Airline-Comeback Es lebe die LTU!

2007 präsentierte die LTU noch ein neues Flugzeug-Design. Mitarbeiter vermissen ihren alten Arbeitgeber Quelle: imago

Die Düsseldorfer Fluggesellschaft LTU hat deutsche Luftfahrtgeschichte geschrieben. Seit zehn Jahren ist die Traditionsmarke verschwunden. Eine Gruppe von Nostalgikern will sie wiederbeleben.

Holger Schmitt* erinnert sich noch genau an den Moment, als ein Betriebsrat während einer Mitarbeiterversammlung der Fluggesellschaft LTU aufstand und sagte: „Das Geld reicht noch für vier Wochen.“ Als er sich an diesen Tag zurückerinnert, stockt Schmitt kurz, ehe er mit seiner tiefen Stimme und dem leichten rheinischen Einschlag weitererzählt. Wenig später kam er morgens zum Dienst und erfuhr von einem Kollegen, dass LTU von Air Berlin gekauft wurde. Er hatte ja gewusst, dass es Schwierigkeiten gab. Aber dass er so vor vollendete Tatsachen gestellt wurde – das überraschte ihn dann doch. Schmitt hatte sich bei der Fluggesellschaft über Jahre hochgearbeitet. Zuletzt erstellte er die Flugpläne für Piloten, die Langstrecken flogen.

Mehr als zehn Jahre ist das nun her. Zu diesem Zeitpunkt war Martha Hansen* schon längst nicht mehr Teil der LTU. Traurig war sie trotzdem, als sie vom Ende der Airline erfuhr. In den Neunzigern hatte die Mittvierzigerin im Marketing des Ferienfliegers gearbeitet. „LTU war eine sehr emotionale Marke“, sagt Hansen. Unter den Mitarbeitern habe es einen starken Zusammenhalt gegeben. „Wir hatten alle gute Gehälter, es herrschte eine tolle Stimmung.“ Auch nach ihrem Wechsel in eine Werbeagentur fühlte sie sich dem Unternehmen noch verbunden, nahm an Ehemaligen-Treffen teil – bis heute.

Sven Scholten ist ein stämmiger Mann mit schwarz-umrandeter Brille und raspelkurzen, braunen Haaren. Zwei Jahre lang arbeitete der 29-Jährige als Flugplaner bei LTU. „Alle waren sehr stolz, dort zu arbeiten, für viele war es ein Kindheitstraum. Das habe ich bei keinem anderen Arbeitgeber so erlebt“, sagt er. Jahre später, als er schon längst für eine andere Fluggesellschaft arbeitet, träumt er noch immer davon, dass die LTU irgendwann wieder abhebt. Im Oktober vergangenen Jahres gründet er spontan eine Facebook-Gruppe. Er nennt sie „LT* Fluggesellschaft Neugründung“. Innerhalb von drei Tagen wächst die Gruppe auf 1.000 Mitglieder an.

Drei Menschen, die eines verbindet: Sie vermissen ihren ehemaligen Arbeitgeber LTU. Alle drei sind Mitglied in Sven Scholtens Facebook-Gruppe, deren erklärtes Ziel es ist, die Fluggesellschaft wiederzubeleben. Mittlerweile haben sich fast 3.000 ehemalige Mitarbeiter und Sympathisanten von LTU in der Gruppe zusammengefunden. Sie diskutieren über mögliche neue Designs für Flugzeuge, planen neue Fernstreckenziele oder schwelgen in Nostalgie beim Anblick von LTU-Stewardess-Uniformen aus den achtziger Jahren.

LTYou statt LTU

Für Sven Scholten sind das mehr als Träumereien. Gemeinsam mit zwei Mitstreitern hat er Mitte Dezember die „LTYou UG“ gegründet. Die Rechte am Originalnamen LTU hält noch der Insolvenzverwalter von AirBerlin. Einige Investoren hätten bereits Interesse an LTYou angemeldet, sagt Scholten. Und zwei eigene Flugzeuge besitzen die Gründer bereits: Einer der Gründer, der Pilot Karlheinz Sonder, besitzt zweimotorige Propellermaschinen in einem Airpark in Florida. Mithilfe der leidenschaftlichen LTU-Fan-Community wollen Scholten und Sonder die tote Marke LTU wieder auferstehen lassen.

Ein waghalsiges Unterfangen angesichts des harten Konkurrenzkampfs in der Branche. Tatsächlich aber zeigt die Facebook-Gruppe noch viel mehr: Die LTU-Nostalgiker wollen zurück ins goldene Zeitalter der Luftfahrt. Ihre Geschichte ist ein Lehrstück darüber, wie Menschen mit dem Verlust ihres Arbeitgebers ein Stück ihrer Identität verlieren – und steht damit für ein Problem, das in Zukunft immer mehr Branchen betreffen wird.

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