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Design Möbelklassiker als lukrative Investition

Bauhaus, Art déco, Pop: Möbelklassiker werden unter Sammlern immer beliebter. Besonders rare Stücke versprechen sogar eine satte Rendite.

Honey-Pop Chair Quelle: Honey-Pop Chair: Tokujin Yoshioka INC.

Draufsetzen? Auf diesen Stuhl? Ohne dass er zusammenbricht? Tokujin Yoshioka kennt die Bedenken all derer, die den "Honey-Pop Chair" zum ersten Mal zu Gesicht bekommen. Mit einem Lächeln lädt der japanische Designer zum Probesitzen auf den Papierstuhl, dessen Struktur dem Honigwabenprinzip der Bienen nachempfunden ist. Und beobachtet, wie vorsichtig sie sich auf die kühne Konstruktion setzen. Und dann überrascht feststellen, dass der filigrane Stuhl, der aus 120 Einzelteilen akkurat zusammengeklebt ist und sich wie eine Kinderlaterne ent- und wieder zusammenfalten lässt, ihr Gewicht problemlos trägt.

"Meine Entwürfe sind nicht nur zum Benutzen gedacht", sagt Tokujin, dessen filigrane Möbel mal aus Papier, mal aus transparentem Polycarbonat bestehen und im Rahmen der Möbelmesse gerade im Kölnischen Kunstverein zu sehen sind. "Ich will mich und andere staunen lassen."

Das gilt auch für die Preise seiner in Auflagen zwischen 20 und 300 Stück gefertigten Möbel: Ein Exemplar des Honey-Pop Chairs, den auch das New Yorker Museum of Modern Art schon in seine Designsammlung aufgenommen hat, ging im April 2008 für 14.200 Euro an einen Sammler. Die US-Designgalerie Moss verlangt derzeit umgerechnet knapp 15.000 Euro.

"Ein paar Jahre zuvor", erinnert sich Alexander von Vegesack, Chairman des Vitra-Design-Museums, "kosteten diese Stühle nur einen Bruchteil."

Hübsche Sümmchen

Die Preisexplosion hat einen einfachen Grund: Ähnlich wie im Kunstmarkt der vergangenen Dekade wächst die Zahl der Sammler, die – nach Uhr, Sportwagen und Yacht – auf der Suche nach dem nächsten Prunkstück sind. Und für ihre Luxus-Immobilien nicht mehr nur das passende Gemälde suchen, sondern zunehmend bereit sind, ein hübsches Sümmchen in ausgesuchte Möbelstücke zu investieren.

Wie die neue Lust auf exzeptionelles Mobiliar den Designmarkt in jüngster Zeit verändert hat, zeigt schon ein Blick in die Auktionskataloge der vergangenen 20 Jahre: Nicht mehr schwülstige Kommoden aus dem Barock oder behaglich-zweckmäßige Sofas aus der Biedermeierzeit stehen im Fokus des Sammlerinteresses. Gesucht sind heute Klassiker des 20. Jahrhunderts und Designer des beginnenden 21. Jahrhunderts. Etwa die zeitlosen Entwürfe der Wiener Werkstätte, auf-wendig gearbeitete Art-déco-Stücke, kühle Stahlrohrmöbel der Bauhaus-Bewegung, geradliniges Design skandinavischer oder verspielte Entwürfe italienischer Gestalter der Fünfziger- und Sechzigerjahre. Oder Wohnskulpturen zeitgenössischer Designer wie Marc Newson oder Ron Arad. "Immer mehr Menschen verstehen Designmöbel als komplementären Aspekt ihres Lebensstils", sagt Michaela de Pury vom Auktionshaus Phillips de Pury. "Ihre Shopping-Mentalität befeuert das Geschäft."

Shopping Mentalität bewirkt hohe Preise

Augenscheinlich wurde das spätestens 2005: Ein Couchtisch des Japaners Isamu Noguchi erzielte damals 630 000 Dollar – 1996 hatte das gleiche Exemplar nur 9000 Dollar gekostet. Im gleichen Jahr kam ein Esstisch des italienischen Universal-Ästheten Carlo Mollino unter den Hammer. Auf 200.000 Dollar war die schlichte Eichen-Glas-Konstruktion taxiert – der Preis stieg auf 3,8 Millionen Dollar. Drei Jahre zuvor hatte er noch für 120 000 Euro den Besitzer gewechselt.

