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Airbnb Vom Zimmervermittler zum Städteführer

Airbnb ist eines der wertvollsten Start-ups der Welt. Aber weltweit wehren sich Kommunen sich gegen den Wandel von Wohnraum in Ferienunterkünfte. Das Geschäftsmodell soll nun um Touren und Flüge erweitert werden.

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Airbnb: Das ist das wertvollste Start-up der Welt. Quelle: Getty Images

Klack, klack, klack pulsiert der grüne Laser über die Stirn, bleicht die Konturen des dort tätowierten keltischen Kreuzes aus. Der junge Mann unter dem Laser atmet schwer, versucht, den Schmerz und den Geruch nach verbranntem Haar zu ignorieren. 15 Minuten dauert die Behandlung in der Zentrale von Homeboy Industries im Osten von Los Angeles. Im Nebenraum warten bereits zwei Männer und drei Frauen darauf, ebenfalls den populärsten Service der Stiftung wahrzunehmen – das kostenlose Entfernen von Gangtattoos.

„Sie sind wie eine Zielscheibe“, sagt John, dessen Gesicht noch vor anderthalb Jahren vollständig mit Symbolen überzogen war, die ihn als Gangmitglied auswiesen. Mit 17 wurde der Amerikaner mit indianischen Vorfahren lebenslang ohne Aussicht auf Entlassung verurteilt. 18 Jahre saß der Hüne ein, zuletzt im berüchtigten Pelican-Bay-Hochsicherheitsgefängnis im Nordwesten Kaliforniens. Als im Frühsommer 2015 seine Strafe aufgehoben wurde, legte er sich gleich am ersten Tag in Freiheit unter die Laser von Homeboy Industries, lernte in Kursen, seine Wut zu beherrschen und Streit zu schlichten. Nach mehr als 50 Behandlungen sind die Insignien seiner Vergangenheit restlos von seinem Antlitz getilgt. „Seitdem fühle ich mich erstmals richtig frei, nicht mehr stigmatisiert“, sagt der 35-Jährige, der für die Stiftung als Sicherheitskraft arbeitet.

Deren Gründer, der Jesuitenpfarrer Gregory Boyle, hält die Therapiestätte für Gangaussteiger seit fast 25 Jahren mit unternehmerischem Gespür am Laufen. Da macht es Sinn, dass der kreative Pfarrer als einer der Ersten bei Airbnbs neuestem und ehrgeizigstem Projekt mitmacht. Es heißt Trips.

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Seit Mitte November vermittelt das milliardenschwere Start-up aus San Francisco nicht nur Zimmer, Apartments, Villen und Schlösser. Sondern offeriert auch in zunächst zwölf Metropolen handverlesene Touren für Reisende, die abseits der Touristenpfade einmalige Eindrücke sammeln möchten – vom Gespräch mit Nelson Mandelas Exgefängniswärter in Kapstadt, von Übungsstunden mit einer Ballerina in San Francisco, dem Musizieren mit aufstrebenden Bands in London bis hin zu Boyles Lebenswerk der Wiedereingliederung von Exgangmitgliedern in Los Angeles.

40 weitere Städte sollen bis Mitte nächsten Jahres folgen, darunter auch Berlin. Airbnb genehmigt die Touren, versichert ihre Teilnehmer und kassiert 20 Prozent Vermittlungsgebühr.

Noch klingt es wie Beiwerk. Doch das täuscht. Mit den Insidertouren will der Konzern seine nächste große Wachstumsphase zünden: vom reinen Vermittler von derzeit drei Millionen Unterkünften in 191 Ländern zum auf Erlebnisse spezialisierten Reisebüro, das mit Millionen von Kunden hinter sich die ganze Kette einer Branche besetzen will, die jährlich 7,2 Billionen Dollar weltweit umsetzt; nach Restaurantreservierungen sollen künftig auch Flugbuchungen hinzukommen. Eine Kampfansage an die Marriotts und Hiltons dieser Welt, Tourismuskonzerne wie Thomas Cook oder die Onlinekonglomerate Expedia und booking.com.

