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Deutsche Telekom Obermann spart kräftig dank Fusion von Festnetz und Mobilfunk

Telekom-Chef René Obermann will durch die Fusion von Festnetz- und Mobilfunksparte mehrere Hundert Standorte und Tausende Managerposten einsparen.

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Telekom-Chef Obermann: Totalumbau von T-Home und T-Mobile Quelle: Laif/Michael Jungblut

Der Auftritt ist ganz nach dem Geschmack von René Obermann. Morgens um 8.15 Uhr, noch bevor die IT-Messe CeBIT ihre Tore öffnet, stürmt der Telekom-Chef die Bühne auf dem Telekom-Stand in Halle 26 und gibt den 400 Mitarbeitern den letzten Kick. „Ist das nicht ein superästhetischer Messestand?“, fragt Obermann zu Beginn seiner fast schon traditionellen „Morgenandacht“ in die Menge und wartet die Antwort nicht ab. „Wir bauen eine neue Telekom“, kündigt Obermann dann voller Begeisterung an. „Wir präsentieren uns als eine Firma und eine Marke. Die Kunden müssen dann nicht mehr von A nach B rennen.“

Die CeBIT lieferte einen Vorgeschmack davon, wie sich Obermann die neue Telekom vorstellt. Riesengroß überstrahlt das magentafarbene T einen futuristisch gestylten Messestand in Form eines Raumschiffes. Für ein paar Tage sollen die hier anwesenden Manager ihr Sparten- und Schubladendenken vergessen. Denn die Kunden kaufen heute nicht mehr das Festnetz- oder Mobilfunkprodukt der bisher getrennten Marken T-Home und T-Mobile, sondern stellen sich Komplettpakete aus Telefon, Mobilfunk und schnellem InternetAnschluss zusammen. Da ist es eher hinderlich, wenn jede der drei Telekom-Sparten T-Home, T-Mobile und T-Systems ihre eigenen Produkte in den Vordergrund rückt.

Obermann hält sich noch bedeckt

Was die Telekom auf der CeBIT erstmals praktizierte, stellt bald den gesamten Konzern auf Kopf. Die technisch bedingten Grenzen zwischen Mobilfunk und Festnetz verschwinden. Noch in diesem Jahr will Obermann alle Mauern zwischen den bis dato weitgehend getrennt operierenden Sparten T-Mobile und T-Home endgültig einreißen. Die beiden Bereiche sollen zu einer Riesen-Einheit mit einem Gesamtumsatz von 29 Milliarden Euro und mehr als 87 000 Mitarbeitern verschmelzen.

So weit die Vision. Welche Folgen der Umbau für die Besatzung des Raumschiffs Telekom haben wird, dazu hält sich Chefpilot Obermann bisher allerdings bedeckt. Nach den ersten Entwürfen ist eine viel schlankere Konzernstruktur geplant – mit deutlich weniger Niederlassungen und Standorten. Im Extremfall kann das zur Schließung von vielen Hundert Betriebsstätten führen und damit zum Wegfall von mehreren Tausend Managerposten und dem Abbau von weiteren 10 000 Arbeitsplätzen pro Jahr.

Ein Projektteam unter der Leitung des neuen Vorstandsbeauftragten Thomas Dannenfeldt wird in den kommenden Monaten die neue Struktur für eine dann netzübergreifend tätige Privatkundensparte entwerfen. Noch vor den Sommerferien soll der Aufsichtsrat seinen Segen geben.

Tiefe Einschnitte geplant

Dannenfeldts Projektteam bereitet tiefe Einschnitte vor. Denn nicht nur in der neuen Deutschland-Zentrale für das Privatkundengeschäft sollen künftig Festnetz- und Mobilfunkmanager Tür an Tür sitzen und die Marktanteile auf dem heftig umkämpften Heimatmarkt verteidigen. Auch in den Niederlassungen vor Ort soll es eine Vereinigung der beiden Sparten geben, viele Standorte würden dadurch ganz wegfallen. Viele Mitarbeiter dürften dann die längeren Anfahrtswege scheuen und lieber eines der vergleichsweise großzügigen Abfindungsangebote annehmen. Das erleichtert dem Magenta-Riesen den ohnehin erforderlichen Stellenabbau.

Berater wie Roman Friedrich, Telekom-Experte bei Booz & Company in Düsseldorf, wundern sich, dass die Deutsche Telekom diesen Schritt so lange hinausgezögert hat. Ex-Monopolisten in Europa wie France Télécom, Swisscom und die holländische KPN haben viel früher mit der vollständigen Integration von Festnetz und Mobilfunk begonnen. Und Friedrichs Marktanalysen zeigen, dass sie die Preiskämpfe besser überstehen und sogar Marktanteile zurückgewinnen können.

