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Deutsche Telekom Telekom-Skandale: Die Ermittlungsakten der Staatsanwälte

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Rene Obermann, Quelle: AP

Mit einer „Tiefenbohrung“ will Oberaufklärer Balz, wie er selbst sagt, der -Sache nun auf den Grund gehen. Die Spuren, die er verfolgen muss, sind heiß und führen bis in die Deutsche Telekom selbst. Leitende Manager des Konzerns – das belegen streng vertrauliche, der -WirtschaftsWoche vorliegende Dokumente – wussten nicht nur vom Datenmissbrauch innerhalb des Pyramidensystems und drückten beide Augen zu. Aus Akten der Staatsanwaltschaft geht auch hervor, dass diese mitunter sogar Akteure der Vertriebsoffensive waren, indem sie unter dem Deckmantel von Freunden und Verwandten eigene Shops und Callcenter gründeten, um selbst DSL-Anschlüsse zu verkaufen. Dabei zweigten sie Provisionen ihres Arbeitgebers, der Telekom, in die eigene Tasche ab und beteiligten sich damit, so der Verdacht der Staatsanwalt, am Provisionsbetrug. Die Telekom hat auch in diesem Fall Strafanzeige erstattet.

Als wären Datenklau und Betrug nicht schon genug, entpuppt sich die Vertriebsoffensive inzwischen auch noch als eines jener Megaprojekte, deren Initiatoren vor lauter Komplexität irgendwann einmal die Kontrolle über ihr eigenes Tun verlieren. Von einem bestimmten Punkt an wusste zeitweise nicht einmal die Telekom, wer welche Kunden gewonnen hatte, wem welche Provisionen zustehen und wer welche Kundendaten zur Akquise neuer Vertragsabschlüsse abgreifen konnte. Bis heute streiten sich Vertriebspartner mit Großhändlern vor Gericht über ausstehende Provisionen, fühlen sich vor allem Subunternehmen von dem Marktführer in die Insolvenz getrieben. Überforderungen und persönliches Fehlverhalten durchzogen die neu geschaffene Ver-triebspyramide durch alle Instanzen.

Einladung zum Vertragsbruch

Bonn, 13. Oktober 2008, die Zentrale der Deutschen Telekom in der Friedrich-Ebert-Allee 140: Der Telekom-Vorstand legt Wert auf strikte Anonymität. Der Informant, der an diesem Nachmittag den Konzernchefs den Missbrauch von Kundendaten schildert, geht mit dem Namen „externer Hinweisgeber“ in die Unternehmensakten ein. Der Anonymus berichtet von einem Fall, der den frisch bestellten Datenschutz-Vorstand Balz noch bis weit ins Jahr 2009 beschäftigen wird. Ein Vertriebspartner habe „vertragswidrig für eigene Zwecke auf die Kundendatenbank der T-Mobile Deutschland zugegriffen“, heißt es im Datenschutz-Bericht der Telekom. Durch die „unbefugte Verwendung von Kennungen“ hätten mehrere externe Callcenter vorschriftswidrig monatelang im großen Stil Kunden von T-Mobile anrufen und deren auslaufende Verträge verlängern können.

Der Vorwurf richtet sich nicht gegen irgendeine Callcenter-Klitsche. Er zielt auf ein Unternehmen, das zu den Hauptakteuren des neuen Vertriebssystems der Telekom zählt und zusammen mit anderen die Spitze der Verkaufspyramide bildet: die Handyshop-Kette dug, die kurz zuvor vom Wettbewerber Debitel übernommen worden war.

An dug zeigt sich die ganze Krux des neuen Pyramidensystems, das offenbar die Telekom zu großzügigen Sonderzahlungen verleitete. Die Bonner spannten dug vor allem ein, um Kunden und Marktanteile in Ostdeutschland zurückzugewinnen. Zunächst gab es Zuschüsse in Höhe von 25 000 Euro für jeden neu eröffneten dug-Shop. Den Zuschlag durfte dug nur behalten, wenn der Shop acht Monate durchhielt und einen vorher festgelegten Mindestabsatz übertraf. Doch das schaffte nicht jeder Laden. Um via dug flächendeckend in Ostdeutschland präsent zu sein, drückten Telekom-Manager deshalb offenbar mehrfach beide Augen zu, wenn Shops mangels Laufkundschaft ihre Bilanz mit nicht zulässiger Telefonakquise aufpeppten.

Die Telekom machte dug zu einer Art Durchlauferhitzer für selbstständige externe Callcenter. Dafür sorgte ein Provisionssystem, das den Callcenter-Betreibern Aufschläge von bis zu 30 Prozent versprach, wenn sie Neuverträge und Vertragsverlängerungen über die Shops des Filialisten dug in die Vertriebsportale der Telekom eingaben. Die dafür erforderlichen Kennungen und Zugangskodes der rund 400 Shops gaben dug-Manager heraus. Dem Datenmissbrauch war dadurch Tür und Tor geöffnet.

Als der anonyme Zeuge dem Telekom-Vorstand von diesen Missbrauchsmöglichkeiten berichtet, stellt dies die Zusammenarbeit mit dug auf eine harte Probe. Monatelang streitet die Telekom mit ihrem Dienstleister, wer die Verantwortung für den Datenmissbrauch trage. Dann, im Dezember 2008, handeln beide Unternehmen einen Kompromiss aus. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Price-waterhouseCoopers (PwC) soll ergründen, „in welchem Umfang und auf welche Weise Direktvermarktungspartner der Deutschen Telekom Datensätze missbräuchlich erhalten und genutzt haben“. Würde PwC fündig, dürfte die Telekom dug fristlos kündigen.

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