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Frau mit Handy Quelle: dpa
Platz 10: Portland in USA Quelle: imago images
Platz 9: Moskau in Russland Quelle: dpa
Platz 8: Lissabon in Portugal Quelle: dpa
Platz 7: Seoul in Südkorea Quelle: dpa
Platz 6: Pistoia in Italien Quelle: imago images
Platz 5: Ohrid in Mazedonien Quelle: imago images

Der neue Plan ist aber nicht nur eine Offensive, sondern auch eine gut inszenierte Flucht nach vorn. Denn im achten Jahr seiner Existenz sehen viele Politiker Airbnb als eine sich rasant ausbreitende Landplage, die Mieten in die Höhe treibt, illegale Hotels fördert, Gesetze ignoriert und vor allem in populären Reisezielen viele Einwohner durch gezielte Wohnraumspekulation verdrängt. Ob in New York, Barcelona, Berlin und selbst in Airbnbs Heimatstadt San Francisco – immer mehr Städte wehren sich gegen die scheinbar unkontrollierbare Umwandlung von Wohnungen in Ferienunterkünfte, drohen empfindliche Strafen an und bedrohen damit das bisherige Geschäftsmodell der Plattform.

Deren Reaktion auf den wachsenden politischen Druck ist aber doppelt heikel. Zum einen, weil Airbnb damit in einen ohnehin schon umkämpften Markt dringt, zum anderen, weil es auch eine lange gehegte Illusion beendet: die von einer neuen Form des Wirtschaftens, der sogenannten Sharing Economy, in der Teilen das neue Haben sein sollte und als deren Speerspitze sich Airbnb stets inszenierte. Der nun geplante Geschäftsbereich aber hat mit dem Teilen scheinbar leer stehender Privatwohnungen nichts mehr zu tun.

Aber Airbnb hat kaum eine andere Wahl, muss deshalb schon rein zwangsläufig zusätzliche Einnahmequellen erschließen, um weiter rasch wachsen und seine derzeitige Bewertung von 30 Milliarden Dollar rechtfertigen zu können.

Eine amerikanische Geschichte

„Wir wollen Reisen das Magische wiedergeben“, proklamiert Airbnb-Chef und Mitgründer Brian Chesky, als er an einem Donnerstagvormittag im November vor einer riesigen Leinwand mit Firmenlogo über die Bühne des Orpheum-Theaters in Los Angeles in eng anliegenden schwarzen Jeans und T-Shirt schreitet und feierlich seine Wachstums-Blaupause enthüllt. Vor ihm sitzen rund 2000 der insgesamt 7500 Teilnehmer seiner jährlichen Hausmesse, mehr fasst das Theater nicht. Die meisten sind Vermieter, einige von ihnen sogar aus Indien oder Australien angereist

Für sie ist der 35-Jährige die Personifizierung des amerikanischen Traums. Nur dass es nicht ums Tellerwaschen und eine schlichte Million Dollar geht, sondern um eine Start-up-Idee mit einer weltweiten Bewegung und ein Milliardenvermögen. Das von Chesky wird vom US-Wirtschaftsmagazin „Forbes“ auf rund 3,3 Milliarden Dollar geschätzt.

Noch vor zehn Jahren war der Airbnb-Chef mittellos, arbeitete bei einem Produktentwicklungsunternehmen in Los Angeles. Den Job hatte er nach einer Ausbildung als Designer an der Rhode Island School of Design als Start ins Berufsleben angenommen und weil er Krankenversicherung offerierte, „was meine Mutter beruhigte“. Doch sein Studienfreund Joe Gebbia drängte ihn, gemeinsam nach San Francisco zu ziehen und dort ihr Glück im Silicon Valley zu versuchen. Eine Idee würde sich schon finden.

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Im Sommer 2007 gab Chesky nach und siedelte mit nur 1000 Dollar Ersparnissen nach San Francisco über. „Bei meiner Ankunft erfuhr ich, das allein mein Mietanteil 1200 Dollar betrug.“

Da gerade eine Designkonferenz in San Francisco lief, entschieden die beiden Freunde, Luftmatratzen in ihrem Apartment auszulegen und zum Aufbessern ihres Budgets an Konferenzgäste zu vermieten. Das lief besser als erwartet. Die Idee für ein Start-up war geboren. Und weil die beiden Designer nicht programmieren konnten, holten sie den an der Harvard-Universität ausgebildeten Entwickler Nathan Blecharczyk, einen ehemaligen Mitbewohner von Gebbia, mit hinzu.

