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DFL-Chef Christian Seifert "Wir sind keine Spaßtruppe"

Christian Seifert, Chef der Deutschen Fußball-Liga, über die neue Lobby-Offensive bei Politikern und einen Schutzschirm für Kicker-Millionäre in kurzen Hosen.

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Christian Seifert bei einer Pressekonfernez des Liga-Verbandes im April.

WirtschaftsWoche: Herr Seifert, während Opel und Arcandor um ihr Überleben zittern, überweist Bayern München 30 Millionen Euro für Mario Gomez nach Stuttgart, lockt der FC Chelsea Franck Ribéry mit angeblich 50 Millionen – lebt der Fußball in einer Seifenblase?

Seifert: Nein, natürlich kann sich der Fußball und damit die Bundesliga einer Weltwirtschaftskrise nicht entziehen. Andererseits sind Krisenzeiten Marktführerzeiten. Unternehmen, die heute Geld für Sponsoring ausgeben, setzen stärker auf Sportarten und Themen, die bei den Zuschauern wirklich ankommen. Und da ist die Bundesliga mit großem Abstand Spitzenreiter. Wenn Bundesligisten in Spieler investieren, dann zeigt das vor allem, dass unsere Vereine den wirtschaftlichen Erfolg der vergangenen Jahre dazu genutzt haben, Verbindlichkeiten abzubauen, die Eigenkapitalausstattung zu stärken und in die Infrastruktur zu investieren. Sie stehen gut da. Das wird zu einem Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Ligen führen, auch in der Werbevermarktung.

Und warum haben dann einige Bundesligisten keinen Trikotsponsor für die nächste Saison?

Ich gehe davon aus, dass auch in der kommenden Saison kein Club mit blanker Brust auflaufen wird. Neben den bereits etablierten TV-Formaten zeigen ARD und die Dritten Programme in der nächsten Saison sonntagabends Bundesliga – das heißt, es werden deutlich mehr Zuschauer Fußball sehen als in der abgelaufenen Saison. Das wissen Sponsoren zu schätzen. Viel kritischer als die Wirtschaftskrise sehe ich den TV-Markt und das politische Umfeld, das der Fußball in Deutschland hat.

Fußball ist doch der Deutschen liebstes Kind – was meinen Sie damit?

Nehmen Sie allein die Fernseheinnahmen. Die machen gut 30 Prozent unserer Gesamteinnahmen aus. Das ist ein ganz wichtiger Block, der durch nichts zu ersetzen ist. Hier konnten wir die Einnahmen in den vergangenen Jahren zwar steigern. Trotzdem bleibt die Lage unbefriedigend.

Warum?

Wir stecken in einer Zwickmühle. Auf der einen Seite ist Deutschland der schwierigste Fernsehmarkt Europas, mit Dutzenden frei empfangbarer Sender und einem dominanten öffentlich-rechtlichen System. Das macht es Bezahlsendern wie Sky schwer. Und wenn dann auch noch die Free-TV-Sendezeiten quasi unter Naturschutz gestellt werden, wird es für die Liga sehr schwer, die Medieneinnahmen zu steigern oder auch nur zu halten.

Und in der Lage haben Sie Ihrem wichtigsten Geldgeber Sky auch noch einen Konkurrenten verpasst, indem Sie für 25 Millionen Euro die Internet-TV-Rechte an die Deutsche Telekom verkauft haben. Die will mit ihrem Fußball-Kanal „Liga Total“ dem früheren Premiere jetzt Kunden abjagen.

Die Telekom hat die IPTV-Rechte, wie übrigens schon im Jahr 2005, im Rahmen eines transparenten, diskriminierungsfreien Verfahrens erworben. Die Ausschreibung inklusive der Trennung zwischen den Empfangswegen war so gestaltet, wie es EU und Kartellamt von uns erwartet haben. Deshalb ist die Vorstellung, die DFL hätte selbst dafür gesorgt, Sky Konkurrenz zu machen, umfassend falsch. Es herrscht nun sicher mehr Wettbewerb, und das motiviert alle Beteiligten. Allerdings sehe ich nicht, dass Sky und die Telekom unbedingt dieselben Kunden ansprechen.

Für den Fall, dass das Bezahl-TV-Modell in Deutschland scheitert, schlug Bayern-Manager Uli Hoeneß in der WirtschaftsWoche schon eine Art Bundesliga-Soli von jedem Haushalt vor. Ist das im Sinn aller Vereine?

