WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Abnehmkonzern in der Krise Warum Weight Watchers in Deutschland an Gewicht verliert

Weight Watchers in der Krise: So soll es wieder bergauf gehen Quelle: imago images

Mit Punktetabellen, wöchentlichen Treffen und Wiegetagen ist Weight Watchers aus den USA auch hierzulande groß geworden. Doch das Image ist angestaubt. Nun sollen eine Digitaloffensive und lockerere Regeln die Wende bringen.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:

Vor der Kassentheke im Düsseldorfer Weight Watchers Center bildet sich eine kleine Schlange. Die Frauen erwartet das Schreckensgespenst aller Diätgeplagten: die Waage. Ihr Ergebnis entscheidet über die Stimmung der nächsten Minuten. Bei einer Gewichtszunahme versucht Abnehmcoach Sandra Meier* die Teilnehmerinnen zu beruhigen und spricht ihnen Mut zu.

Den können viele Beschäftigte des Diätunternehmens zurzeit selbst brauchen. Während Weight Watchers in den USA weiterhin eine große Nummer ist, läuft das Geschäft in Deutschland seit Jahren schlecht. Dabei wären die Voraussetzungen eigentlich günstig: Das Schlankheitsideal ist ungebrochen, die Deutschen aber sind so dick wie nie. Jeder zweite Erwachsene hat Übergewicht, hat die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) ermittelt. Überschüssige Pfunde wollen sie aber nicht mehr mit dem Programm des US-Konzerns loswerden, den Jeane Nidetch 1963 in den USA gegründet hat.

Im Zeitalter sportlicher Youtube-Stars, die ihren Followern kostenlos sechs-Wochen-Diät-Challenges anbieten, wirkt das Konzept von Weight Watchers reichlich altbacken.

Die größten Diätlügen
ZwischenmahlzeitenEs spielt keine Rolle, wenn man Gewicht verlieren will, wie selten oder wie oft man isst - es sei denn man isst gar nichts mehr. Viel mehr kommt es darauf an, wie hoch die Gesamtzahl der Kalorien ist. Diese Menge sollte geringer sein als die Energiemenge, die der Körper verbrennt. Denn erst, wenn der Körper an seine Fettreserven muss, nimmt man ab. Quelle: Fotolia
HeilfastenBeim Fasten ist feste Nahrung tabu. Es ist allerdings umstritten, ob der Verzicht auf Essen dem Körper gut tut oder nicht. Letztlich wird nur der Verdauungsapparat entlastet - der Jo-Jo-Effekt gehört entsprechend zum Heilfasten dazu. Quelle: Blumenbüro Holland/dpa/gms
Kein AbendessenBringt nichts - überhaupt nicht. Denn das Hungergefühl ist am Ende größer und sorgt zusätzlich für einen unruhigen Schlaf. Und wenn der Hunger einmal da ist, ist er am nächsten Morgen vielleicht noch größer, so dass das Frühstück größer ausfällt als sonst. Quelle: Fotolia
Weniger essen macht schlankLeider handelt es sich dabei um ein Ammenmärchen. Es ist wichtig, dass man dem Körper ausreichend Nahrung zuführt und nicht hungert. Ansonsten kommt es schnell zu Heißhungerattacken - bei denen deutlich mehr Kalorien aufgenommen werden als dem Körper gut tut. Deshalb: Lieber schauen, was man isst anstatt wie viel man isst. Quelle: dpa
Obst ist das perfekte DiätnahrungsmittelObst ist gesund, hilft allerdings meist nicht beim Abnehmen. Wird Obst als Zwischenmahlzeit eingenommen, können die enthaltenen Kohlenhydrate in Form von Fruchtzucker direkt am Bauch ansetzen - falls die Hauptmahlzeiten nicht entsprechend reduziert werden. Die Alternative: Gemüse. Es hat eine geringe Energiedichte und sättigt mit wenig Kalorien. Quelle: AP
Fettgehalt reduzierenIn vielen Diäten wird empfohlen, die Fettzufuhr zu verringern. Fettreduzierte Lebensmittel enthalten allerdings oft Zusatzstoffe wie Zucker oder Bindemittel, um Geschmack und Konsistenz zu verbessern. Zudem fehlt ohne Fett der Sättigungseffekt - deshalb wird dann mehr gegessen und die Kalorieneinsparung zunichte gemacht. Quelle: dpa
AnanasFangen wir damit an, was unbestritten dieser Frucht zugeschrieben werden kann: Sie ist ballast- und mineralstoffreich. Und sie soll gegen Entzündungen helfen und das Blut schneller fließen lassen. Allerdings, das Enzym Bromelein, das den Körper an der Fettverwertung hintern soll, wird beim Verdauen inaktiv und somit ist auch der Effekt, den es eigentlich auslösen soll, weg. Quelle: Fotolia

