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Deutsche Bank Zwist im Männerclub

Zwischen dem künftigen Josef Ackermann, Anshu Jain und Jürgen Fitschen sind Konflikte programmiert, die dem Geschäft der Deutschen Bank schaden können. Auch Ackermanns direkter Wechsel in den Aufsichtsrat ist umstritten.

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Fliegender Wechsel Quelle: Laif

Wenn Josef Ackermann Mitte August aus dem Sommerurlaub zurückkehrt, steht sein nächster öffentlicher Termin an einem symbolträchtigen Ort bevor. In Berlin darf der Chef und designierte Vorsitzende des Aufsichtsrats von Deutschlands größter Bank Ende kommenden Monats auf Einladung der Stiftung Zukunft die Hauptstadt-Rede halten. Das Privileg, über die Bedeutung Berlins für Deutschland zu dozieren, hat der Veranstalter in der Regel für führende Politiker reserviert. Ackermanns Auftritt im Atrium Unter den Linden, das die Deutsche Bank zu diesem Anlass zur Verfügung stellt, dürfte daher ganz nach seinem Geschmack ausfallen.

Denn seit der Dax-Konzern in der vergangenen Woche den lange schwelenden Nachfolgekonflikt gelöst hat, ist klar, dass der übergroße Vorsitzende Ackermann nach seinem für 2012 geplanten Wechsel an die Spitze des Aufsichtsrats weiter das Gesicht der Deutschen Bank bleibt.

Auf den ersten Blick eine Musterlösung

Das Triumvirat aus dem Chefkontrolleur Ackermann und den beiden Co-Chefs – Anshu Jain, Kopf des Investmentbankings mit Sitz in London, sowie Deutschland-Chef Jürgen Fitschen – erscheint auf den ersten Blick als Musterlösung eines kniffligen Führungsproblems. Doch in der neuen Konstellation sind Probleme angelegt, die sich im Tagesgeschäft niederschlagen werden – und das in einer Zeit, in der die Finanzbranche mit der europäischen und amerikanischen Schuldenkrise kämpft.

Zugleich ist die Tatsache, dass Ackermann mit einer Ausnahmeklausel die gesetzlich vorgeschriebene zweijährige Wartezeit vor dem Wechsel in den Aufsichtsrat umgehen will, ein Signal für andere Unternehmen. Werden auch sie mutiger und hieven öfter ihre Chefs wieder direkt ins Kontrollgremium, wie der Münchner Professor und Aufsichtsratspapst Manuel Theisen befürchtet? Bricht jetzt der Damm, droht in den Aktiengesellschaften die Rückkehr zu den verkrusteten Verhältnissen der alten Deutschland AG mit ihren vielfältigen Überkreuzmandaten in Aufsichtsräten und Vorständen?

Furcht vor Schlagzeilen

In den ersten Tagen nach der Entscheidung überwog in der Deutschen Bank noch die Erleichterung. Mitarbeiter und Führungskräfte waren froh, dass der interne Machtkampf ein Ende hatte. Ackermanns Rochade von der Spitze des Vorstands an die des Aufsichtsrats bringt allerdings auch Unruhe in die Belegschaft. „Anders als in den Medien dargestellt, war es nicht die Mehrzahl der Arbeitnehmervertreter, die Ackermann als Aufsichtsratschef für die Deutsche Bank ins Spiel gebracht hat“, sagt Uwe Foullong, der im Bundesvorstand der Gewerkschaft Verdi für Banken zuständig ist.

Stattdessen habe die Arbeitnehmerseite das Vorgehen der Anteilseigner kritisiert. Der Grund: „Die Diskussion über Ackermanns direkten Wechsel an die Aufsichtsratsspitze wird der Bank noch viele negative Schlagzeilen bescheren – zum Schaden der Belegschaft“, prophezeit Foullong.

