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Adecco-Deutschlandchef „Wir werden noch schwierige Quartale erleben“

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„Pandemie hat zu Wandel der Erwartungen von Fach- und Führungskräften geführt“

Wie verändert die Coronakrise die Adecco Group und die Zeitarbeitsbranche?
Wir versuchen, die Krise als Chance zu nutzen. Es geht künftig um mehr Qualität, weniger um Quantität. Zukunftsthemen sind die Weiterbildung unseres Personals und das unserer Kunden sowie eine bessere Vernetzung unserer Dienstleistungen und Marken. Als Gruppe haben wir uns zum Ziel gesetzt, bis 2030 fünf Millionen Menschen weiterzubilden und umzuschulen. Dafür investieren wir in Deutschland jährlich 1,8 Millionen Euro in die Weiterbildung. Damit reagieren wir auf den Fachkräftemangel in Engpassberufen. Zum Beispiel im Automobilbau wird der entscheidende Wertschöpfungsanteil im Fahrzeug in Zukunft von der Software abhängen. Über 50 Prozent der benötigten Ingenieure im Automobilsektor werden Software-Ingenieure sein. Hier setzen wir mit unserem Konzernunternehmen Modis an, etwa mit Werkverträgen bei Ingenieurdienstleistungen und in der IT. Mit klassischen Helfertätigkeiten hat das nichts mehr zu tun. Und seit Corona sind die Kunden zudem bereit, ganz neue Dinge zu machen.

Zum Beispiel?
Nehmen Sie Aldi und McDonald´s, die untereinander Personal austauschen, ohne dass die Mitarbeiter den Arbeitgeber wechseln.

Personal aus schlecht ausgelasteten McDonald´s-Filialen hilft temporär beim Discounter aus und kehrt bei Bedarf wieder zurück ins Fastfood-Restaurant.
Genau, denn die Firmen wollen ihr Personal nicht wegen zeitweiser Schwankungen verlieren. Bei solchen Modellen mit Zweit-Anstellungen kann die Zeitarbeit vermitteln und Lösungen anbieten. Vorstellen könnte ich mir zum Beispiel, dass Mitarbeiter von Luftfahrt-Unternehmen, die Corona hart trifft, vorübergehend in Medizintechnik-Unternehmen gehen. Sicher gibt es noch arbeitsrechtliche Fragen zu klären. Aber wir brauchen solche Ideen. Sonst kommt es, wenn die Kurzarbeit in manchen Unternehmen absehbar an ihre Grenzen stößt, nach der Kurzarbeit doch zu Kündigungen.

Es ist ziemlich leer hier in Ihren Büros, auf Dutzenden von Parkplätzen mit Adecco-Schild unten vor dem Gebäude stehen kaum Fahrzeuge. Brauchen Sie die Flächen überhaupt noch?
Die Frage beschäftigt uns intensiv. Wir werden immer digitaler. Zu Beginn der Pandemie hatten wir ein Pilotprojekt, bei dem die komplette Hauptverwaltung mit 300 Mitarbeitern in Düsseldorf und 150 in Duisburg von zu Hause aus arbeitete. Das hat technisch und von den Arbeitsabläufen her super funktioniert. Aber es gibt viele Aspekte zu beachten: Wieviel Präsenz brauchen wir, damit Auszubildende im Arbeitsalltag lernen können? Wie entwickelt sich die Produktivität? Viele Kolleginnen und Kollegen zieht es ins Büro zurück. Unterm Strich ist mir wichtig, dass sich zentrale Einheiten und Teams zwei- bis dreimal in der Woche real treffen.

Freiwillig oder nach Vorgabe?
Anfang September geben wir erstmals eine Richtlinie zum Mobilen Arbeiten heraus. 20 bis 40 Prozent mobiles Arbeiten und entsprechend 60 bis 80 Prozent Bürozeit werden die Regel sein. Was darüber hinaus geht, muss mit der Führungskraft abgestimmt werden. Wir binden hier auch die Ergebnisse unserer jüngsten Studie „Defining the New Era of Work“ ein. Sie untersucht die Auswirkungen der Pandemie auf das Berufsleben von Fach- und Führungskräften und zeigt: Die Coronavirus-Pandemie hat zu einem grundlegenden Wandel der Erwartungen von Fach- und Führungskräften an ihr Berufsleben geführt. 74 Prozent der befragten Arbeitnehmer – darunter 1000 Deutsche – finden eine Mischung aus Büro und Home-Office ideal. Mehr als zwei Drittel befürworten eine ergebnisorientierte Arbeit, bei der sich der Vertrag an Zielen orientiert und nicht an einer bestimmten Anzahl von Arbeitsstunden.

Sie sparen in Folge dessen an den Immobilien-Kosten?
Ja. Allein die eigene Akademie – in der wir zum Beispiel Weiter– und Fortbildungen anbieten – nutzt eine halbe Etage. Das muss in Zeiten von digitaler Weiterbildung nicht so bleiben. Andererseits ist es heute nach wie vor richtig, ein Adecco-Büro in einer Innenstadt zu unterhalten, weil Bewerber und Mitarbeiter eine reale Anlaufstelle und persönliche Ansprechpartner brauchen. Man muss sich jede Situation gesondert anschauen. Die Entwicklung wird hier sicher noch weitergehen und die Arbeitswelt wird sich durch die Corona-Lernerfahrungen weiter wandeln.

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