Das teuerste Möbelstück des 20. Jahrhunderts aber hat eine Frau entworfen: Der Ledersessel "Dragons Armchair", entworfen zwischen 1917 und 1919 von der Irin Eileen Gray, war viele Jahre Teil der legendären Sammlung des Modedesigners Yves Saint Laurent. Und wurde vor rund zwei Jahren für knapp 22 Millionen Euro versteigert – elfmal so viel wie erwartet.

Schnell wechselnde Mode

Dass prominente Provenienz allein nicht reicht, um Spitzenpreise zu erzielen, zeigte die Versteigerung der Art-déco-Sammlung des Modedesigners Wolfgang Joop im November 2010: Zwar erlöste sie mit 2,6 Millionen Euro doppelt so viel wie erwartet. Doch die Auktion machte auch deutlich, wie schnell die Moden wechseln: Ein Wollteppich von André Arbus, den Joop 2001 für mehr als 60.000 Euro aus der Sammlung Karl Lagerfelds erworben hatte, fand keinen Interessenten.

"Einzelne Teilgebiete sind schon recht abgegrast", sagt Ulrike Berendson, Direktorin der Messe Cologne Fine Art & Antiques. "In anderen Epochen ist aber noch viel Luft nach oben."

Das gilt etwa für die Arbeiten der italienischen Designgruppe Memphis um Ettore Sottsass, die in den Achtzigerjahren mit bunten, fantasievollen Entwürfen Furore machten. Auch die wegweisenden Klassiker des skandinavischen Designs aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren sind noch erschwinglich: Eero Saarinens gemütlicher Womb Chair ging im Juni 2010 beim Münchner Auktionshaus Quittenbaum für 2200 Euro an einen privaten Sammler, Arne Jacobsens berühmten Egg Chair gibt es schon mal für 3000 Euro.

Eigene Gesetze

Selbst museumsreife Objekte aus der Bauhaus-Epoche finden bisweilen keinen Käufer. So wie ein Exemplar der berühmten Weißenhof-Stühle, entworfen 1927 vom Architekten Ludwig Mies van der Rohe. Für 15.000 Euro wäre der rare, bestens erhaltene Stahlrohr-Freischwinger auf einer Auktion im Dezember 2010 zu haben gewesen, nach Expertenschätzungen wären selbst 100.000 Euro ein angemessener Preis – doch ein Käufer fand sich nicht. Dagegen kostet die berühmte Küchenuhr von Max Bill auf Auktionen bis zu 2300 Euro – ist aber auf Flohmärkten noch für 200 Euro zu finden.

Die Auflage ist entscheidend

"Versteigerungen folgen eigenen Gesetzen", sagt Arthur Floss, Designexperte vom Münchner Auktionshaus Quittenbaum, "ihr Verlauf ist unberechenbar."

Doch es gibt auch handfeste Hinweise, die darüber entscheiden, ob Möbel aus der gleichen Epoche, ja gar vom gleichen Designer, für Millionen oder gar nicht verkauft werden: Neben Zustand, Bekanntheit des Designers, Hersteller und Herkunftshistorie des Objekts entscheidet vor allem eins über den Preis: die Auflage.

So verteuerte sich das 1949 von Charles und Ray Eames entwickelte Regalsystem ESU zwischen 1997 und 2001 von 6000 auf 70.000 Dollar. Inzwischen liegt der Preis wieder bei 10.000 Dollar – zu viele Exemplare sind inzwischen bei Ebay aufgetaucht.

Weg vom Massenmarkt

Deshalb wenden sich immer mehr zeitgenössische Designer vom Massenmarkt ab und schaffen – wie Künstler – Objekte in streng limitierter Auflage von maximal 20 Exemplaren. "Die Grenzen zwischen Kunst und Design lösen sich auf", bestätigt die auf diese sogenannte Design Art -spezialisierte Galeristin Gabrielle Ammann aus Köln.

Das schlägt sich auf die Preise nieder: Ein Exemplar der Sitzskulptur "Blo Void 4" des Briten Ron Arad wurde im November 2010 für knapp 80.000 Pfund versteigert. Und die futuristische Aluminium-Liege "Lockheed Lounge" des Australiers Marc Newson, entworfen 1985, die beim ersten Auktionsversuch 1999 für 35.000 Pfund keiner haben wollte, wurde im Mai 2010 für mehr als zwei Millionen Dollar gehandelt.

"Wer ein Möbelstück aber nur als finanzielles Investment betrachtet, kann fürchterlich reinfallen", sagt Joy McCall vom Auktionshaus Christie’s. "Wer einen Stuhl kauft, weil er sich in Form und Material verliebt hat, macht aber nie einen Fehler."

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