Anshu Jain hat es an die Quelle: REUTERS

Die künftige Führung der Bank wird auch dadurch erschwert, dass zwar alle prominenten Beteiligten scheinbar als Gewinner aus dem Konflikt hervorgegangen sind. Doch die Darsteller dieses Schauspiels haben zugleich – derzeit heruntergespielte – Blessuren davongetragen:

Josef Ackermann steht als Überraschungssieger da. Für den Machtmenschen muss an der Aufsichtsratsspitze mit Clemens Börsig just der Mann weichen, der Ackermanns Wunschnachfolger als Vorstandschef, Ex-Bundesbank-Präsident Axel Weber, zu lange zappeln ließ. Doch muss Ackermann nun mit einer Doppelspitze im Vorstand kooperieren, die er so nicht gewollt hat: Insider berichten, er habe Jain nicht als Nachfolger gewünscht, um das Gewicht des Gewinne scheffelnden, aber riskanten Investmentbankings nicht noch weiter zu stärken. Und Fitschen sei ihm als Repräsentant des stabileren, jedoch weniger profitablen Deutschlandgeschäfts mit 62 Jahren zu alt, um ein machtvolles Gegengewicht für Jain zu bilden.

Sieger und Verlierer

Clemens Börsig konnte sich bei der Inthronisierung von Ackermanns Erben mit seinen Favoriten durchsetzen, muss aber die Aufsichtsratsspitze gegen ein Pöstchen im Beratergremium der deutschen Bank eintauschen. Er dürfte von 2012 an keine wichtige Rolle mehr spielen.

Anshu Jain hat sein Ziel erreicht, an die Spitze des wichtigsten deutschen Geldinstituts vorzurücken – einer von vielen Indern, die weltweit die Top-Etagen der Unternehmen erobern. Dafür muss er die Kröte schlucken, dass ihm der Aufsichtsrat den Posten aus Sorge um die politische Landschaftspflege in Deutschland nicht allein zugetraut hat.

Jürgen Fitschen erntet als Jains Co-Chef die Früchte einer langjährigen Karriere in der Deutschen Bank. Doch der Aufsichtsrat hat Fitschens Vertrag nur um drei Jahre verlängert. Das erschwert es, eigene Akzente zu setzen und Jain Paroli zu bieten.

Rainer Neske rückte zwar noch nicht ganz an die Spitze, was Ackermann befürwortet haben soll. Der Leiter des weltweiten Privat- und Geschäftskundenbereichs gilt aber bereits als Fitschens Nachfolger – sein Vorstandsvertrag wurde bereits um fünf Jahre verlängert.

Angesichts dieser Gemengelage wird die neue Führung einen schwierigen Start haben. „Die Deutsche Bank steht jetzt vor einer Übergangsphase“, sagt Udo Steffens, Präsident der Frankfurt School of Finance & Management. „Es gibt im Haus eine gewisse Tradition der Doppelspitze, doch muss das neue Führungsduo seine eigene Balance finden – gerade auch, um aus dem Schatten von Ackermann zu treten.“

Das wird nicht leicht: Denn obwohl die exakte künftige Aufgabenteilung der beiden Co-Chefs noch nicht feststeht, zeichnet sich jetzt schon ab, dass keine Waffengleichheit herrschen wird. Das von Jain verantwortete Geschäft soll 2011 drei Viertel zum operativen Gewinn der Bank beitragen. Es ist daher zweifelhaft, ob er seinen Kollegen Fitschen bei wichtigen Entscheidungen für voll nehmen wird. „Wer zahlt, schafft an“, das gelte auch in der Deutschen Bank, erzählt ein ehemaliger Mitarbeiter. Doppelspitzen bei Unternehmen hätten in der Praxis häufig Führungsprobleme zur Folge, sagt Dieter Hein vom unabhängigen Analystenhaus Fairesearch in Frankfurt. „Es ist für die Deutsche Bank eine gute, aber keine optimale Lösung.“

Drohender Flächenbrand

Wie deutsch ist die Deutsche Bank?

Auch im direkten Wechsel Ackermanns in den Aufsichtsrat liegt für die Bank ein Risiko, das über die Unruhe in der Belegschaft hinausgeht. „Das Argument, dass man nicht auf das Know-how und das Netzwerk von Ackermann verzichten kann, zeigt, dass die Deutsche Bank die Funktion des Aufsichtsrates immer noch nicht verstanden hat“, kritisiert Frank Romeike, Eigentümer und Chef von Risknet. Das Münchner Unternehmen berät große -Unternehmen zu den Themen Risikomanagement und wertorientierte Steuerung.