Hinzu kommt: Der operative Gewinn von Ex-Monopolisten wie der Deutschen Telekom lässt sich nach Booz-Berechnungen um bis zu 20 Prozent erhöhen, weil die Zusammenlegung so kostenintensiver Bereiche wie Produktentwicklung, Marketing, Netzbetrieb, Rechenzentren und Kundenservice Synergien eröffnet und damit Sparmöglichkeiten in Milliardenhöhe schafft.

Obermann steht vor einer Herkules-Aufgabe, die er sich bei seinem Amtsantritt vor zweieinhalb Jahren noch nicht zugetraut hat. Denn bei der jetzt beschlossenen Fusion von T-Home und T-Mobile prallen zwei Sparten aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Auf der einen Seite der immer noch sehr behäbige und schwer steuerbare Festnetz-Tanker T-Home mit 75 000 meist älteren Angestellten und Beamten, die sich auf über 2000 Betriebsstätten und Niederlassungen verteilen.

Auf der anderen Seite die mit rund 5400 Mitarbeitern sehr junge und agile Mobilfunksparte T-Mobile, die immer noch von der Startup-Mentalität der Gründerjahre geprägt und mit gerade mal 13 Regionalniederlassungen in den Großstädten sehr schlank aufgestellt ist. „Nur wenn es gelingt, den Geist von T-Mobile auf das Festnetzgeschäft zu übertragen, wird die Fusion ein Erfolg“, sagt ein Telekom-Manager.

Vollautomatisches Internet macht Mitarbeiter überflüssig

Beim Umbau wird kein Bereich ausgeklammert:

Beispiel Deutschland-Zentrale: Aus den drei großen Zentralen in Bonn-Bad-Godesberg (T-Home), Bonn-Beuel (T-Mobile) und Darmstadt (Technik, IT und Produktentwicklung) mit insgesamt 17 000 Managern könnte eine deutlich abgespeckte Deutschland-Zentrale für das gesamte Privatkundengeschäft entstehen, die auf Doppelfunktionen verzichtet und mit rund der Hälfte der Führungskräfte auskommt. Bonn bleibt, so Insider, Hauptstandort.

Beispiel Netzbetrieb: Bis 2014 will der Ex-Monopolist nicht nur weite Teile Deutschlands mit Glasfasernetzen durchziehen. Gleichzeitig soll die alte Telefonvermittlung durch nahezu vollautomatische Internet-Techniken ersetzt werden. Rund 7000 der bundesweit 7900 Schaltstellen, im Fachjargon Hauptverteiler genannt, werden dann abgeschaltet. Fast zwei Drittel der 2000 oft nur mit ein oder zwei Mitarbeitern besetzten Stützpunkte ist dadurch überflüssig.

Beispiel Geschäftskundenvertrieb: Allein der für den Mittelstand zuständige Bereich Business Services, der am 1. Januar mit 6300 Mitarbeitern von der IT-Sparte T-Systems zur Festnetzsparte T-Home verschoben wurde, ist auf über 30 Standorte in Deutschland verteilt. Interne Planungen sehen vor, diese Zahl zu halbieren und sich auf die wichtigsten Ballungszentren zu konzentrieren.

Obermann folgt damit einem Muster, das sich bereits bei der vor zwei Jahren ausgelagerten Servicegesellschaft bewährt hat. Gegen den Widerstand der Gewerkschaft Verdi setzte er durch, dass zwei Drittel der 75 überall im Land verstreuten Callcenter geschlossen und 8000 Arbeitsplätze an andere Standorte verlagert werden. An nur noch 33 hochmodernen Call-center-Standorten sind künftig alle 15 000 Service-Mitarbeiter konzentriert und können dadurch effizienter und schneller Anfragen und Beschwerden der Kunden bearbeiten.

Einen Schritt weiter ist bereits der größte Telekom-Konkurrent Vodafone. Nach der Komplettübernahme der Festnetz-Tochter Arcor will Vodafones Deutschland-Chef Friedrich Joussen das gesamte hiesige Geschäft mit 15 000 Mitarbeitern und einem Gesamtumsatz von zehn Milliarden Euro über acht Regionalniederlassungen und eine Handvoll Außenstellen steuern. In Düsseldorf, Berlin, Eschborn, Stuttgart und München rücken die bisher getrennt betriebenen Bereiche Privatkunden, Geschäftskunden und Technik schon in einem Gebäude zusammen und berichten an nur noch einen Vorgesetzten.

Das hat Telekom-Chef Obermann bisher nur auf der CeBIT geschafft.

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