WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Air Berlin Treibstoff Hoffnung

Air Berlin hat für 2011 eine katastrophale Bilanz vorgelegt. Konzernchef Mehdorn weiß: Wird die nächste nicht deutlich besser, ist das Unternehmen in Gefahr. Doch die versprochene Wende wird schwer.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Hartmut Mehdorn Quelle: dpa

Auf den ersten Blick wirkte die Einladung von Hartmut Mehdorn zur Bilanzpressekonferenz seiner Air Berlin für das vergangene Jahr wie kräftiges Zeichen des Optimismus. Während die Lufthansa ihre Zahlen gestern in einem Nebenraum ihrer Konzernzentrale am Frankfurter Flughafen vorstellte, lud Mehdorn ins feinen Berliner Hotel Intercontinental am Zoologischen Garten. Dazu berichtete gestern die „Süddeutsche Zeitung“, Mehdorns Vorgänger Joachim Hunold seit im vorigen Jahr mit einer eine Abfindung von gut vier Millionen Euro verabschiedet worden.

Doch wer heute die Zahlen gesehen hat weiß, besser gepasst hätte ein zugiger Hangar irgendwo am Stadtrand. Denn für Deutschlands zweitgrößte Fluglinie war das vergangene Jahr schlicht katastrophal. Der Nettoverlust hat sich fast verdreifacht auf jetzt fast 272 Millionen Euro. Trotzdem war Mehdorn optimistisch. „Die Performance in allen Bereichen steigt sichtbar, die Talsohle ist damit durchschritten“, versprach der 69-Jährige.

Etihads Millionen sind aufgebraucht

Und damit hat er sicher recht. Denn eins ist klar: Schlimmer kann, oder besser darf, es nicht werden. Denn noch so ein Jahr oder gar ein schlimmeres, und Air Berlin wäre praktisch weg vom Fenster. Denn in 2011 hat die Linie das ohnehin schon knappe Eigenkapital halbiert und die Quote auf unangenehme elf Prozent gedrückt.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Dazu hat die Linie die Schulden auf 813 Millionen Euro fast verdoppelt. Damit ist die Finanzspritze der Fluglinie Etihad aus dem Öl-Emirat Abu Dhabi, die mit der Übernahme von knapp 30 Prozent der Aktien im Januar Ende bis zu knapp 300 Millionen Euro ins Unternehmen gepumpt hat, praktisch weg.

    Mehdorn stützt seine Zuversicht auf das vierte Quartal 2011. Denn dort waren seine Maschinen voller denn je und im Schnitt hat ihm jeder seiner gut 35 Millionen Passagier gut acht Euro mehr für sein Ticket gezahlt. Doch ob das reicht, bleibt abzuwarten.

    Schlechter Ausblick für 2012

    Die Analysten der Investmentbank Credit Suisse jedenfalls befürchten auch für 2012 schwere Verluste von bis zu 200 Millionen Euro. Denn fast alle Gründe, die zu dem Katastrophenjahr 2011 geführt haben, bleiben der Airline auch in 2012 erhalten.

    Das beginnt bei der Bilanz selbst. Für seine 813 Millionen Euro Schulden zahlt die Linie mit einem Zinssatz von gut zehn Prozent einen höheren Satz als Wackelländer wie Griechenland. Auch die hohen Ausgaben für die Flotte bleiben. Weil Air Berlin zur Geldbeschaffung immer mehr seiner Flugzeuge verkauft hat, steigen die Leasinggebühren. Und angesichts der angespannten Finanzlage verlangen die Verleiher der Maschinen laut Insidern weiterhin mehr als bei anderen Airlines.