„Ohne Karenzzeit kann kein Vorstand, auch nicht Ackermann, seriös die Rolle des Chefkontrolleurs wahrnehmen“, warnt Romeike. „Als Aufsichtsrat kann er die Leistungen und Entscheidungen, die er in seinem früheren Amt getroffen hat, nie und nimmer selbst kritisch prüfen und bewerten.“ Ackermann selbst hatte 2007 noch eingeräumt: „Ich wäre ein schlechter Aufsichtsrat, weil ich zu stark im Geschäft bin und nicht loslassen könnte.“

Ackermann muss nicht in die Warteschleife

Die Auswirkungen reichen weit über das Unternehmen hinaus. „Die Deutsche Bank weiß ganz genau, welche Signalwirkung ihr Verhalten in puncto Corporate Governance hat“, schimpft Manuel Theisen, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität München. Der Herausgeber der Zeitschrift „Der Aufsichtsrat“ befürchtet sogar einen Flächenbrand. Der Argumentation der Deutschen Bank, die Gefahr einen guten Mann zu verlieren wiege schwerer als der Verlust der Unabhängigkeit des Aufsichtsrats, könnten auch andere Publikumsgesellschaften demnächst wieder mutiger folgen.

Seit die Karenzzeit für Vorstände börsennotierter Unternehmen 2009 im Aktiengesetz vorgeschrieben wurde, haben erst zwei Unternehmen die Ausnahmeklausel genutzt: ThyssenKrupp und Gerresheimer Glas. Dagegen begaben sich ehemalige Konzernlenker wie Werner Wenning (Bayer), Jürgen Hambrecht (BASF) und Wolfgang Mayrhuber (Lufthansa) in die Warteschleife.

Scheidende Chefs könnten sich jetzt ermuntert fühlen, nicht zu warten. „Der angekündigte direkte Wechsel Ackermanns ist ein schwerer Rückschlag für die Corporate-Governance-Kultur in Deutschland“, urteilt der Gesellschaftsrechtler und Honorarprofessor an der Universität Mannheim, Ulrich Tödtmann. „Jetzt kehrt die Deutschland AG wieder zurück.“

Bis Ende der Neunzigerjahre war es üblich, dass sich die Konzernlenker gegenseitig als wohlgesonnene Kontrolleure bestellten und langjährige Vorstandschefs automatisch an die Spitze des Aufsichts-rates wechselten. Dann meuterten die Aktionäre, weil ihre Interessen dabei zu kurz kamen. Mehr Transparenz, freiwillige Regeln zur guten Unternehmensführung (Corporate Governance) und wirksamere Kontrollen sollten die Kungelei an den Konzernspitzen stoppen. „Wenn jetzt die Karenzzeitregelung ausgehöhlt wird, ist das ein Rückschritt in alte Zeiten“, warnt Tödtmann.

Die Finanzkrise hat gezeigt, dass es in der Wirtschaft und besonders bei Banken und Versicherungen an unabhängiger Kontrolle mangelt. Seit 2009 soll die Karenzzeit „dem neuen Vorstand dazu dienen, Fehlentwicklungen aus der Zeit seines Vorgängers wie auch haftungsrelevante Pflichtverstöße in Ruhe aufarbeiten zu können“, erläutert Tödtmann.

Eine kleine Gesetzeslücke Quelle: dpa

Wenn ein Vorstand nun nahtlos zum Chefkontrolleur seines Unternehmens wird, birgt das die Gefahr, dass der neue Vorstand heiße Eisen nicht anpackt und sich mit Strategiewechseln schwertut. Der Neuling wird sich nicht mit seinem Aufsichtsratsvorsitzenden anlegen wollen, weil der über seine Vertragsverlängerung entscheidet. Tödtmann fordert deshalb: „Die Politiker müssen für Publikumsgesellschaften die Ausnahmeregelung streichen und so das Schlupfloch schließen, mit dem sich die Deutsche Bank über die Corporate Governance hinwegsetzt.“

