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Deutschland-Serie Ein Rosenzüchter setzt die Trends für New York

Der Rosenzüchter W. Kordes' Söhne aus Norddeutschland gibt vor, was die Blumenläden von New York bis Moskau anbieten.

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Tim-Hermann Kordes. Eigene Kontrolleure werden gegen Produktpiraten im Blumenbeet eingesetzt. Quelle: Arne Weychardt für WirtschaftsWoche

Kein Schild kündigt ihn an, kein Plakat wirbt für ihn, nicht einmal der Navigator im Auto findet ihn: den Rosengarten in Klein Offenseth-Sparrieshoop, 37 Kilometer nördlich von Hamburg. Dennoch kommen fast täglich Reisebusse, strömen Besucher durch den Garten, schlendern durch die benachbarten Treibhäuser, schauen, schnuppern – und fahren wieder weg. Nichts außer den Blumen lädt zum Verweilen ein. Es gibt kein Café, keinen Souvenirshop, keinen Kiosk. „Dafür fehlt mir die Zeit“, sagt Tim-Hermann Kordes, „ich bin Rosenzüchter.“

Und was für einer. Kordes ist einer der bedeutendsten Rosenzüchter der Welt. Er entscheidet maßgeblich mit, welche Rosensorten die Floristen von Hamburg bis München, von New York bis Moskau als Schnittblumen anbieten.

Schon mit zehn Jahren war für den Norddeutschen klar: „Ich werde Gärtner“ – so wie seine Vorfahren. 1988 übernahm er das Familienunternehmen W. Kordes’ Söhne und führt es seither in der vierten Generation. Zum 100-jährigen Jubiläum 1987 eröffnete der Betrieb auf seinem Gelände den „Rosengarten“ und damit die einzige Touristenattraktion der 2764-Einwohner-Gemeinde Klein Offenseth-Sparrieshoop. 150 Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen an seinem Stammsitz, 610 insgesamt, davon 450 in seiner Tochterfirma in Kenia und zehn in den Niederlanden.

„Unter den großen Züchtern sind wir die einzigen, die in allen drei Bereichen ein Vollsortiment anbieten: für Gartenrosen, Topfrosen und Schnittrosen“, sagt Tim-Hermann Kordes. „Bei Topfrosen führen wir weltweit, bei Schnittrosen sind wir vorn dabei.“ Sein ärgster Konkurrent ist nicht weit weg: Rosen-Tantau sitzt in Uetersen, knapp zwölf Kilometer entfernt. Gemeinsam dominieren beide Familienbetriebe den weltweiten Rosenmarkt. Allerdings sei W. Kordes größer, heißt es in der Branche. Mit Zahlen geizen beide Firmen.

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    Im nächsten Jahr will Tim-Hermann Kordes seine Konkurrenten mit „Lady Killer“ erschrecken – einer neu gezüchteten, besonders langstieligen dunkelroten Rose, die er als künftigen Star unter den Schnittblumen anpreist. „Rot geht immer“, sagt Kordes. Und Rosen sowieso. Sie sind der Deutschen liebste Schnittblumen. Rund 3,15 Milliarden Euro setzte der Einzelhandel in Deutschland 2007 mit Schnittblumen um, das entspricht einer jährlichen Ausgabe von rund 38 Euro je Bürger. 37 Prozent des Umsatzes entfallen auf Rosen, mit großem Abstand folgen Tulpen mit zehn Prozent und Chrysanthemen sowie Gerbera mit je sieben Prozent.

    Jahrelang hat Kordes an Lady Killer herumgedoktert, bis sie verkaufsreif war. Nichts Ungewöhnliches in dem Geschäft. Fünf bis sieben Jahre vergehen in der Regel zwischen Aussaat und Markteinführung einer neuen Schnittrosensorte. Zunächst setzt Kordes rund 100.000 Sämlinge ein. Aus ihnen wählt er nach einem Jahr die besten 5000 Pflanzen aus. „Die anderen 95.000 kommen in den Rosenhimmel“, sagt Kordes. Im dritten Jahr selektiert er aus den 5000 rund 400 Pflanzen, im vierten Jahr prüft er, wie viele Blüten eine Pflanze hervorbringt, wie groß die Blütenköpfe sind, wie stabil die Stängel und wie strahlend die Farben. Im fünften und sechsten Jahr folgt die Klimaprüfung. Der Züchter pflanzt die neuen Sorten in unterschiedlichen Klimaregionen an: vor allem in Südamerika und in Afrika. In Kenia besitzt er ein Tochterunternehmen. In Südamerika kooperiert er mit anderen Firmen.

