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Deutsche Bank Zwist im Männerclub

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Drohender Flächenbrand

Wie deutsch ist die Deutsche Bank?

Auch im direkten Wechsel Ackermanns in den Aufsichtsrat liegt für die Bank ein Risiko, das über die Unruhe in der Belegschaft hinausgeht. „Das Argument, dass man nicht auf das Know-how und das Netzwerk von Ackermann verzichten kann, zeigt, dass die Deutsche Bank die Funktion des Aufsichtsrates immer noch nicht verstanden hat“, kritisiert Frank Romeike, Eigentümer und Chef von Risknet. Das Münchner Unternehmen berät große -Unternehmen zu den Themen Risikomanagement und wertorientierte Steuerung.

„Ohne Karenzzeit kann kein Vorstand, auch nicht Ackermann, seriös die Rolle des Chefkontrolleurs wahrnehmen“, warnt Romeike. „Als Aufsichtsrat kann er die Leistungen und Entscheidungen, die er in seinem früheren Amt getroffen hat, nie und nimmer selbst kritisch prüfen und bewerten.“ Ackermann selbst hatte 2007 noch eingeräumt: „Ich wäre ein schlechter Aufsichtsrat, weil ich zu stark im Geschäft bin und nicht loslassen könnte.“

Ackermann muss nicht in die Warteschleife

Die Auswirkungen reichen weit über das Unternehmen hinaus. „Die Deutsche Bank weiß ganz genau, welche Signalwirkung ihr Verhalten in puncto Corporate Governance hat“, schimpft Manuel Theisen, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität München. Der Herausgeber der Zeitschrift „Der Aufsichtsrat“ befürchtet sogar einen Flächenbrand. Der Argumentation der Deutschen Bank, die Gefahr einen guten Mann zu verlieren wiege schwerer als der Verlust der Unabhängigkeit des Aufsichtsrats, könnten auch andere Publikumsgesellschaften demnächst wieder mutiger folgen.

Seit die Karenzzeit für Vorstände börsennotierter Unternehmen 2009 im Aktiengesetz vorgeschrieben wurde, haben erst zwei Unternehmen die Ausnahmeklausel genutzt: ThyssenKrupp und Gerresheimer Glas. Dagegen begaben sich ehemalige Konzernlenker wie Werner Wenning (Bayer), Jürgen Hambrecht (BASF) und Wolfgang Mayrhuber (Lufthansa) in die Warteschleife.

Scheidende Chefs könnten sich jetzt ermuntert fühlen, nicht zu warten. „Der angekündigte direkte Wechsel Ackermanns ist ein schwerer Rückschlag für die Corporate-Governance-Kultur in Deutschland“, urteilt der Gesellschaftsrechtler und Honorarprofessor an der Universität Mannheim, Ulrich Tödtmann. „Jetzt kehrt die Deutschland AG wieder zurück.“

Bis Ende der Neunzigerjahre war es üblich, dass sich die Konzernlenker gegenseitig als wohlgesonnene Kontrolleure bestellten und langjährige Vorstandschefs automatisch an die Spitze des Aufsichts-rates wechselten. Dann meuterten die Aktionäre, weil ihre Interessen dabei zu kurz kamen. Mehr Transparenz, freiwillige Regeln zur guten Unternehmensführung (Corporate Governance) und wirksamere Kontrollen sollten die Kungelei an den Konzernspitzen stoppen. „Wenn jetzt die Karenzzeitregelung ausgehöhlt wird, ist das ein Rückschritt in alte Zeiten“, warnt Tödtmann.

Die Finanzkrise hat gezeigt, dass es in der Wirtschaft und besonders bei Banken und Versicherungen an unabhängiger Kontrolle mangelt. Seit 2009 soll die Karenzzeit „dem neuen Vorstand dazu dienen, Fehlentwicklungen aus der Zeit seines Vorgängers wie auch haftungsrelevante Pflichtverstöße in Ruhe aufarbeiten zu können“, erläutert Tödtmann.

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