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Aktie stürzt ab Lufthansa streicht Gewinnziele zusammen und schockt die Börsen

Schwache Erlöse und schwindsüchtige Buchungszahlen nennt Lufthansa als Gründe für ihre deutlich gekappten Gewinnziele. Die Anleger reagierten geschockt und schickten die Aktie auf einen Sturzflug.

Die Lufthansa fliegt mehr und verdient trotzdem weniger. Quelle: dpa

Einen Monat nach Amtsantritt beerdigt der neue Lufthansa-Chef Carsten Spohr die Gewinnziele des umstrittenen Sanierungsprogramms. Die Lufthansa hat wegen schwacher Geschäfte in den Kernmärkten Europa und Nordamerika ihre Gewinnziele dramatisch zusammengestrichen. Für dieses und das kommende Jahr wurden die Prognosen in einer Pflichtmitteilung an die Börse vom Mittwoch deutlich um bis zu einem Drittel zurückgenommen. Die Aktie der Kranich-Airline verlor 15 Prozent - das ist der größte Tagesverlust seit den Anschlägen vom 11. September 2001.

Der Gewinnwarnung zufolge soll der operative Gewinn im Geschäftsjahr 2014 nur noch rund 1 Milliarde Euro betragen. Bislang waren 1,3 bis 1,5 Milliarden Euro angekündigt worden. Für 2015 geht der Vorstand „bei stabilen Rahmenbedingungen“ noch von zwei Milliarden Euro aus, obwohl mit dem Ende des Sparprogramms „Score“ bislang 2,65 Milliarden angepeilt worden waren.

Das Eingeständnis ist ein herber Schlag für die Lufthansa-Spitze. Für die schwachen Zahlen musste Finanzchefin Simone Menne geradestehen, während der im Mai angetretene neue Lufthansa-Chef Spohr weiterhin daran festhält, seine strategischen Planungen im Juli vorzustellen. Die nun revidierten Ziele stammten noch von seinem Ende April ausgeschiedenen Vorgänger Christoph Franz. Franz hatte dem Unternehmen vor zwei Jahren eine Rosskur verordnet, um das Gewinnziel bis 2015 zu erreichen. Da unter anderem viel gespart wird, Mitarbeiter in günstigere Töchter ausgelagert werden und 3500 Jobs wegfallen, rebelliert die Belegschaft bis heute - derzeit verhandeln etwa die Piloten über einen neuen Tarifvertrag. Auch Spohr hat das Programm durchgeboxt - vor seinem Wechsel in das Cockpit der Airline Anfang Mai leitete er das umsatzstarke Passagiergeschäft. Spohr habe die Ziele nun so gesteckt, dass er damit kein Risiko eingehe, meinte Analyst Jürgen Pieper von der Privatbank Metzler.

Carsten Spohr: Pilot und Lufthansa-Kenner

Es handele sich um eine strukturelle Krise und nicht um kurzfristige Entwicklungen, sagte Simone Menne am Mittwoch. Die Überkapazitäten vor allem auf den Nordatlantikverbindungen führten zu einem deutlichen Preisverfall vor allem im bislang lukrativen Segment der spät buchenden Geschäftskunden, die nunmehr eine weit größere Auswahl vorfänden. Der Verkehr über die Drehkreuze sei weit stärker betroffen als die Tochter Germanwings, die weiterhin auf Kurs sei, die Gewinnzone in diesem Jahr zu erreichen. In Europa leide man unter den zunehmenden Direktverkehren auch der Billigflieger, während auf der Langstrecke vor allem die Fluggesellschaften vom arabischen Golf Kapazitäten in den Markt drückten.

