Air Berlin Der Fünf-Stufen-Rettungsplan des Stefan Pichler

Neue Arbeitsweise, neue Leute aber – vorläufig – noch die alte Strategie: Wie der neue Air-Berlin-Chef Stefan Pichler die angeschlagene Fluglinie wieder auf Kurs bringen will.

Die besten Billigflieger der Welt
Platz 10: ScootDie Billigtochter der renommierten Singapore Airlines gibt es erst seit 2011. Die Fluggesellschaft reagierte damit auf die Starke Konkurrenz im Tiefpreissegment. Offenbar höchst erfolgreich. Scoot schafft es unter die Top Ten im Skytrax-Ranking der besten Billigflieger der Welt. Scoot bedient von Singapur aus zahlreiche Ziele in Ostasien und Australien wie etwa Bangkok, Nanjing, Seoul, Sydney, Taipei und Tokyo. Quelle: Screenshot
Platz 9: Jetstar AsiaDer 2004 gegründete Billigflieger ist eine Tochter der gleichnamigen australischen Fluggesellschaft. Jetstar Asia ist zu 49 Prozent in Besitz der australischen Qantas Airways. Wie auch Scoot fliegt Jetstar Asia seine Ziele von Singapur aus an. Derzeit gibt es über 20 Destinationen in Ostasien und zehn weitere in Australien, sowie Städte in Neuseeland und auf Hawaii.
Platz 8: Virgin America Ebenfalls im Jahr 2004 gründete die US-amerikanische Virgin Group einen Billigableger. Allerdings gingen die ersten Jets nach diversen Finanzierungschwierigkeiten erst 2007 an den Start. Heute verbindet Virgin America ein gutes Dutzend amerikanische Großstädte an der Ost- und Westküste miteinander. Quelle: AP
Platz 7: WestjetDie Kanadier stiegen schon 1995 ins Geschäft mit den günstigen Fluglinien nach Vorbild der Southwest Airlines ein. Mit einer Flotte von über 100 Flugzeugen und knapp 8000 Mitarbeitern lässt Chef Gregg Saretsky von Calgary und Toronto aus vor allem innerkanadische Ziele anfliegen. Einige Destinationen führen auch in die USA wie Phoenix, Las Vegas oder Honolulu aber auch nach Mexiko und auf die Cayman Inseln. Quelle: REUTERS
Platz 6: EasyjetDer britische Billigflieger ist nach Ryanair die zweitgrößte europäischen Billigfluggesellschaft und unterhält 22 Basen in ganz Europa. Von dort aus fliegt die Airline mehrere hundert Routen in Europa, nach Nordafrika, aber auch in die Türkei, Jordanien und Israel. Die Flotte umfasst mehr als 230 Flugzeuge. Mehr als 8000 Menschen arbeiten für Europas umsatzstärksten Billigflieger. Quelle: dpa
Platz 5: Indigo (Indien)Low Cost in Indien, das klang für Vielflieger lange Zeit nach einer argen Geduldsprobe. Schließlich waren selbst die vermeintlichen Top-Linien des Landes Air India oder Kingfisher lange Zeit für ihre Zumutungen am Kunden gefürchtet. Doch Indigo erreicht mit seiner Masche „karg aber solide“ praktisch überall westlichen Low-Cost-Standard. Zudem überzeugt die Line mit - zumindest für indische Verhältnisse – hoher Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit. Bei Marktforschern gilt sie deshalb als eine der besten Billiglinie Asiens. Das honorieren die Kunden. Sie folgten dem versteckten Aufruf Indi-Go (Frei übersetzt: „Indien, beweg dich“) und machten das Unternehmen zur einzigen profitablen Linie des Riesenlandes. Mit knapp 80 Jets fliegt Indigo aktuell 36 Ziele an, darunter Bombay, Kalkutta, Chennai. Quelle: Screenshot
Platz 4: Jetstar (Australien)Als der australische Marktführer Qantas seine Billigtochter gründete, sollte Jetstar eigentlich nur die anderen Flugdiscounter des fünften Kontinents im Schach halten. Die Mutter wollte sich ungestört auf die profitable Langstrecke konzentrieren können. Doch als der Siegeszug der Fluglinien vom Golf Qantas in die roten Zahlen trieb, wurde der einst ungeliebte Ableger plötzlich zum Retter der Gruppe. Dank der Erfahrung mit den langen Strecken im riesigen Heimatland traute sich Jetstar schließlich auch auf Langstrecken in Richtung Asien - siehe Jetstar Asia auf Rang 9. Quelle: dpa
Platz 3: Norwegian Die Linie aus Oslo ist innerhalb von zwälf Jahren vom kleinen Regionalflieger zum drittgrößten Flugdiscounter in Europa aufgestiegen. Mit 1,8 Milliarden Euro Jahresumsatz und gut 2500 Mitarbeitern. Norwegian fliegt von acht Stützpunkten in Norwegen, Schweden, Finnland, Spanien, und Großbritannien aus nach ganz Europa - der Scherpunkt liegt aber auf den skandinavischen Ländern. Die Flotte besteht aus knapp 100 Passagierfliegern. Quelle: REUTERS
Platz 2: Air Asia XAir Asia- Gründer Tony Fernandes sorgt mit ähnlichen Clownereien wie Ryanair-Chef Michael O’Leary für Aufmerksamkeit. Bewusst verstieß er gegen Regeln und sorgte etwa mit den besonders kurzen Röcken seiner Flugbegleiterinnen für Aufsehen. Heute hat der Konzern Töchter in allen größeren Ländern Asiens. Der Langstreckenableger namens Air Asia X tut sich etwas schwerer als die regionalen Töchter - ist bei den Passagieren überaus beliebt. Quelle: REUTERS
Platz 1: Air Asia (Malaysia)Als 1995 Billigflieger in den USA ein große Macht waren und in Europa ihren Siegeszug antraten, galt in Asien das Dogma: kein Passagier wolle in der Region auf Annehmlichkeiten wie Gratis-Mahlzeiten und Premiumservice verzichten. Knapp 20 Jahre später glaubt das keiner mehr. Denn Air Asia aus Malaysia gehört zu den größten Linien der Region und fliegt mit über 180 Flugzeugen knapp 90 Ziele an, darunter Kuala Lumpur, Bangkok, Jakarta, Manila. Zu höchsten Zufriedenheit der Kundschaft, wie das Skytrax-Ranking belegt. Quelle: AP