Doch das Vorhaben floppte. Investoren winkten reihenweise ab. Im November 2008 hatten die Gründer Zehntausende Dollar Kreditkartenschulden und standen vor dem finanziellen Aus. Das Glück wendete sich, als das Trio im Januar 2009 bei dem berühmten Silicon-Valley-Start-up-Brutkasten Y Combinator akzeptiert wurde. Mit dessen Reputation im Rücken sammelten sie drei Monate später 600 000 Dollar vom Wagnisfinanzierer Sequoia Capital ein, der schon Google mit Wachstumskapital ausgestattet hatte.

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Das Öffnen der Plattform für ganze Apartments und nicht nur Schlafgelegenheiten und deren bessere Präsentation durch aussagekräftige Fotos und Feedback von Gästen brachte den Durchbruch. Im Februar 2011 – zwei Jahre nach dem Neustart im Brutkasten – vermeldete Airbnb eine Million Buchungen.

Seitdem boomt das Start-up. 140 Millionen Gäste haben Airbnb seit Start genutzt, davon 70 Millionen in den vergangenen zwölf Monaten. 80 Prozent der Angebote liegen außerhalb der USA, mit Paris als unangefochtenem Spitzenreiter. Rund vier Milliarden Dollar Wachstumskapital haben Chesky und seine Mitstreiter eingesammelt, zuletzt im September 555 Millionen Dollar von Facebook und Expedia-Finanzierer TCV sowie Alphabet, dem Mutterkonzern von Google.

1,5 Milliarden Dollar Umsatz

Drei Prozent Gebühren pro Buchung verlangt Airbnb vom Gastgeber, weitere sechs bis zwölf Prozent vom Gast. Das läppert sich. Im vergangenen Jahr soll Airbnb fast die Umsatzgrenze von einer Milliarde Dollar gestreift haben. Für dieses Jahr schätzt Max Wolff, bis vor kurzem Chefökonom beim Wagniskapitalgeber Manhattan Venture Partners, den Umsatz auf mindestens 1,6 Milliarden Dollar. Bis 2020, so hat Chesky Investoren in Aussicht gestellt, soll sein Unternehmen die Gewinnschwelle erreichen.

Vom Beinahe-Bankrott innerhalb von sieben Jahren zum zweitwertvollsten US-Start-up aufzusteigen, gleich hinter dem Taxivermittler Uber, das ist eine fast unglaubliche Errungenschaft. Doch zurück auf der Bühne in Los Angeles, wirkt ihr Architekt ungeheuer angespannt. Das mag mit dem Druck zusammenhängen, den Gastgeber für 7500 Konferenzteilnehmer zu spielen, die Schauspieler Gwyneth Paltrow und Ashton Kutcher – beide nach eigenen Bekunden Airbnb-Nutzer, Kutcher ist auch selber investiert – live auf der Bühne zu interviewen, Lady Gaga als Stargast zu präsentieren und gleichzeitig ein neues Produkt zu starten.

Es kann aber am Gegenwind liegen, der dem Selfmade-Milliardär mit wachsendem Erfolg immer stärker entgegenbläst. Mehr als einmal wird Chesky in Los Angeles seinen vom französischen Romancier Victor Hugo entlehnten Lieblingsspruch, inzwischen eine interne Durchhalteparole bei Airbnb, rezitieren: „Man kann keine Idee stoppen, deren Zeit gekommen ist. Und unsere Zeit ist gekommen.”

Kategorie Start-up

Viele sehen das nicht so. Beispielsweise die Demonstranten, die Protestschilder vor dem Theater schwenken, durch Downtown Los Angeles ziehen und johlen: „Airbnb muss verschwinden.“ James Elmendorf, einer der Organisatoren, hat überhaupt nichts gegen Airbnbs ursprüngliche Idee, Schlafgelegenheiten in Wohnungen zu vermitteln, damit deren Anbieter sich ein Zubrot verdienen können. Doch für ihn ist das vergangene Romantik, die längst vom harten Kapitalismus verdrängt wurde. „Das Problem ist doch, dass mittlerweile professionelle Investoren ganze Apartments oder Häuser übernehmen, um sie ausschließlich über Airbnb zu vermarkten“, schimpft Elmendorf, dessen Aktivistenverband Laane sich auch für höhere Löhne für Hotelangestellte einsetzt. „Damit entziehen sie Wohnungen und treiben die Mieten für alle hoch.“

25 Kilometer westlich von Downtown Los Angeles, in Santa Monica, wo der frühere kalifornische Gouverneur Arnold Schwarzenegger lebt, hat der Stadtrat deshalb im vergangenen Sommer drastische Auflagen für Kurzzeit-Vermieter beschlossen, deren Auswirkungen seitdem von Lokalpolitikern weltweit studiert werden.

