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45 Millionen Euro für Novum Hospitality Kann diese unbekannte Hotelgruppe wirklich systemrelevant sein?

Zum Portfolio von Novum Hospitality gehören auch solche der Marke the niu wie dieses in Hamburg. Quelle: „NOVUM Hospitality“ Quelle: Presse

Novum Hospitality war eine Erfolgsgeschichte in der Hotelbranche – bis zur Coronakrise. Nun greift der Staat mit Krediten unter die Arme, um eine Insolvenz zu verhindern. Warum nur?

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Auf dem Instagram-Account von David Etmenan dreht sich alles um Erfolg. Die Fotos zeigen den Inhaber der Hamburger Hotel-Holding Novum Hospitality in Top-Herbergen am Persischen Golf, im Privatjet oder in Designer-Kleidung etwa in einem Café in Venedig. Und dazwischen ist immer Zeit für Weisheiten wie: „Es gibt keinen Aufzug zum Erfolg, man muss die Treppe nehmen.“

Doch die Timeline endet im Februar abrupt. Statt in Dubai oder London hatte Etmenan zuletzt weniger glamouröse Termine. In Gesprächen mit Bankern oder Beamten im Bundesfinanzministerium in Berlin ging es ums Eingemachte: um Staatshilfen. Der 36-Jährige – Typ aufwendig gestylter Vollbart – verzichtet daher seit Monaten auf Fotos mit Sushi oder arabischem Kaffee in Tassen mit vergoldeten Henkeln. Auch von #funtimes oder #besttrip war von ihm nicht mehr zu lesen.

Nun steht fest: Etmenan und seine 250 Millionen Euro Umsatz starke Novum Hospitality bekommen als erstes Unternehmen der Hotelbranche Coronahilfen aus dem staatlichen Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF). Dabei geht es um 45 Millionen Euro.

Dass ausgerechnet Novum das Geld bekommt, überrascht. Die Hamburger sind keineswegs die erste Herbergskette, die der durch Reisewarnungen und Beherbergungsverbote ausgelöste Einbruch des Hotelgeschäfts in wirtschaftliche Not getrieben hat. So musste etwa im Oktober die Betreibergesellschaft Tidal Operations Insolvenz anmelden. Auch einzelne Häuser wie das Fünf-Sterne-Haus Sofitel am Berliner Kurfürstendamm in Berlin ereilte das Schicksal, ohne dass der Staat einsprang.

Zwar gibt es keine offizielle Begründung, warum der WSF nun ausgerechnet den Hamburgern und ihrem auffälligen Eigentümer hilft. Doch klar ist: Die außerhalb der Branche kaum bekannte Holding ist nicht nur eines der größten Beherbergungsunternehmen in Deutschland. Sie hat gut 150 Häuser, allein in Deutschland 2000 direkt Beschäftigte und sorgt für weitere bis zu 2000 Jobs bei Dienstleistern. „Eine Insolvenz würde weit über die Branche hinaus für Verwerfungen sorgen und könnte den Markt für Hotelimmobilien einem Kollaps näher bringen“, glaubt Michael Lidl, Geschäftsführer der auf die Übernachtungsbranche spezialisierten Investitionsberatung Treugast aus München.

Lidl befürchtet, dass ohne eine Rettung von Novum eine gefährliche Abwärtsspirale droht. Sein Szenario: Wenn auf einen Schlag mindestens 100 Hotelimmobilien auf den Markt kämen, würde dies zu einem beispiellosen Preisverfall führen. Entweder könnten die Eigentümer die Hotelgebäude nur mit einem massiven Abschlag bei der Pacht neu vermieten. Oder – im Falle, dass sie ihre Kredite nicht mehr bedienen könnten – ihre Banken würden die Häuser gleich selbst übernehmen und Zwangsversteigerungen starten. Das würde eine gefährliche Entwicklung auslösen. Weil dann viele Betreibergesellschaften aus ihren bisherigen Gebäuden ausziehen, würden auch an anderen Standorten die Pachten sinken. Die Folge: Auch dort fielen die Immobilienwerte. Am Ende dieses Szenarios verlangen Banken und andere Finanzierer entweder zusätzliche Sicherheiten für ihre Kredite oder Risikozuschläge. „Da sprechen wir dann schnell von vielen Milliarden Wertverlust“, so Lidl.

Dazu könnten auch die Hotelbranche und der Wettbewerb leiden. Denn ein Scheitern von Novum könnte viele Banken zögern lassen, in Zukunft ähnliche Mittelständler zu finanzieren, so Lidl. „Vor diesem Hintergrund ist der WSF-Kredit mit 45 Millionen Euro relativ günstig, zumal der Staat relativ hohe Zinsen bekommt“, sagt ein Manager einer Hotelkette.

