stammt, den er vorgibt, zu sein. Damit werden Verträge, Dokumente und Mitteilungen online rechtsverbindlich. Den Nachweis, die Anforderungen zu erfüllen, müssen die Anbieter von De-Mail gegenüber dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik erbringen. Die digitale Signatur, eine Art elektronische Unterschrift, gibt es zwar schon seit einigen Jahren, galt jedoch in der Regel nur für den E-Mail-Verkehr bei einem bestimmten Internet-Anbieter. Erst die sich nun abzeichnende anbieterübergreifende Sicherheit und Rechtsverbindlichkeit, so die Hoffnung vieler Experten, wird den Durchbruch bringen, der langfristig Milliarden spart und den klassischen Brief überflüssig macht.

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