    Aus den anfangs 100.000 Sämlingen haben sich nach fünf bis sieben Jahren nur rund zehn Sorten so gut entwickelt, dass Kordes sie für marktreif hält. „Die Kunst ist, in jeder Entwicklungsstufe die richtigen Pflanzen auszusuchen“, sagt er. „Das macht einen erfolgreichen Züchter aus.“ Doch ob die auserwählten zehn Sorten oder zumindest einige von ihnen den Geschmack der Kunden treffen, weiß er dann immer noch nicht. Mitunter floppt eine Sorte und einen Teil der Investitionen muss er abschreiben.

    „Derzeit geht der Trend zu großköpfigen Rosen“, sagt Kordes. Vor allem die Russen, aber auch die Amerikaner liebten es protzig. „Und der russische Markt wächst.“ Erst Anfang September war der Norddeutsche in Moskau, um die Lage dort zu sondieren. Auch in Deutschland greifen die Kunden wieder öfter zu großköpfigen Pflanzen. Sogar die Discounterkette Aldi stellt sich darauf ein, obwohl Rosen mit größeren Köpfen teurer sind.

    Nicht nur Floristen, auch Handelsketten wie Aldi nehmen Kordes’ Rosen in ihr Sortiment auf. Allerdings beliefert er die Fachgeschäfte und Filialisten nicht direkt. Ist eine Sorte marktreif, bauen Farmer sie aus Kostengründen auf großen Plantagen in Afrika und Südamerika an, vermehren die Pflanzen und schicken sie an Großhändler und Auktionshäuser in Europa, Asien und Amerika. Für jede verkaufte Pflanze kassiert Kordes von den Farmern eine Lizenzgebühr von 80 Cent bis zu einem Euro. Insgesamt erzielt W. Kordes’ Söhne einen Jahresumsatz im niedrigen zweistelligen Millionenbereich.

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      Damit ihm keine Lizenzgebühr entgeht, beantragt Kordes für jede Sorte und jeden Rosennamen Markenschutz. „Doch nicht jeder achtet darauf“, klagt der Züchter. Immer wieder versuchen Farmer, heimlich Kordes-Sorten anzupflanzen, zu vermehren und zu verkaufen, ohne an ihn zu zahlen. Auch andere Blumenzüchter leiden unter den Produktpiraten. Erst im Februar, rechtzeitig zum Valentinstag, haben Zollbeamte am Frankfurter Flughafen 10.400 Rosen beschlagnahmt, die aus Äthiopien, Ecuador und Indien kamen. Die Farmer dort hatten keine Lizenzen bei den europäischen Züchtern beantragt, die diese Sorten kreiert hatten. Darum war der Verkauf verboten. „Wir arbeiten eng mit dem Zoll zusammen“, sagt Kordes. Zudem schickt er eigene Kontrolleure los. „Meist bekommen wir Hinweise aus der Branche.“

      Eines jedoch beweist die Produktpiraterie – Rosen sind begehrt. Kordes setzt darum auf Expansion. In Klein Offenseth-Sparrrieshoop stellt er jetzt zusätzliche Gewächshäuser auf. „Es gibt“, sagt Bürgermeisterin Petra Gebhardt, „auch die Anregung, Trauungen im Rosengarten zu vollziehen. Dann bräuchten wir dort aber ein Café.“ Und Hinweisschilder und Werbung. Vielleicht findet Kordes doch mal Zeit dafür. Rosen und Hochzeit – das passt doch.

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      Lesen Sie die gesamte Deutschland-Serie unter www.wiwo.de/deutschland-serie

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