Sieht der Staat sein Geld wieder?

Ob die öffentliche Hand eine gute Chance hat, ihr Geld zurückzubekommen, ist offen. Die Hoffnung ist, dass Novum an ihre erstaunliche Wachstumsgeschichte anschließt, wenn wie erwartet ab 2022 der Reisemarkt wieder anzieht. Zwar hat Etmenan mit seinem zur Schau gestellten Reichtum Teile der eher diskreten Hoteliers vor den Kopf gestoßen. „Viele erinnerte David mit seinem Protz und dem gnadenlosen Wachstum eher an die windigen Typen des grauen Kapitalmarkts als an solide Kaufleute“, sagt ein Branchenkenner. „Doch tatsächlich war Novum finanziell solide.“

Die Geschichte des Unternehmens begann, als Etmenans Vater Nader aus dem Iran auswanderte und sich in Hamburg mit dem Hotel Oldenburg am Steindamm den Traum von der Selbstständigkeit erfüllte. Nach ein paar Jahren moderatem Wachstum übergab er Novum 2004 an seine Söhne David und Mortesa, die bis heute beide als CEOs agieren. Besonders David war der Kurs des Vaters zu gemächlich. Als 2008 mit der Finanzkrise viele Häuser in Not gerieten, witterte er seine Chance.

Zuerst übernahm er Konkurrenten in mehr oder weniger guten Stadtlagen, die sonst keiner wollte. Weil sie entweder zu wenig Zimmer hatten oder die Eigentümer die nötigen Renovierungen scheuten, war die Pacht niedrig. Und als ab 2009 die niedrigen Zinsen einen Umbau günstig machten und die Konjunktur anzog, lohnte sich das Geschäft.

Dank des Erfolgs bekam Novum nun immer mehr Angebote und Etmenan konnte endlich sein Image als Restposten-Hotelier loswerden. So kontaktierten nun nicht nur Eigentümer von Premium-Häusern die Familie. Auch renommierte Ketten wie Accor oder Intercontinental fragten an, ob die Etmenans nicht für sie Häuser einfacherer Marken wie Holiday Inn führen wollten. Später startete Novum dann zwei neue Marken mit der Vier-Sterne-Kette Select und the Niu, die im Stil von Motel One auf Design zu günstigen Preisen setzte.

Etmenan ließ die Gewinne im Unternehmen, hielt familienfremde Anteilseigner raus und investierte stattdessen in immer neue Pachtverträge für Hotelimmobilien. Damit wuchs nicht nur das Portfolio um bis zu gut 20 Häuser pro Jahr. Der Umsatz stieg auf zuletzt rund 250 Millionen Euro. Das Unternehmen schaffte dabei immer einen – wenn auch kleinen – Gewinn. „Es gab bis zur Coronakrise wohl keine Gesellschaft, die so hart am Wind segelte“, sagt ein Manager eines Konkurrenten.

Die Glückssträhne endete mit der Covid-Pandemie. Nun erwiesen sich die langjährigen Stärken als Schwächen. Weil Novum keine wohlhabenden Gesellschafter besaß und alle Gewinne ins Wachstum gesteckt hatte, gab es keine ausreichenden Reserven, um den Absturz des Geschäfts zu überstehen.


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Dazu erwiesen sich die vielen Pachtverträge als gefährlicher Ballast: Sie verschlingen im Schnitt dreimal so viel Geld wie die Tilgung eines Immobilienkredits aus Niedrigzinszeiten. Auch rächte sich der Fokus auf Stadthotels in B-Lagen, die vor allem wegen des Einbruchs bei den Geschäftsreisen in diesem Jahr fast doppelt so hohe Einbuße hatten wie Ferienhotels.

Damit dürfte es Novum nicht leicht fallen, wieder Tritt zu fassen, fürchten Beobachter. Doch sie glauben auch, dass Etmenan genug neue Ideen haben könnte, um das Unternehmen zu retten. „Jenseits seiner Instagram-Eskapaden ist er doch ein Vollblut-Hotelier“, so der Manager eines Konkurrenten. „Allein, dass er als erster von uns den WSF überzeugt hat, wirkt wie ein gutes Zeichen.“

Mehr zum Thema: Dieter Müller von Motel One und Christoph Hoffmann von 25hours erzählten im Mai 2020 im Podcast mit Chefredakteur Beat Balzli und Christian Schlesiger, wie sie die Zeit der Geisterhotels erlebten – und wie sie den vorübergehenden Neuanfang feiern. 

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