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Deutschland Karrieren nach dem Mauerfall

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Aram Radomski: Dokumentierte den Verfall einer Weltanschauung Quelle: Andreas Chudowski für WirtschaftsWoche

Der Fotograf: Aram Radomski wurde berühmt, als er heimlich die Leipziger Montagsdemonstration am 9. Oktober 1989 filmte. Heute ist er Unternehmer, Fotograf – und Geschichtenerzähler.

Zu einem guten Film gehören gute Nebenrollen. Würde man das Leben von Aram Radomski verfilmen, so wären die Nebenrollen: eine Mongolin, ein Undercover-Journalist und ein Ferrari-Fahrer.

Radomski wächst in einem Dorf in Neubrandenburg auf, nach der Schule macht er eine Ausbildung zum Landwirt. Mit Anfang 20 lernt er eine mongolische Studentin kennen. Ihren einflussreichen Eltern gefällt die Verbindung weniger, und so bekommt Radomski plötzlich die Willkür des Systems zu spüren: Er wird verhaftet. Genau lassen sich die Umstände nicht mehr rekonstruieren, Tatsache ist: Wegen staatsfeindlicher Hetze kommt er für sechs Monate ins Gefängnis.

Radomski will nun die DDR bekämpfen

Als Radomski im August 1983 entlassen wird, ist er nicht mehr derselbe. Vorher war er jung und frech, nachher ist er jung und wütend. Radomski will nun die DDR bekämpfen. Er macht eine Ausbildung zum Fotografen und zieht nach Berlin. Die schöne Mongolin wird er nie wiedersehen. In Berlin taucht er ab in die Künstlerszene und fotografiert. Schnell macht er sich einen Namen als exzellenter Techniker, der zuverlässig Bilder reproduzieren kann. Und eines Tages im Jahr 1987 klingelt es an seiner Tür.

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    Radomski im Jahr 1985 Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Aram Radomski

    Vor Radomski steht Siegbert Schefke, gelernter Bauingenieur, selbst erlernter Journalist. Er dreht heimlich Berichte über die marode DDR – und braucht jemanden, der bei den Dreharbeiten Schmiere steht: „Da Aram kompetent erschien und mir sympathisch war, habe ich ihn gefragt, ob er mitmachen will“, sagt Schefke heute. Gemeinsam werden sie zu Dokumentaren des Verfalls – nicht nur von Gebäuden und Landschaften, sondern einer ganzen Weltanschauung. Die Filme lassen sie über Kontakte in den Westen schaffen. Die Gefahren blenden sie aus. Später fragt Radomski mal einen Staatsanwalt, welche Strafe die beiden erwartet hätte: etwa 16 Jahre Gefängnis.

    Am 9. Oktober 1989 versammeln sich in Leipzig etwa 70 000 Menschen zur Montagsdemonstration. Schefke und Radomski schlagen sich bis zur Reformierten Kirche durch, verstecken sich auf dem Kirchturm und filmen die Demo. Als sie wieder herunterklettern, wissen sie: Das Material wird die Welt verändern. Am nächsten Tag läuft der Film in den „Tagesthemen“. Vier Wochen später ist die DDR Geschichte.

    In den folgenden Jahren arbeitet Radomski wieder als Fotograf. Eines Tages sieht er im Fernsehen, wie ein Ferrari-Fahrer von seinem Unternehmen erzählt. Also gründet er 2002 selber eins: Berlintapete. Das Geschäft läuft so: Die Kunden geben ihm ein Muster ihrer Wahl – etwa Fotos von Wäldern, Wiesen oder Gletschern – und er lässt davon Tapeten in einer Manufaktur drucken. Die meisten seiner Kunden sind Theater, Hotels oder Modeunternehmen.

    Neben seinem Geschäftsführerposten und der Leidenschaft für Fotografie und Reisen bleibt ihm trotzdem noch genug Zeit, seinem Nebenjob als Geschichtenerzähler nachzugehen. Zum Jubiläum des Mauerfalls waren wieder zahlreiche Fernsehsender bei ihm zu Besuch, etwa aus Frankreich, Schweden und Großbritannien. Immer wieder erzählt Radomski launig dieselbe, seine Geschichte – inklusive aller Nebenrollen.

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