WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Adecco-Deutschlandchef „Wir werden noch schwierige Quartale erleben“

Adecco Quelle: REUTERS

Adecco konnte bisher ein Drittel seiner kurzarbeitenden Mitarbeiter wieder voll beschäftigen, berichtet Peter Blersch, der Deutschlandchef des Zeitarbeitsunternehmens – und skizziert neue Geschäftsmodelle in Corona-Zeiten für seine umstrittene Branche.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:

WirtschaftsWoche: Herr Blersch, die Bundesregierung hat am vergangenen Mittwoch ein Gesetz auf den Weg gebracht, das Werkverträge und Leiharbeit in der Fleischindustrie von Beginn kommenden Jahres an verbietet. Betrifft das Adecco?
Peter Blersch: Nein, wir haben kein Personal in Schlachthöfen – weder Zeitarbeitskräfte noch Werkvertrags-Mitarbeiter. Wir haben uns bereits vor einigen Jahren sehr bewusst entschieden, nicht Geschäftspartner der Schlachthof-Betriebe zu sein. Massenunterkünftige oder ähnliche Strukturen gibt es bei uns nicht. Das widerspricht unserem Anspruch im Umgang mit Mitarbeitern.

Die Zeitarbeitsbranche steht nach dem Corona-Ausbruch bei Tönnies mit am Pranger, obwohl sie mit dem Personal dort nichts zu tun hatte. Trotzdem stört Sie das Verbot nicht?
Die Politik muss grundsätzlich Maßnahmen ergreifen, damit Missstände verhindert werden. Die Kunst wird es sein, nur das zu regeln, was wirklich der Regelung bedarf und nicht über das Ziel hinaus zu gehen. Ob ein Verbot, wie es nun kommen soll, der richtige Weg ist oder ob es ausreichen würde, die Rahmenbedingungen klarer zu definieren und engmaschiger zu kontrollieren, muss nun diskutiert werden. Als Adecco Group unterstützen wir jedenfalls, dass Arbeitnehmerrechte durchgesetzt und Betriebe streng kontrolliert werden.

Zeit- oder Leiharbeit wird in der Öffentlichkeit kaum seriöser wahrgenommen als Tönnies & Co. – daran haben zahlreiche Regulierungen und Restriktionen in den vergangenen Jahren nichts geändert.
Ich bin nun seit elf Jahren in der Branche und finde, unser Ruf ist besser geworden. Erst im April 2020 bestätigte die Bundesregierung, dass die Vermittlung in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung in der Arbeitnehmerüberlassung der nachhaltigen Integration in den Arbeitsmarkt dient. Es wird in Teilen von Politik und Gesellschaft immer populär sein, den Verleih von Arbeitskräften kritisch zu sehen. Die Realität ist aber ganz anders. Der weit überwiegende Teil der Mitarbeiter bei der Adecco Group und in anderen Zeitarbeitsunternehmen arbeitet gerne dort. Zum Beispiel, um andere Branchen und Arbeitgeber kennenzulernen. Ein erheblicher Teil der Zeitarbeitskräfte wird ja vom Kunden übernommen. Regulierungen wie die Einführung der Höchstüberlassungsdauer von 18 Monaten helfen aber keinem der Beteiligten. Studien zeigen: Viele Mitarbeiter beenden ihre Einsätze in den entleihenden Unternehmen nur ungern nach anderthalb Jahren – etwa weil sie sich dort wohl fühlen und auch höhere Lohnansprüche erarbeitet haben. Im nächsten Betrieb beim nächsten Einsatz müssten sie unter Umständen für weniger Geld anfangen. Sogar das Arbeitslosengeld, das auf Basis des letzten Verdienstes berechnet wird, ist da manchmal attraktiver.

Peter Blersch, Adecco Quelle: PR

Die Empörung über die Höchstüberlassung hat sich inzwischen aber gelegt.
Aktuell muss die Branche damit leben. Aber man muss sich fragen: Wem hat diese Regulierung genutzt? Die Höchstüberlassungsdauer schafft leider fast ausnahmslos Verlierer.