Unterkünfte dürfen in der Küstenstadt nur noch dann für weniger als 30 Tage vermietet werden, wenn der Anbieter während des Aufenthalts selber in der Wohnung lebt und sich im Rathaus registriert hat. Alle anderen kurzfristigen Vermietungen sind verboten. Seitdem sind die auf Airbnb gelisteten Unterkünfte laut Recherchen seiner Stadtplaner von ehemals 1700 Angeboten auf rund 500 gefallen.

Wo Tourismus in Deutschland funktioniert
Küste Quelle: dpa
Küste Quelle: imago images
Ein Blick in den Osten Quelle: dpa
Osten Quelle: dpa
Das Ruhrgebiet – Kultur als Anschub Quelle: dpa
Ruhrgebiet Quelle: dpa
Sachsen-Anhalt hofft auf Nachhall Quelle: dpa

Um ein Exempel zu statuieren, verklagte Santa Monica im Frühjahr öffentlichkeitswirksam mit Scott Shatford einen prominenten Airbnb-Gastgeber. Der ehemalige Manager der Personalberatung Korn Ferry betreibt mit AirDNA ein Beratungsunternehmen, das beim Ermitteln des optimalen Mietpreises für Airbnb-Angebote hilft. Shatford selber offerierte gleich fünf Wohnungen in Santa Monica, nach der Gesetzesänderung alle illegal. Inzwischen hat er die 3500 Dollar Strafe beglichen, die Geschäfte in Santa Monica aufgegeben und ist nach Denver weitergezogen.

Seine heißeste Empfehlung für Investoren, die angemietete Wohnungen auf Airbnb offerieren, ist Barcelona. In der spanischen Metropole lasse sich eine Ein-Zimmer Wohnung derzeit für 9500 Dollar im Jahr anmieten und im Schnitt für 24 600 Dollar auf Airbnb weitervermarkten – eine Gewinnspanne von 15 000 Dollar. Etwas geringer, aber immer noch beachtlich ist sie laut Shatford mit 8700 Dollar in Berlin.

Gegenwind auch in Deutschland

Barcelonas Bürgermeisterin Ada Colau will die Spekulation mit Wohnraum nicht länger hinnehmen. Die linke Politikerin hält sich nicht mit dem Kleinkrieg gegen Kurzzeit-Vermieter auf, die keine Lizenz besitzen und keine Steuern zahlen, sondern zielt gleich auf die aus ihrer Sicht eigentlich Schuldigen. Schon im Dezember hatte sie mit einem Bußgeld von 30 000 Euro einen Warnschuss gegen Airbnb und dessen zu Expedia gehörenden Konkurrenten Homeaway abgefeuert. Nun hat sie mit 600 000 Euro Strafe den Einsatz beträchtlich erhöht. Dass die US-Portale den Tourismus in ihrer Stadt schließlich fördern, will die 42-Jährige nicht als Argument gelten lassen. Man sehe den Tourismus zwar positiv, „aber er darf nicht das Grundrecht auf eine Wohnung verletzen“, empört sich die ehemalige Hausbesetzerin.

In Berlin stehen die Zeichen schon länger auf Konfrontation. Erlaubt ist in der deutschen Hauptstadt nur noch das Vermieten von Zimmern, wenn der Anbieter selber in der Wohnung lebt und diese zu mehr als 50 Prozent nutzt, eigentlich der Urgedanke von Airbnb. Doch mit dem Vermieten von kompletten Wohnungen an Touristen ist seit Mai endgültig Schluss. Seitdem wird das bereits seit über zwei Jahre geltende Zweckentfremdungsverbot auch durchgesetzt. Ausnahmegenehmigungen gibt es nur in der Theorie. Genauso wie die Bußgelder von bis zu 100 000 Euro, denn die Stadt hat nicht genügend Fahnder, um diese wasserdicht untermauern zu können. Seit jedoch das Berliner Verwaltungsgericht im August entschied, dass Zweitwohnungen sehr wohl als Ferienwohnungen vermietet werden dürfen, herrscht Konfusion. „Das Gesetz ist intransparent und schadet dem Image von Berlin als Weltstadt“, beklagt Airbnb- Deutschlandchef Alexander Schwarz. Entzug von Wohnraum sieht er nur bei ganz wenigen schwarzen Schafen im Promillebereich. Die meisten Anbieter würden ihre Wohnung ohnehin nur ausnahmsweise vollständig vermieten, beispielsweise wenn sie in den Urlaub fahren.