Als Stefan Pichler im vergangenen Herbst zum neuen Air-Berlin-Chef gekürt wurde, überboten sich alte Bekannte mit Schwüren, wie sehr sich der 57-Jährige doch geändert habe. Als Leiter des Lufthansa-Ticketverkaufs und erst recht als Chef des Reiseveranstalters Thomas Cook galt Pichler als extrem ehrgeizig, angespannt und fordernd bis unleidlich. Doch, so schwören Vertraute, seit den Jahren bei Billigfliegern in Kuwait oder Australien und bei der nationalen Linie der Fidschi-Inseln ist der Manager geläutert.

Wer Pichler dieser Tage bei seinem Lieblingsgetränk Whiskey mit Wasser gegenüber sitzt, hat freilich eher den Eindruck, er ist in vielem noch der Alte. Er mag nicht aggressiv und unleidlich sein. Ehrgeizig und angespannt ist er gewiss. Das hat auch seinen Grund. Denn der Wechsel vom Vorstandsposten auf Fidschi– und, wie Pichler mal scherzte, drittwichtigsten Mann im Staat – nach Berlin bietet wenig Grund zur Entspannung. Das liegt nicht nur am kühlen Wetter.

Im Geschäftsjahr 2013 flog Air Berlin gut 300 Millionen Euro Verlust ein, rund ein Zehntel des Umsatzes. Und wenn die Zahlen der Ende März vorgestellten Bilanz für 2014 besser sind, dann vor allem weil Hauptaktionär Etihad mal wieder einen neuen Weg gefunden hat, am europäischen Beihilferecht vorbei Geld an die Spree zu schicken.

Fünf Punkte sollen Überleben von Air Berlin sichern

Doch der Druck spornt Pichler offenbar eher an, als dass er ihn abschreckt. Gerade mal einen Monat im Amt hat er bereits einen Fünf-Punkte-Plan, den er in Grundzügen vor der Reisemesse ITB vorstellte. Der neue Vorstandschef kündigte am Dienstag in Berlin ein Umbauprogramm für dieses und nächstes Jahr an. Pichler will in drei Phasen Management und Vertrieb umbauen, das Flugangebot stärker auf ertragreiche Strecken ausrichten und die Drehkreuze der zweitgrößten deutschen Fluggesellschaft, Düsseldorf und Berlin, ausbauen.

In Schlagworten lautet der Pichler-Plan: neue Betriebswirtschaft, alte Strategie und mehr Selbstbewusstsein. Im Detail sieht er so aus:

1. Klare Struktur und mehr Schnelligkeit

Für Stefan Pichler ist Air Berlin heute dysfunktional. Freundlich übersetzt heißt das: Nichts passt so recht zusammen. Zwar hat sein Vor-Vor-Vorgänger und Air-Berlin-Gründer Joachim Hunold mit Schwung viele Fluglinien oder zumindest das Geschäft gekauft. Billigflieger wie DBA und GEXX standen genauso auf der Einkaufsliste wie die touristischen LTU und Strecken der Tuifly sowie ein paar kleinere Linien. All die haben Pichlers Vorgänger trotz aller Bekundungen bestenfalls zusammengelegt, aber nie richtig integriert.

Weltweit rastlos: Der Lebenslauf des Stefan Pichler

Das soll sich ändern. Pichler will die klassischen Konzernstrukturen schleifen. Mehr Mittelstandsgeist soll Einzug halten und vor allem eine klarere Verantwortung der einzelnen Manager. Derzeit, so Pichlers Eindruck, werde viel ziellos und gegeneinander gearbeitet, weil nie ganz klar sei, wer nun was dürfe.

So wunderte ihn offenbar, dass die angeschlagene Linie als Umbauleiter einen eigenen Chief Restructuring Officer hatte, obwohl das bei einem Krisenunternehmen am Ende immer der Vorstandschef sein müsse.
Ziel von Pichlers Strukturänderung ist, dass die Linie schneller arbeitet, sobald eine Lösung gefunden ist. Richtig oder falsch, so Pichler einmal, sei eine Frage des Zeitpunkts. Eine Sache könne heute richtig, aber morgen bereits falsch sein, weil sich wichtige Rahmenbedingungen geändert hätten.

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