    Luftverkehrsabgabe

    Die Abzock-Tricks der Airlines
    Gepäck für Kleinkinder: Kleinkinder unter zwei Jahren benötigen kein eigenes Ticket, da sie auf dem Schoß der Eltern mitfliegen. Bei einigen Fluggesellschaften haben Kleinkinder dennoch ein Freigepäck von zehn Kilogramm. Bei anderen Airlines müssen die Eltern ein zweites Gepäckstück aufgeben - z. B. für 70 Euro pro Strecke bei Air France. Quelle: dpa
    Gepäckaufgabe am Flughafen: Während ein im Voraus gebuchtes Gepäckstück in der Regel zwischen sechs und 35 Euro kostet, schlagen die Airlines bei erst am Flughafen eingechecktem Gepäck richtig zu. Das erste Gepäckstück am Flughafen kostet z. B. bei Air Berlin im Billigtarif "JustFly" 70 Euro pro Strecke und damit fast das Fünffache mehr als bei Onlinebuchung (15 Euro pro Strecke). Quelle: obs
    Handgepäckmaße: Im Zuge der Gepäckgebühren haben einige Fluggesellschaften wie z. B. KLM oder Air France ihre zulässigen Handgepäcksgrößen verkleinert. Kunden, die sich nicht vorher informieren, zahlen im schlechtesten Fall 60 Euro nach und müssen das Handgepäck aufgeben. Auch Air Berlin hat die Handgepäckregeln verschärft: Jedes Handgepäckstück muss beim Check-in-Schalter gewogen und mit einem JustFly-Handgepäcklabel versehen werden. Wer es vergisst, riskiert, nicht mitgenommen zu werden. Quelle: dpa
    Extragebühren bei Umsteigeverbindungen: Die Billigairline Vueling verlangt von ihren Kunden nicht nur pro Strecke Gepäckgebühren, sondern sogar pro Teilstrecke bei Umsteigeverbindungen. Für die Hin- und Rückflug Berlin-Barcelona zahlt ein Kunde 26 Euro (13 Euro pro Flug) für sein Gepäck. Bei gleicher Strecke mit Umstieg in Madrid zahlt er 56 Euro (14 Euro pro Teilstrecke). Quelle: dapd
    Wie Flugtickets teurer werdenNot macht erfinderisch. Das beweisen insbesondere die Fluglinien. Hohe Treibstoffkosten, der harte Konkurrenzkampf sowie immer weiter steigende Gebühren für Flughäfen und Flugsicherheit schmälern das Geschäft. Um den Profit zu steigern, langen viele Fluglinien versteckt hin. Sie erheben Zusatzgebühren oder bieten bisherige Gratis-Leistungen gegen Bares an. Im vergangenen Jahr nahmen allein die US-Fluggesellschaften dank Zusatzgebühren rund 2,4 Milliarden Euro ein. Das sind 26 Prozent mehr als noch 2009. Mit diesen Tricks zocken Airlines in Deutschland ihre Passagiere ab. Quelle: dpa/dpaweb
    SitzplatzreservierungLufthansa-Passagiere mit einem Billigticket für die Economy-Class können sich künftig gegen Bezahlung einen Sitzplatz im Voraus sichern. „Wir führen eine Sitzplatzreservierung gegen Entgelt für die Economy-Tarife ein, die heute nicht dazu berechtigt sind“, sagte der Vertriebsvorstand der Lufthansa Passage, Jens Bischof. Wie tief Kunden der niedrigsten Tarifgruppen, die sich vor der offiziellen Check-in-Zeit einen bestimmten Sitzplatz sichern wollen, dafür in die Tasche greifen müssen, steht noch nicht fest. Bischof kündigte Preise „im Marktumfeld“ an. Die bewegen sich dem Magazin zufolge auf Europa-Strecken um die zehn Euro, für Langstreckenflüge könnten es auch schon mal 40 Euro sein. Das Angebot soll noch in diesem Jahr eingeführt werden. Die Sitzplatzreservierung soll zunächst nur via Reisebüro und im zweiten Schritt auch online buchbar werden. Quelle: dpa
    Gebühren für Gepäckstücke Quelle: REUTERS

    Dazu kommt der Spritpreis, der in Euro gerechnet auf Rekordniveau notiert. Zwar erhebt die Linie einen ordentlichen Kerosinzuschlag. Aber der deckt in der Regel bestenfalls die Hälfte der Mehrkosten.

