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Deutsche Telekom Telekom-Skandale: Die Ermittlungsakten der Staatsanwälte

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Grafik: Verkauf DSL / Insolvenzen Callcenter

Der Kölner reagiert fix. Von Mai bis Juli 2007 stellt er seine 30 Mitarbeiter auf die Arbeit für die Telekom um und heuert zusätzliche Kräfte an. In der Spitze beschäftigt Olewe fast 100 Callcenter-Agenten an drei Standorten in Köln, die nichts anderes machen, als Telekom-Kunden abzutelefonieren, um ihnen den neuen DSL-Internet-Tarif schmackhaft zu machen.

Im Spätsommer 2007 läuft die Vertriebsmaschine der Telekom durch Tausende Unternehmen, wie sie Olewe betreibt, heiß. Kam der Magenta-Konzern zuvor auf rund 30 000 Vertragsabschlüsse pro Woche, explodierte die Zahl Mitte 2007 auf vermutlich 250 000, schätzt ein Callcenter-Betreiber. Doch die Masse überfordert die neue Verkaufspyramide. „Das war ein Desaster“, erinnert sich Olewe, „alle Systeme der Telekom waren total überlastet.“ In einem Schreiben vom 31. Juli 2007, das der WirtschaftsWoche vorliegt, räumt die Telekom gegenüber Vertriebspartnern die Überlastung ganz offen ein: „Die Störfaktoren, von denen Sie zum Teil massiv in Ihrem Geschäftsalltag betroffen sind, sind uns bekannt. Alle an dem Projekt Beteiligten arbeiten mit Hochdruck an Lösungen“.

Die Probleme bleiben nicht ohne Folgen, vor allem treffen sie – wie oft in solchen Fällen – die Kleinsten. Mit der schleppenden Auftragsbearbeitung stocken nämlich auch Abrechnung und Bezahlung der Callcenter. Immer wieder verschickt die Telekom Durchhalteparolen, insbesondere die vielen kleineren und mittelgroßen Callcenter kommen zunehmend in Bedrängnis. „Schon im August 2007 saß ich nur noch mit zwölf Leuten da, weil alle anderen Callcenter-Mitarbeiter wegen ausstehender Zahlungen die Brocken hingeworfen hatten. Einen Monat später waren gar nur noch fünf Mitarbeiter übrig“, erinnert sich Olewe. Doch die Telekom vertröstet weiter, etwa im November 2007, als T-Mobile-Chef Humm per Rundbrief verspricht: „Im Rahmen einer besonderer Kulanzregelung erhalten Sie im Laufe der kommenden Woche eine gesonderte Abschlagszahlung“.

Telekom-Managern bleiben von Vorwürfen unbeeindruckt

Geholfen hat das den klammen Callcenterbetreibern wie Olewe wenig: Dem Kölner bleibt nur, den Mantel seiner Firma ICC Mitte 2008 zu verkaufen, SCP muss er Ende 2008 komplett schließen. Mit seinem Schicksal steht Olewe nicht allein. Die Wirtschaftsauskunftei Creditreform hat für 2008 – das Jahr nach der großen Telekom-Vertriebsoffensive – für die Callcenter eines der höchsten Insolvenzrisiken aller untersuchten Branchen sowie einen deutlichen Anstieg gegenüber 2007 festgestellt.

Ob es Balz gelingt, die kriminogenen Strukturen zu zerschlagen, wird sich erst in einigen Monaten zeigen. Über das 34-Punkte-Programm will der Vorstand auf einer der nächsten Sitzungen entscheiden. Nur zu gern würde Balz eine Rotation bei den Managern im Telekom-Vertrieb einführen, damit Seilschaften künftig gar nicht erst entstehen können. Doch ob der Vorstand diesen Vorschlag aufgreift, ist offen.

Den verantwortlichen Telekom-Managern konnte das Organisationschaos durch das neue Vertriebssystem sowie die daraus resultierenden Datenskandale bisher nichts anhaben. Konzernchef Obermann weist jede Mitschuld an den Lecks und Pannen von sich und propagiert einen „Datenschutz ohne Kompromisse“. Ex-T-Mobile-Deutschland-Chef Philipp Humm, der Vollstrecker der Vertriebsoffensive, wurde von Obermann in den neu geschaffenen Europa-Vorstand der Telekom versetzt. Und Direktvertriebsspezialist Hancke arbeitet seit dem 1. November für den Handyhersteller LG.

Ihm gab die Telekom zum Abschied in einer Pressemitteilung ein dickes Lob mit auf den Weg: „Die von ihm geführten Vertriebskanäle haben sich zu erfolgreichen Einheiten entwickelt und haben großen Anteil am Ausbau der Marktführerschaft.“

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