Sie können Mitarbeiter drei Monate in andere Einsätze entsenden und dann wieder zurück zu dem Betrieb, wo sie vorher 18 Monate lang waren.
Aber beim Lohn knüpft der Mitarbeiter dann auch nicht an den vorherigen höheren Verdienst an, sondern fängt wieder weiter unten an.

Seit Ausbruch der Coronakrise schicken die Kunden ihr geliehenes Personal im großen Stil an die Verleihunternehmen zurück. Angeblich sind rund 5000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Adecco in Kurzarbeit.
Die Zahl kann ich aufgrund des Börsenrechts weder bestätigen noch dementieren. Was ich sagen kann: Heute ist von unseren Mitarbeitern schon wieder ein Drittel weniger in Kurzarbeit als zu Beginn der Pandemie.

Das Schlimmste ist also überstanden?
Sicherlich werden wir noch ein paar schwierige Monate und Quartale erleben. Corona war ein brutaler Einschnitt. In den vergangenen Wochen spüren wir aber eine Stabilisierung. Aber auch das dritte und vierte Quartal wird nach meiner Einschätzung eine Art Bodenbildung zeigen. Dennoch: Ich bleibe positiv, weil der Bedarf nach flexiblen Mitarbeitern nach der Krise eher steigen wird.

Und langfristig?
Ich bin nicht sicher, ob die alten Höchststände der deutschen Wirtschaft schnell zurückkommen. 2021 dürften die wirtschaftlichen Zahlen besser sein als in diesem Jahr, aber unter den Werten von 2019.

Schaut man auf die Infektionsentwicklung, kehrt die Krise gerade wieder zurück.
Ich glaube trotzdem, dass wir wirtschaftlich langsam raus kommen aus dem Tief. Wir verstehen Corona heute besser als am Anfang.

Schützen Sie sich verstärkt vor Insolvenzausfällen? Die Pleitewelle dürfte noch kommen.
Wir sind sehr achtsam bei dem Thema. Jedes Jahr treten dennoch Fälle auf, die uns auch tangieren – dieses Risiko ist aber aus heutiger Sicht beherrschbar.

„Pandemie hat zu Wandel der Erwartungen von Fach- und Führungskräften geführt“

Wie verändert die Coronakrise die Adecco Group und die Zeitarbeitsbranche?
Wir versuchen, die Krise als Chance zu nutzen. Es geht künftig um mehr Qualität, weniger um Quantität. Zukunftsthemen sind die Weiterbildung unseres Personals und das unserer Kunden sowie eine bessere Vernetzung unserer Dienstleistungen und Marken. Als Gruppe haben wir uns zum Ziel gesetzt, bis 2030 fünf Millionen Menschen weiterzubilden und umzuschulen. Dafür investieren wir in Deutschland jährlich 1,8 Millionen Euro in die Weiterbildung. Damit reagieren wir auf den Fachkräftemangel in Engpassberufen. Zum Beispiel im Automobilbau wird der entscheidende Wertschöpfungsanteil im Fahrzeug in Zukunft von der Software abhängen. Über 50 Prozent der benötigten Ingenieure im Automobilsektor werden Software-Ingenieure sein. Hier setzen wir mit unserem Konzernunternehmen Modis an, etwa mit Werkverträgen bei Ingenieurdienstleistungen und in der IT. Mit klassischen Helfertätigkeiten hat das nichts mehr zu tun. Und seit Corona sind die Kunden zudem bereit, ganz neue Dinge zu machen.

Zum Beispiel?
Nehmen Sie Aldi und McDonald´s, die untereinander Personal austauschen, ohne dass die Mitarbeiter den Arbeitgeber wechseln.