Tatsächlich zeigt sich jetzt, dass der Gesetzgeber bei seinem Versuch, eine klare Trennlinie zwischen Unternehmensleitung und Kontrolle zu ziehen, einem faulen Kompromiss aufgesessen ist. Nur damit Familienunternehmer mit börsennotierten Gesellschaften nahtlos vom Vorstand in den Aufsichtsrat wechseln können, schuf er eine Ausnahme von der Regel: Die Karenzzeit gilt nicht, wenn die Wahl des Aufsichtsrats auf der Hauptversammlung auf Vorschlag von Aktionären erfolgt, die mehr als 25 Prozent der Stimmrechte halten. Das nutzt Ackermann.

Kodex 16 mal ignoriert

„Dass die Deutsche Bank diese Ausnahme nun einfach zur Regel erklärt, bedeutet nichts anderes, als dass Ackermann das Gesetz verbiegt und missbraucht“, sagt Aufsichtsratsfachmann Theisen. „Es scheint ihm völlig egal zu sein, dass dabei massiv der Glaube an die Unabhängigkeit der Bankenkontrolle beschädigt wird.“

Dass es ohne gesetzliche Vorschrift nicht geht, zeigt die Statistik: Schon seit 2002 empfiehlt der freiwillige Corporate Governance Kodex börsennotierten Unternehmen die Karenzzeit für Vorstandschefs. Aber 16 Vorstandschefs der 30 -größten börsennotierten Konzerne in Deutschland ignorierten beherzt die Kodex-Empfehlung und wechselten direkt ins Kontrollorgan.

Wolfgang Bosbach (CDU), Leiter des Innenausschusses des Bundestags, bedauert, dass „die Intention des Gesetzgebers bewusst umgangen wird“, fände es aber „gut, wenn die Publikumsgesellschaften aus eigener Überzeugung zu einer einheitlichen Linie kämen, die den Absichten des Gesetzgebers entspricht“. Laut Anwalt Tödtmann sei es aber zu spät, den Ball an die Unternehmen zurückzuspielen: „Man darf nicht die Frösche fragen, wenn man den Sumpf trockenlegen will.“

Vorbild Puma?

Branchenkenner fragen sich bereits, wann die Deutsche Bank zur Europäischen Aktiengesellschaft (Societas Europaea) umfirmiert. „Das wäre konsequent und ehrlich“, sagt Tödtmann. „Mit der Europäischen Aktiengesellschaft gibt es auch in Deutschland die Möglichkeit, mit einem Verwaltungsratspräsidenten Leitung und Kontrolle in Personalunion zu verbinden.“

Den direkten Sprung vom Vorstandsvorsitzenden zum Chef-Kontrolleur vollzog gerade erst Jochen Zeitz, Kopf des MDax-Wertes Puma. Seit Kurzem firmiert der Sportartikelkonzern als SE. Eine Diskussion über eine Abkühlungsphase gab es nicht: Der französische Luxusgüterkonzern PPR (Gucci, Bottega Veneta) ist mit knapp 72 Prozent Mehrheitsaktionär bei Puma und hat großes Interesse daran, Zeitz an sich zu binden. Der führt von Paris aus eine neue PPR-Sport-Lifestyle-Sparte, die er rund um Puma aufbaut. Zugleich wird Zeitz dem neuen Chef-Puma Franz Koch, an dessen Aufstieg er maßgeblich beteiligt war, mit Argusaugen auf die Krallen schauen.

Von Loslassen kann bei Puma also keine Rede sein. Ackermann dagegen probt es zumindest schon mal verbal. Als der Vorstandschef nach der Präsentation der Quartalszahlen vergangene Woche vor seine versammelten Führungskräfte trat, erntete er positives Echo für seine Bereitschaft, in den Aufsichtsrat zu wechseln. Dann ging die Runde zu anderen Themen über. Welche Akquisitionen geplant seien, wollten die Manager etwa wissen. Ackermanns Antwort: „Darüber reden Sie am besten mit meinen Nachfolgern.“  

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