Indirekt gibt es das ja schon. Jeder Haushalt bezahlt über die Rundfunk- und Fernsehgebühren umgerechnet weniger als 30 Cent im Monat für die TV-Rechte der Liga. Geld, das aus Sicht der ARD sehr gut angelegt ist, denn die Sportschau hat im Schnitt einen Marktanteil von mehr als 25 Prozent erzielt – am letzten Spieltag waren es sogar 32 Prozent. Der Gebührenzahler weiß zu schätzen, dass er die Sportschau hat. Für das kommende Vergabeverfahren für die Übertragungsrechte wünschen wir uns allerdings, dass es anders läuft als das vergangene, in dem die ARD nach den Vorgaben des Kartellamts ja praktisch keinen Wettbewerb mehr hatte.

Sie klagen gerade gegen das Bundeskartellamt – kommt die Entscheidung noch vor der nächsten Rechtevergabe, die in drei Jahren ansteht?

Deshalb haben wir die Klage ja jetzt schon eingereicht – wir brauchen Klarheit über die TV-Einnahmen, denn bleibt es beim Status quo, wäre das Erlösmodell der Liga gefährdet. Und das hätte fatale Folgen für den gesamten deutschen Fußball, denn der Profifußball ist für den Amateursport systemrelevant. Deshalb haben wir den Rechtsweg eingeschlagen und suchen andererseits verstärkt den Dialog mit der Politik...

...sprich: Sie verstärken die Lobby-Arbeit. Uli Hoeneß will mitmachen, ebenso Adidas, der neue Marketingpartner der DFL. Sehen wir Sie bald zusammen mit Adidas-Chef Herbert Hainer vor dem Wirtschaftsausschuss des Bundestages?

Das wird sich zeigen – wir sind als DFL zu lange davon ausgegangen, dass Leistung für sich selbst spricht. Dabei muss jedem klar sein, dass Profisport in Deutschland ein Wirtschaftsfaktor ist mit Abstrahleffekten in zahlreiche Richtungen. Da darf es nicht sein, dass die Politik, und sei es nur aufgrund fehlender Informationen, eine Wachstumsbranche nicht nur bremst, sondern einen positiven Trend sogar umkehrt.

Was soll mehr Lobby-Arbeit bringen?

Nehmen Sie die Vermietung der Logen in den Stadien etwa an Unternehmen, die Geschäftspartner dorthin einladen wollen. Da gibt es so viele gesetzliche Hürden, dass einige Vereine Schwierigkeiten haben, die Plätze zu verkaufen. Ich wünsche mir, dass der eine oder andere Politiker, der ja auch gern mal eine Loge besucht, sich fragt, was passiert, wenn alle Business-sitze leer blieben.Die Finanzierung von Sportstätten würde ins Wanken kommen. Das muss anders geregelt werden. Es wäre sinnvoll, wenn wir zu einem pragmatischen Umgang kommen, der die Besonderheiten des Profisports berücksichtigt. Denn dieses Thema betrifft auch andere Sportarten, zum Beispiel Handball und Eishockey.

Was fordern Sie sonst von den Politikern?

Sie sollten beispielsweise die Handhabung der Quellensteuer bei internationalen Wettbewerben oder Spielertransfers überdenken. Absurde Folgen hat auch der geltende Glücksspielstaatsvertrag, der die staatlichen Anbieter schützt und private aus dem Markt drängt. Vereine, die Verträge etwa mit Wettveranstaltern wie bwin hatten, mussten die lösen – dabei laufen Spiele von Inter Mailand oder Real Madrid, die für bwin werben, hier auch im Fernsehen, und das stört niemanden. Alle Profiligen verlieren durch diese auch aus EU-Sicht fragwürdige Praxis Millionen. Das alles sind standortspezifische Themen, die es erheblich erschweren, das Erfolgsmodell Bundesliga aufrechtzuerhalten.

Trotzdem hat Bayern 30 Millionen Euro für Gomez übrig – warum malen Sie so schwarz?

Das ist zu kurzfristig argumentiert– denn wenn es uns nicht gelingt, jetzt die richtigen Weichen zu stellen, dann lassen es Höhe und Anzahl der Hürden vielleicht nicht mehr zu, diese mit dem bisherigen Erfolg zu meistern. Es steht viel auf dem Spiel.

Das klingt so, als forderten Sie einen weiteren staatlichen Schutzschirm, nach den Banken und den Unternehmen nun für die Millionäre in kurzen Hosen?

Nein, wir wollen schlicht begreiflich machen, dass das Erfolgsmodell Bundesliga kein Selbstläufer ist, sondern neben harter Arbeit auch von den gesetzlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen abhängt. Wenn die so bleiben, hat das negative Folgen. Die Bundesliga schafft 35.000 Arbeitsplätze und führt in der Summe 660 Millionen Euro Steuern und Abgaben ab – wir sind keine Spaßtruppe. Dank der Bundesliga ist der DFB der einzige Spitzensportverband, der ohne staatliche Unterstützung auskommt. Wenn das so bleiben soll, müssen auch die Voraussetzungen für weiteres Wachstum geschaffen werden.

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