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Deutsche Bahn Transnet-Chef Kirchner: "Bahn-Streik wird heftiger als 2007"

Der Chef der Eisenbahnergewerkschaft Transnet, Alexander Kirchner, über Lohndumping und doppelte Streikgefahr im Sommer.

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Alexander Kirchner Quelle: AP

WirtschaftsWoche: Herr Kirchner, Ende Juli läuft der Tarifvertrag für die rund 125.000 Beschäftigten bei der Deutschen Bahn aus. In den kommenden Tagen beginnen die Verhandlungen. Sie fordern in Summe sechs Prozent mehr Lohn. Ist das angesichts der Krise realistisch?

Kirchner: Ja, wir fordern Lohn- und strukturelle Verbesserungen im Gesamtvolumen von sechs Prozent. Die Deutsche Bahn hat die Wirtschaftskrise vergleichsweise gut überstanden. Außerdem soll sie an den Bund künftig 500 Millionen Euro Dividende zahlen. Wenn Geld für den Eigentümer da ist, ist auch Geld für die Beschäftigten da.

Eine Vereinbarung mit der DB machen Sie auch von einem Branchentarifvertrag abhängig, der für alle Eisenbahnunternehmen Arbeitsbedingungen und Lohnniveau regeln soll. Wie laufen die Verhandlungen? 

Verhandlungen kann ich das nicht nennen. Wir führen allenfalls Gespräche mit den Verbänden der regionalen Eisenbahnunternehmen. Bislang blockieren die Vertreter jegliche Annäherung. Ich sehe uns derzeit in eine Eskalation reinfahren.

Das heißt?

Wenn wir bis Ende Juli keinen Branchentarifvertrag vereinbaren, der ein angemessenes Lohnniveau auf Höhe des DB-Konzerns vorsieht, ist ein flächendeckender Streik unvermeidbar. Wir wollen in Zukunft Lohndumping bei öffentlichen Ausschreibungen im Regionalverkehr vermeiden.

Fahrgäste und Wirtschaft erinnern sich noch an die Streiks der Lokführergewerkschaft GdL vor drei Jahren. Wird es so schlimm? 

Ich befürchte, wenn ein Streik kommt, wird er heftiger als 2007. Damals war das eher ein über die Medien ausgetragener Konflikt mit gerade einmal vier bis fünf Streiktagen über ein halbes Jahr verteilt. Unsere Taktik würden wir noch festlegen. Wir könnten aber sowohl die Deutsche Bahn als auch regionale Wettbewerbsbahnen bestreiken — und zwar an mehreren Tagen.

Und Deutschland steht dann still, weil Sie mehr Lohn haben wollen?

Uns liegt nichts daran, Reisende zu bestreiken. Aber für unser Ziel, in Zukunft Lohndumping bei öffentlichen Ausschreibungen im Regionalverkehr zu vermeiden, müssen wir das Druckpotenzial erhöhen.

Treffen Sie damit nicht den Falschen? Die Deutsche Bahn setzt sich auch für eine Branchenlösung ein.

Die Deutsche Bahn ist verbal für einen Branchentarifvertrag, aber in der Praxis steht sie für Lohndumping. Seit zwei Jahren hat der Konzern an keiner Ausschreibung teilgenommen, ohne Löhne unterhalb seines eigenen Tarifniveaus anzubieten — teilweise kalkuliert die DB mit 20 Prozent geringeren Löhnen als die Wettbewerber.

Die GdL hat 2007 für einen eigenständigen Tarifvertrag gestreikt. Haben Sie sich inzwischen wieder lieb?

Wir verfolgen leider keine gemeinsame Strategie mit der GdL. Die GdL will einen Flächentarifvertrag für ihre Lokführer und plant daher eigene Aktionen. Dahinter stecken organisationspolitische Gründe.

Mit anderen Worten: Zuerst streiken Sie, dann die GdL und in Deutschland geht auf den Schienen gar nichts mehr?

Doppelte Streiks sind möglich. Wir wollen langfristig einen Tarifvertrag, der von der Politik in die Allgemeinverbindlichkeit gebracht wird. Die GdL sieht das anders.

Im Dezember fusionieren Sie mit der Bahnergewerkschaft GDBA. Was soll das bringen?

Wir verfolgen das solidarische Modell einer Einheitsgewerkschaft. Deshalb verschmelzen wir zu einer neuen Gewerkschaft.

Dahinter stecken sicherlich auch profane Gründe, oder? Sie verlieren Mitglieder.

Das stimmt nur bedingt. Bei den aktiven Beschäftigten legen wir zu.Wir haben allerdings den höchsten Seniorenanteil aller Gewerkschaften. Viele Mitglieder sterben. Daher haben wir in der Vergangenheit unterm Strich Mitglieder verloren.

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