Personal aus schlecht ausgelasteten McDonald´s-Filialen hilft temporär beim Discounter aus und kehrt bei Bedarf wieder zurück ins Fastfood-Restaurant.
Genau, denn die Firmen wollen ihr Personal nicht wegen zeitweiser Schwankungen verlieren. Bei solchen Modellen mit Zweit-Anstellungen kann die Zeitarbeit vermitteln und Lösungen anbieten. Vorstellen könnte ich mir zum Beispiel, dass Mitarbeiter von Luftfahrt-Unternehmen, die Corona hart trifft, vorübergehend in Medizintechnik-Unternehmen gehen. Sicher gibt es noch arbeitsrechtliche Fragen zu klären. Aber wir brauchen solche Ideen. Sonst kommt es, wenn die Kurzarbeit in manchen Unternehmen absehbar an ihre Grenzen stößt, nach der Kurzarbeit doch zu Kündigungen.

Es ist ziemlich leer hier in Ihren Büros, auf Dutzenden von Parkplätzen mit Adecco-Schild unten vor dem Gebäude stehen kaum Fahrzeuge. Brauchen Sie die Flächen überhaupt noch?
Die Frage beschäftigt uns intensiv. Wir werden immer digitaler. Zu Beginn der Pandemie hatten wir ein Pilotprojekt, bei dem die komplette Hauptverwaltung mit 300 Mitarbeitern in Düsseldorf und 150 in Duisburg von zu Hause aus arbeitete. Das hat technisch und von den Arbeitsabläufen her super funktioniert. Aber es gibt viele Aspekte zu beachten: Wieviel Präsenz brauchen wir, damit Auszubildende im Arbeitsalltag lernen können? Wie entwickelt sich die Produktivität? Viele Kolleginnen und Kollegen zieht es ins Büro zurück. Unterm Strich ist mir wichtig, dass sich zentrale Einheiten und Teams zwei- bis dreimal in der Woche real treffen.

Freiwillig oder nach Vorgabe?
Anfang September geben wir erstmals eine Richtlinie zum Mobilen Arbeiten heraus. 20 bis 40 Prozent mobiles Arbeiten und entsprechend 60 bis 80 Prozent Bürozeit werden die Regel sein. Was darüber hinaus geht, muss mit der Führungskraft abgestimmt werden. Wir binden hier auch die Ergebnisse unserer jüngsten Studie „Defining the New Era of Work“ ein. Sie untersucht die Auswirkungen der Pandemie auf das Berufsleben von Fach- und Führungskräften und zeigt: Die Coronavirus-Pandemie hat zu einem grundlegenden Wandel der Erwartungen von Fach- und Führungskräften an ihr Berufsleben geführt. 74 Prozent der befragten Arbeitnehmer – darunter 1000 Deutsche – finden eine Mischung aus Büro und Home-Office ideal. Mehr als zwei Drittel befürworten eine ergebnisorientierte Arbeit, bei der sich der Vertrag an Zielen orientiert und nicht an einer bestimmten Anzahl von Arbeitsstunden.

Sie sparen in Folge dessen an den Immobilien-Kosten?
Ja. Allein die eigene Akademie – in der wir zum Beispiel Weiter– und Fortbildungen anbieten – nutzt eine halbe Etage. Das muss in Zeiten von digitaler Weiterbildung nicht so bleiben. Andererseits ist es heute nach wie vor richtig, ein Adecco-Büro in einer Innenstadt zu unterhalten, weil Bewerber und Mitarbeiter eine reale Anlaufstelle und persönliche Ansprechpartner brauchen. Man muss sich jede Situation gesondert anschauen. Die Entwicklung wird hier sicher noch weitergehen und die Arbeitswelt wird sich durch die Corona-Lernerfahrungen weiter wandeln.

Mehr zum Thema
Unterbezahlte Arbeiter aus Südosteuropa stellen sicher, dass das Schnitzel billig bleibt. Um sie ist ein ganz eigener Wirtschaftskreislauf entstanden – nicht nur in der Fleischindustrie. Annäherung an eine Parallelwelt. Lesen Sie die Geschichte hier.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%