Der ehemalige PayPal-Manager würde sich ein liberales Modell wie Hamburg wünschen, wo die eigene Wohnung bis zu 180 Tage im Jahr vermietet werden darf. „Wir brauchen da zeitgemäße Regelungen“, fordert er. Ein frommer Wunsch, der ihm im Bundestagswahlkampf mit Sicherheit nicht erfüllt wird. Auf dem jüngsten Branchentag des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) teilte Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel kräftig gegen Airbnb und Co. aus, beklagte deren unlautere Konkurrenz durch das Unterwandern von Steuern. Dass „die ausbilden, habe ich bislang auch noch nicht gehört“, lästerte Gabriel.

Zurück in Los Angeles, setzt Chris Lehane auf Entspannung. Der ehemalige Berater von Expräsident Bill Clinton gilt als Geheimwaffe, als einer der besten Experten für Krisen-PR. Der 49-jährige Harvard-Jurist hat das Talent unbequeme Fragen so zu parieren, dass bei der Antwort alle Optionen offen bleiben. Bei den Steuern ist das seit Jüngstem nicht mehr der Fall. „Lest es von meinen Lippen ab – besteuert uns“, schmettert Lehane.

Menschen statt Roboter

Und seinem Chef Chesky scheint es ernst. 200 Vereinbarungen hat dieser bereits mit Städten weltweit geschlossen. So wie in Chicago, wo Airbnb die Steuern von Vermietern einsammelt und weiterreicht. Lehane hat schon ausgerechnet, dass Airbnb in den nächsten zehn Jahren so mindestens zwei Milliarden Dollar eintreiben könnte. Dass dies eine Milchmädchenrechnung sei, weil das Geld ohnehin den Kommunen zustehe, will er nicht akzeptieren. Denn Airbnb sorge für mehr Nachfrage, weil viele Leute nun reisen würden, die sich das früher nicht leisten konnten. Ähnlich begründet Uber, der andere Gigant, der sich die vermeintliche Sharing Economy auf die Fahnen geschrieben hat, seine günstigen Taxipreise.

Vorsorglich stellt Lehane jedoch schon eine eigene Graswurzelbewegung auf. Schließlich hätten „sich die Städte und die Räuberbarone einst auch gegen die Elektrifizierung gewehrt“. 109 Clubs von Airbnb-Gastgebern und -Fans unterstützt das Unternehmen, jüngst wurde auch eine Kolonne in Berlin gegründet.

Wie die Welt Urlaub macht
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Sommercamps in den USA Quelle: dpa
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Tschechen fahren nach Kroatien Quelle: dpa

Von Kalifornien aus werden sie mit Argumenten für die Überzeugungsarbeit gegen die Hotellobby beliefert. Etwa als Kämpfer gegen die Altersarmut, weil Frauen über 60 Jahre die am schnellsten wachsende Gruppe unter den Gastgebern seien und so im Schnitt 8300 Dollar dazuverdienen würden. Oder dass 47 Prozent aller Arbeitsplätze in den USA in den nächsten 20 Jahren der Automatisierung zum Opfer fallen könnten und man so mehr Servicejobs à la Airbnb benötige.

Auch Chesky, der Sohn zweier Sozialarbeiter, ist fest davon überzeugt, dass seine Plattform die Mittelschicht zusammenhält und nicht spaltet. Ohne Menschen und deren Talent könne Airbnb nicht funktionieren. „Alles wird von Menschen gemacht, die eigentliche Magie liegt in ihnen“, schwört er vor seinen Fans in Los Angeles. Auch Politiker sind Menschen. Es mag ihnen zunehmend an der Magie fehlen. Dafür haben sie Macht. Und die richtet sich momentan eher gegen Airbnb.

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