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Deutschland-Chef Alexander Dibelius "Über Goldman Sachs kursieren eine Menge Mythen"

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Wie bitte? Gerade Ihrem Haus wird doch in den USA vorgeworfen, über Ihr Beziehungsgeflecht in der Politik zu verhindern, dass es eine effiziente Regulierung gab oder geben wird.

Das tun wir überhaupt nicht. Man darf nur das Kind nicht mit dem Bade ausschütten und darauf vertrauen, das Regulation alleine für die Vermeidung krisenhafter Zuspitzungen sorgen kann.

Und wie sähe eine Regulierung des Bankensektors aus, bei der das Kind in der Wanne bleibt?

Erstens: Wir brauchen, vor allem in den USA, mehr Konsumentenschutz bei der Vergabe von Krediten. Zweitens müssen wir alle Geschäftsaktivitäten außerhalb der Bilanz enger kontrollieren. Drittens sollten wir bestimmte Risiken, die Banken etwa bei der Finanzierung oder beim Verpacken von Produkten eingehen dürfen, anhand fester Kennzahlen sinnvoll begrenzen und die Risiken auch in Abhängigkeit von Kennzahlen regelmäßig überprüfen. Und viertens wird man sich nochmals grundsätzliche Gedanken über die Rolle der Ratingagenturen machen müssen. Insgesamt bräuchten wir sicher mehr Transparenz und eine effektive Umsetzung von Regulierung.

Und dann ist die Zockerei passé?

Ich wundere mich schon, dass bei Banken immer alle gleich von Zockerei reden: Wenn ein Finanzinstitut 3,4 Milliarden Dollar Quartalsgewinn macht, heißt es kontextfrei: „Das müssen Zocker sein!“ Wenn ein großes Industrieunternehmen in einem guten Quartal so viel verdient, sagt das keiner. Ich glaube, die Rolle von Banken ist immer noch nicht so bekannt, weil die Produkte nicht so greifbar sind wie die von Industrieunternehmen. Für die Risiken, die eine Bank übernimmt, sollte sie doch, genauso wie jeder andere Unternehmer, eine Gegenleistung erhalten.

Die Banken, die ins Risiko gehen und Unternehmen Kredite gewähren, sind doch gerade nicht Geldhäuser wie Goldman Sachs, sondern die klassischen Kreditinstitute. Und die verdienen dann noch viel schlechter als Sie.

Das hängt damit zusammen, dass vielfach die Risiken des Kreditnehmers nicht richtig bepreist sind.

Ist das ein Plädoyer für höhere Zinsen?

Wir haben jedenfalls gerade in Deutschland genügend Beispiele dafür gesehen, dass Kredite zu billig waren, weil die Banken sich gegenseitig unterboten haben. Und dann fehlen ihnen am Schluss die Reserven, um eventuelle Kreditausfälle auszugleichen. Das ist allerdings nicht nur ein Problem niedriger Zinsen.

Sondern?

Ich sage schon seit Jahren, dass die deutsche Wirtschaft grundsätzlich immer noch viel zu stark kreditfinanziert ist. Deshalb sind wir in der Finanz- und Wirtschaftskrise auch stärker betroffen als andere. Die deutsche Industrie hat je nach Untersuchung eine Eigenkapitalquote zwischen 20 und 30 Prozent, in den USA ist dies eher der Fremdkapitalanteil. Darüber hinaus vertrauen die Unternehmer mehr auf Kredit denn auf Kapitalmarktfinanzierung.

Woher rührt das?

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Bisher haben sich viele Unternehmen gefragt: Warum soll ich eine Anleihe begeben? Das ist doch viel zu teuer. Jetzt sehen einige, dass sie damit erst mal acht Jahre sicheres Geld haben und sie mit den Risikoappetitschwankungen bei Banken, aber auch mit den Risiken der Kapitalmärkte nicht direkt konfrontiert sind. Ein Bankkredit ist in der Regel kurzfristiger.

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