    Ein Problem bleiben auch die staatlichen Abgaben. Die Deutsche Luftverkehrsabgabe hat Air Berlin im vorigen Jahr 166 Millionen Euro gekostet. Das sind mit 4,70 Euro pro Passagier im Schnitt ein Drittel mehr als bei  der Lufthansa. Dazu drohen höhere Gebühren für Flughäfen und Flutlotsen. Am neuen Berliner Flughafen sind die Landegebühren höher als bei den alten Hauptstadtairports. Und die deutschen Fluglotsen haben sich im vorigen Jahr eine ordentliche Gehaltserhöhung erstreikt, die die Deutsche Flugsicherung laut Gesetz an die Fluglinien weiter geben darf.

    Dazu leidet Air Berlin mit seinem im Vergleich zu Lufthansa höheren Anteil an Urlaubern und Geschäftsreisenden in der Economy Class unter der politischen Unsicherheit in den Ländern rund ums Mittelmeer. In Air Berlins wichtigstem Auslandsmarkt Spanien sowie in Italien schwächelt die Wirtschaft, so dass von dort weniger Kunden zu erwarten sind.

    Top-Jobs des Tages

    Jetzt die besten Jobs finden und
    per E-Mail benachrichtigt werden.

    Standort erkennen

      Urlauber meiden Nordafrika

      In Tunesien und Ägypten ist die Lage zwar ruhiger, aber keineswegs so stabil wie vor dem arabischen Frühling. Und allein  die Möglichkeiten von Unruhen reicht häufig, um Urlauber von diesen Ländern fernzuhalten.

      Der Reisemarkt Arabien
      Ein ägyptischer Demonstrant hält die Nationalflagge in die Höhe Quelle: dapd
      Eine Frau steht vor dem Logo der TUI AG Quelle: dpa
      Touristen reiten auf Kamelen in Ägypten Quelle: gms
      Eine Filiale des Reiseveranstalters Thomas Cook in London Quelle: dapd
      Zwei Männer geben in Kairo ihre Stimme zur Parlamentswahl ab Quelle: dapd
      Eine Frau hält eine Tunesien-Broschüre in der Hand Quelle: dpa
      Ein Badeort in Sharm El-Sheikh Quelle: dpa

      Deutlich vager bleiben dagegen die Hoffnungen auf Besserungen, die Mehdorns Sparprogramm Shape & Size bringen soll. Gut ein Drittel der versprochenen 200 Millionen, die das Programm bis Ende dieses Jahres bringen soll, sollen höhere Preise von im Schnitt fünf Prozent liefern, weitere 20 Millionen der Beitritt zur Oneworld-Allianz, der am kommenden Dienstag erfolgt.

      Doch beides kostet erst Mal Geld, etwa das völlig veraltete Buchungssystem zu erneuern und die Investitionen in ein Produkt, dass den Ansprüchen der Allianzpartner wie British Airways und dem Topservice seines Großaktionärs Etihad entspricht. Und auch die versprochene Restrukturierung im Haus, bei dem auch Arbeitsplätze abgebaut werden sollen, kostet Geld.

      Dienstleister



      So bleibt am Ende vor allem Mehdorns Versprechen, dass der Umbau klappen wird, weil er klappen muss. Doch am Ende ist es eben nur ein Versprechen. Und die gab es in den vergangenen Jahren schon öfter und eingehalten wurden sie praktisch nie. Der einzige Unterschied ist, dass Mehdorn - im Gegensatz zu seinem Vorgänger Joachim Hunold - ein erfahrener Sanierer ist, der keine Angst hat, sich unbeliebt zu machen. Und das ist zumindest ein Anfang.

      © Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
      Zur Startseite
      -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%