Kurzlebige Prognose

Die größten Baustellen der Lufthansa
1. UnternehmensorganisationWährend andere Fluglinien wie British Airways bereits massiv Personal abgebaut haben, leistet sich die Lufthansa in vielen Bereichen Doppelarbeiten. So haben nicht nur das Fluggeschäft, sondern auch die großen Töchter wie das Wartungsgeschäft eigene große Hauptverwaltungen. Dazu werkeln etwa die EDV-Abteilung des Fluggeschäfts parallel zu den Fachleuten der konzerneigene IT-Tochter Lufthansa Systems und legen einander nicht selten eher Steine in den Weg als die beste Lösung zu suchen. Quelle: Reuters
2. UnternehmenskulturDie Lufthansa gibt fürs Personal pro Flugkilometer mindestens ein Drittel mehr aus als wichtige Wettbewerber. Das liegt unter anderem an vielen alten Privilegien. So hat die Linie aus ihrer Zeit als Behörde das System übernommen, dass die Gehälter steigen je länger ein Mitarbeiter zum Unternehmen gehört. Dazu ist die Lufthansa in den vergangenen Jahren eher durch Zukäufe als organisch gewachsen. Dadurch kamen vor allem besser bezahlte Mitarbeiter dazu und weniger Berufseinsteiger, die das Durchschnittsgehalt drücken. Quelle: dpa
3. Hohe Eigenständigkeit der Tochtergesellschaften Ob Frachtgeschäft, Cateringküchen oder Fluggeschäft: die einzelnen Tochtergesellschaften dürfen weitgehend ohne Vorgaben aus der Zentrale arbeiten. So leisten sich nicht nur alle Töchter eigene Einkaufsabteilungen, obwohl ein zentraler Einkauf in der Regel bessere Preise bekäme. Die einzelnen Fluglinien organisieren ihren Service auch nach eigenen Regeln. Statt den Ticketverkauf zentral zu koordinieren, jagen sich die einzelnen Gesellschaften gerade in Krisenzeiten gegenseitig Kunden ab. Quelle: Pressebild
4. Umständliche Fliegerei Billigflieger kommen mit ein oder zwei Flugzeugtypen aus und bekommen dadurch beim Einkauf, der Ausbildung des Personals und der Wartung der Maschinen Mengenrabatte. Die Lufthansa hingegen hat in ihrer Flotte mindestens zehn verschiedene Typen und fliegt entsprechend teurer. Quelle: dpa
5. Hohe Fertigungstiefe Während andere Fluglinien längst ihr Wartungsgeschäft und die Flugküchen abgestoßen haben, legt die Lufthansa Wert auf ihre Rolle als 'Aviationkonzern', zu deutsche: Komplettanbieter. Zwar verdienen die Töchter - allen voran die Werften der Lufthansa Technik - gutes Geld. Doch weil der Kranich seine Maschinen nicht zu anderen Werkstätten schicken kann, zahlt er dem Vernehmen nach im Schnitt mehr als andere Linien. Quelle: Pressebild
6. Zu einheitliches ProduktEgal ob innerdeutscher Kurzstreckenhüpfer oder eine lange Strecke nach Istanbul: Lufthansa will auf allen Strecken als Lufthansa mit einem Premiumprodukt präsent sein und nicht die konzerneigene Edel-Billiglinie Germanwings fliegen lassen – auch wenn die Kundschaft etwa von Köln nach Berlin vor allem preisbewusst Economy Class bucht und auf Lounges oder Schaumwein an Bord wenig Wert legt. Erste Ansätze, das zu ändern gibt es allerdings. Auf einigen Europastrecken übernimmt seit 1. Juli 2013 Germanwings bisherige Routen der Lufthansa. Quelle: dpa/dpaweb
7. Verlustbringende Zukäufe Dass Swiss als erste übernommene Fluglinie bis heute eine Ertragsperle ist, erweist sich im Nachhinein als Fluch. Denn die guten Zahlen der Schweizer ließen alle glauben, dass jeder Zukauf mit ein paar Umbauten zu einer kleinen Swiss werden kann. Doch stattdessen schreiben die Töchter wie Austrian Verluste oder drohen wie Brussels Airlines in die roten Zahlen zu rutschen. Quelle: AP

Die Erlöse seien sowohl im Passagier- als auch im Frachtgeschäft hinter den Erwartungen zurückgeblieben, sagte Menne. Für Europa nannte sie einen Erlösrückgang von 1,0 bis 1,5 Prozent. Auch die schwachen Vorausbuchungen hätten den Vorstand zur Rücknahme der Ziele veranlasst. Weitere Kostenbelastungen von jeweils 60 Millionen Euro seien durch den Pilotenstreik im April und durch Wertberichtigungen auf Forderungen in Venezuela hinzugekommen. Auf der Kostenseite würden die Ziele des Sparprogramms sämtlich erreicht.

Lufthansa werde ihr Flugangebot im kommenden Winterflugplan „spürbar reduzieren“, kündigte Menne an. Möglicherweise werde dies auch im kommenden Jahr fortgesetzt. Deswegen würden auch sämtliche Flugzeugbestellungen unter die Lupe genommen, ob sie verschoben oder gar abgesagt werden müssten. Dies betreffe sämtliche Order bei den Herstellern Boeing und Airbus.

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Derzeit hat die Lufthansa 261 Flieger mit einem Listenpreis von 32 Milliarden Euro geordert. Es ist die größte Erneuerung der Flotte in der Geschichte der Kranich-Linie und lange überfällig, da die Flugzeuge im Schnitt älter sind als die der arabischen Rivalen Emirates, Etihad oder Qatar Airways. Die rasant wachsenden Airlines sind in Staatsbesitz und verfügen über volle Kassen, die sie gerne für gigantische Flugzeug-Ordern nutzen. Emirates, Branchenprimus des Golf-Trios, annullierte nun allerdings seine Bestellung von 70 Airbus A350. Die Airline aus dem Emirat Dubai habe die Stornierung mit einer Überprüfung des Flottenbedarfs begründet, erklärte Airbus.

Keine Fortschritte konnte Menne von den Verhandlungen mit den Piloten über deren Übergangsrenten vermelden. Man sei mit Hilfe eines Moderators in konstruktiven Verhandlungen.

Pikant an der jetzigen Gewinn-Revision ist, dass die Lufthansa die Vorhersagen vor gut vier Wochen noch bekräftigt hatte. Seinerzeit habe der Konzern aber bereits betont, dass es Risiken im Geschäft gebe, die sich nun leider konkretisiert hätten, sagte Finanzchefin Menne. "Wir hatten gehofft, dass die Preisschwäche nur vorübergehend ist."

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