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Deutschland-Chef Alexander Dibelius "Über Goldman Sachs kursieren eine Menge Mythen"

Alexander Dibelius, Deutschland-Chef von Goldman Sachs, über Milliardengewinne, wieder wachsende Boni für Banker, Zockervorwürfe und die Lehren der Finanzbranche aus der Krise.

Alexander Dibelius, Deutschland-Chef von Goldman Sachs Quelle: Thomas Rabsch / Goldman Sachs

WirtschaftsWoche: Herr Dibelius, Goldman Sachs hat im abgelaufenen Quartal schon wieder Milliarden verdient, stellt bereits 20 Milliarden Dollar für Boni zurück und ist nah an alten Rekordgewinnen. Hat die Krise bei Ihnen nicht stattgefunden?

Dibelius: Zunächst war das jetzt nur ein Quartal. Wir sollten bei der Beurteilung und bei Rückschlüssen daraus ganz vorsichtig sein. Im vergangenen Jahr um diese Zeit hätten wir wahrscheinlich auch gesagt „alles ist prima“, und am 15. September...

...der Tag, an dem Ihr US-Konkurrent Lehman Brothers pleiteging...

...nur einige Wochen später waren wir nahe an der Kernschmelze des Finanzsystems.

Wie sieht es denn im Innern von Goldman Sachs nach der Beinahe-Kernschmelze aus? Immerhin sind Sie nach amerikanischem Recht formell keine Investmentbank mehr, sondern eine Geschäftsbank wie jede andere.

Wir haben zwar unsere Rechtsform verändert, aber im Herzen werden wir immer eine Investmentbank bleiben. Im Wesentlichen konzentrieren wir uns weiterhin auf folgende Schwerpunkte: In erster Linie sind wir Berater. Zweitens arrangieren wir Finanzierungen. Drittens sind wir in manchen Fällen Co-Investor. Viertens betreuen wir das Vermögen unserer Kunden. Und fünftens sind wir auch Market-Maker, indem wir an den Kapitalmärkten Angebot und Nachfrage zusammenbringen und damit Märkte mit entsprechenden Transaktionen und Preisen machen. Daran hat sich nichts geändert.

Unser Eindruck ist, dass Sie wie ein Hedgefonds agieren, indem Sie hochspekulative Geschäfte auf eigenes Risiko betreiben. Das meiste Geld haben Sie im abgelaufenen Quartal im sogenannten Eigenhandel verdient, also im Kauf und Verkauf von Wertpapieren auf eigene Rechnung. Kehren damit nicht die Exzesse zurück, die die Krise mitverursacht haben?

Die Frage ist berechtigt. Wenn Sie sich die Zahlen nur oberflächlich anschauen, dann könnten Sie zu diesem falschen Schluss kommen. Das blendet aber aus, dass es Interdependenzen zwischen den einzelnen Bereichen gibt. Deshalb täuscht Ihr Eindruck.

Das müssen Sie uns erklären.

Unser Geschäft ist zyklisch. Einmal trägt der eine, einmal der andere Geschäftsbereich mehr zum Gesamtergebnis bei. Langfristig tragen alle Bereiche zum Unternehmenserfolg bei: Dass das Beratungsgeschäft für uns zentral ist, können Sie nicht zuletzt daran ablesen, dass wir weltweit führend bei M&A-Transaktionen und bei Anleihe- und Aktienemissionen sind. Der oberflächliche Blick in die Bilanz reicht nicht, um zu beurteilen, welche Bedeutung insgesamt ein Geschäftsbereich für unser Unternehmen hat.

Trotzdem: Ihr Value at Risk, also die Summe, die Sie an einem Handelstag nach bestimmten Rechenmodellen verlieren können, ist wieder signifikant gestiegen. Das kann man durchaus als Hinweis werten, dass Sie zocken.

Erst einmal sagt diese Ziffer allein überhaupt nicht viel aus. Es gab Banken, die ein viel niedrigeres Value at Risk hatten als wir und heute nicht mehr existieren. Außerdem und mehr grundsätzlich: Ohne Risikokomponente kann es keine Marktwirtschaft, auch keine soziale Marktwirtschaft, geben. Denn sozial kann eine Gesellschaft nur auf Basis eines erwirtschafteten Mehrwerts als Belohnung für das übernommene Risiko sein. Wenn man alle Risiken gleichmäßig verteilt, landet man automatisch in der Planwirtschaft.

Und was ist mit Verantwortung, wenn ich zum Beispiel so hohe Risiken eingehe, dass bei einem Scheitern zwangsläufig die anderen, etwa die Steuerzahler, den Schaden tragen müssen?

Natürlich hat jeder Marktteilnehmer eine große Verantwortung für den Erhalt und die Verbesserung des Systems. Aus dieser Verantwortung können und wollen wir uns nicht stehlen. Es gibt aber eben auch andere Ursachen als nur das Versagen von Banken.

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