Statt Kalorien werden Punkte gezählt. Jedes Lebensmittel hat einen festen Wert, der sich aus den Anteilen an Proteinen, Kohlehydraten und Fett zusammensetzt. Eine Salami-Tiefkühlpizza hat zum Beispiel 28 Punkte, während ein Salat mit Putenbrust nur mit 2 Punkten zu Buche schlägt. Bedenkt man, dass eine Durchschnittsfrau mit einem Gewicht von 80 Kilo bei 1,65cm etwa 23 Punkte pro Tag essen darf, geht die Rechnung eher für den Salat auf.

Ein zentraler Punkt des Konzepts sind an den Geist der Anonymen Alkoholiker erinnernde wöchentliche Treffen. Bei denen tauschen sich die Teilnehmer über ihre Probleme und Erfolge aus. Aktuell verlangt der Konzern dafür 42,95 Euro im Monat. Seit Mitte 2015 gibt es auch eine App, die für 18,95 Euro genutzt werden kann. Das digitale Angebot kam reichlich spät, es geisterten bereits zehn Jahre lang Youtube-Stars durchs Netz, die sich in den Alltag der Verbraucher integriert hatten. Wer ihnen folgt, hält Weight Watchers für eine Marke, mit der vielleicht die Mütter versucht haben, ein paar Pfunde zu verlieren.

Mittlerweile gibt es zwar einen Weight-Watchers-Instagram-Account, auf dem Teilnehmer ihren Hüftumfang oder ihr Essen posten. Trotzdem hat das Diätkonzept, das auf festen Treffen basiert und Beitrag kostet, gegen kostenlose Ernährungstipps und Sportprogramme einen schweren Stand. Zumal die über das Smartphone auch noch jederzeit verfügbar sind.

Das schlägt sich in den Zahlen nieder: Laut Bundesanzeiger lag der Umsatz des Unternehmens in Deutschland 2005 bei mehr als 88 Millionen Euro. Bis 2009 hielt er sich relativ stabil, brach dann auf 77 Millionen ein und ist seitdem kontinuierlich gefallen. Im aktuellsten Geschäftsbericht von 2016 lag der Umsatz bei 55,7 Millionen Euro.

Beim Treffen in Düsseldorf wird deutlich, dass Nachwuchs fehlt. Das Durchschnittsalter der versammelten Frauen liegt vermutlich bei 45, Typ „zuverlässige, liebevolle Mutter“ mit praktischer Kurzhaarfrisur, die neben dem Beruf auch die Familie umsorgt. Sprich: Für alle kocht.

Viele berichten davon, dass sie bereits vor zehn oder fünfzehn Jahren das Programm mitgemacht hätten. Dann kam der Alltag und nun sitzen sie wieder hier.

Die alten Kochbücher und das Punkteprogramm können die Teilnehmerinnen aber nicht mehr verwenden, zumindest wenn sie mit den anderen mitreden wollen. Alle zwei Jahre wird das Konzept rundum erneuert. Weight Watchers erklärt das mit Anpassungen an den Stand der Forschung. Den Absatz von Diätplänen und Kochbüchern sollten ständig aktualisierte Auflagen ebenfalls antreiben.

Das Logo „WW“ findet sich auch auf Hanteln, Fitnessarmbändern, Yogamatten, elektronischen Waagen und sogar auf Snacks wie Eiweiß- und Schokoladenriegeln, auf Chips mit weniger Fett und auf Popcorn. Alles ist schön präsentiert, die Titel der Kochbücher strahlen in saftigen Farben. Das Unternehmen will eben auch mit Merchandise zum Thema Abnehmen und sogenanntem „Convenience Food“ verdienen. Das Essen kann nach kurzer Erwärmung oder direkt aus der Verpackung verzehrt werden.

Das geht schnell, überzeugt aber nicht jeden: „Diese Produkte sind zwar sehr bequem im Handling, aber es bleiben Fertiggerichte mit allen Nachteilen,“ sagt Angela Clausen, Referentin für Lebensmittel im Gesundheitsmarkt der Verbraucherzentrale. „Die Rezepte in den Büchern sind abwechslungsreich und lecker. Da ist sicherlich für jeden Geschmack etwas dabei. Jedoch stellt sich die Frage, ob die Leute das wirklich nutzen. Die meisten wollen bezahlen und schnelle Erfolge sehen.“ Viele Diätwillige würden deshalb eher weiterhin selten frisch kochen, sondern wie gewohnt zu Fertiggerichten greifen.

*Name geändert

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%