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Amazon Logistics Das macht Amazons Paketdienst so mächtig

Blick in ein Amazon-Logistikcenter in Frankreich. Quelle: imago images

Amazon schickt seine Zusteller nicht nur nach Berlin und München, sondern auch nach Kassel, Solingen oder Eschweiler. Der Paketdienst macht vieles anders als die Konkurrenz – und besser. Nur ein Faktor könnte die ehrgeizigen Pläne bremsen.

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Der Mann am Telefon hat nicht viel Zeit. Seine Fahrer sind verspätet, sagt er, Amazon habe heute die Pakete nicht pünktlich herausgegeben. Und das ausgerechnet diese Woche. Mit dem „Black Friday“ und dem „Cyber Monday“ huldigt sich der Onlinehandel mit seinen zwei selbsterfundenen Feiertagen selbst. Größtmögliche Rabatte sollen die Kunden zu größtmöglichen Einkäufen verleiten. Da darf keine Lieferung zu spät kommen. Erst recht nicht von Amazons eigenem Paketdienst.

Der Mann am Telefon ist einer der vielen Lieferpartner von Amazon. Seine Mitarbeiter stellen Pakete für den größten deutschen Onlinehändler zu. Sie fahren mit weißen Lieferwagen durch die Städte, an deren Seiten der unauffällige Schriftzug „im Auftrag von Amazon“ steht. Sie übergeben Onlinebestellungen an ihre Käufer, oder verteilen Benachrichtigungskarten in türkisblau, wenn niemand zu Hause ist. Und das mittlerweile nicht nur in Metropolen wie Berlin oder Frankfurt, sondern auch im Ruhrgebiet, in Ludwigshafen oder Mannheim, ja selbst in Städten wie Solingen oder Eschweiler.

Wie groß Amazon Logistics heute ist, darüber spricht der Konzern in der Öffentlichkeit nur selten. Doch wer mit Experten spricht, mit Wettbewerbern oder mit Amazons eigenen Lieferpartnern, dem wird schnell klar: Amazon Logistics ist in Rekordzeit zu einem der größten Lieferdienste in Deutschland gewachsen. Und die Ambitionen reichen noch weiter.

Amazons Lieferpartner suchen deshalb unablässig nach weiteren Fahrern: Auf Jobportalen, über soziale Netzwerke oder Ebay Kleinanzeigen. Und geben dabei Einblick in die Arbeitsweise von Amazon Logistics.

„Ein neues innovatives Konzept“, verspricht ein Lieferpartner aus Bayern. Ein Anbieter aus Berlin wirbt: „Für die Auslieferung brauchst Du keine Ortskenntnisse, denn die Tour ist vorgeplant und mit einer Navigation ausgestattet.“ In Dresden sucht ein Anbieter nach Fahrern mit dem Willen, „auch dem letzten Kunden noch ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern!“

Die Zufriedenheit des Kunden steht an erster Stelle – das ist Amazons Mantra. Und wahrscheinlich auch der Grund, warum der Online-Gigant mittlerweile selbst Pakete verteilt. Der Plan dazu, so erzählt man sich in der Branche, hat seinen Ursprung im Jahr 2013. In den USA herrscht ein stürmischer Winter, mit Glatteis und Schnee in vielen Bundesstaaten. Die Menschen bleiben zu Hause, bestellen viele ihrer Weihnachtsgeschenke online. Und der Paketdienst UPS kommt mit der Auslieferung nicht hinterher, das Unternehmen hat nicht genügend Aushilfen eingestellt. Viele Kunden warten vergeblich auf ihre Amazon-Pakete. Der Konzern aus Seattle spendiert einen 20-Dollar-Gutschein als Entschädigung, auch wenn das den Aktienkurs drückt. Damals, so lautet die Legende, soll Jeff Bezos sich geschworen haben: Nie wieder. Kurze Zeit später startete Amazon in den USA seinen eigenen Lieferdienst.



In Deutschland beginnt Amazon 2015 mit einem Test in München. Anscheinend erfolgreich: Innerhalb weniger Jahre baut Amazon Verteilzentren in der Nähe der größten Städte Deutschlands auf. Laut dem Branchenanalysedienst CEP-Research hatte Amazon bereits im September dieses Jahres 25 Paket- und Verteilzentren in Deutschland. Gerade erst hat Amazon in Knüllwald bei Kassel ein neues Zentrum eröffnet. Die Halle, eine Stahlkonstruktion mit Foliendach, ist nur eine Zwischenlösung. Hauptsache, das Weihnachtsgeschäft läuft. Im nächsten Jahr dann soll das richtige Gebäude stehen.

Wohin Amazons Ambitionen noch führen können, lässt sich am Beispiel Großbritannien erahnen. Dort hat Amazon mittlerweile 45 Paketzentren. Und die Zusteller sollen nicht mehr nur Amazons eigene Produkte ausliefern, sondern auch die anderer Onlinehändler. Mit Onlineanzeigen und E-Mails wirbt Amazon für seinen Service. Das Unternehmen verspricht, an sieben Tagen die Woche Pakete einzusammeln und gleich am nächsten Tag zuzustellen.

Warum Amazon lieber leichte Pakete nimmt

Erst im Frühjahr hatte Amazons Finanzchef Brian Olsavsky angekündigt, er wolle Amazon-Produkte auf der ganzen Welt innerhalb von 24 Stunden zustellen. 1,5 Milliarden Dollar will der Konzern investieren. Und in Deutschland soll es oft noch schneller gehen: Am besten, das Paket ist schon am gleichen Abend da, spätestens aber am nächsten Morgen.

Dabei sahen die Konkurrenten DHL oder Hermes in der Zustellung am gleichen Tag lange offiziell nur einen „Nischenmarkt“. Ihre Infrastrukturen sind nicht auf solche Geschwindigkeiten ausgerichtet. Amazon hingegen baut seine Strukturen entsprechend aus, mit Abendschichten in den Paketzentren.

Das Lieferkonzept funktioniert immer gleich: Amazon bringt die bestellten Artikel von seinen Lagern aus in die Verteilzentren, von denen die Kartons weiter in die Pakethubs wandern. Dort sortiert Amazon die Pakete und überreicht sie den Lieferpartnern. „Kleinere Pakete bekommen wir in grauen Tragetaschen, und die großen in Gitterwagen“, erzählt ein Amazon-Lieferpartner aus dem Rheinland. Die meisten Pakete aber seien leichter als drei Kilogramm, sagt er.

Für Amazon haben diese leichten Pakete viele Vorteile, sagt Horst Manner-Romberg. Er ist Berater und Marktforscher für die Paket- und Kurierdienste. Der Onlineriese suche sich die besten Lieferungen aus: „Amazon konzentriert sich auf die leichtgewichtigen Sendungen.“ Für die Konkurrenz sei das ein Nachteil, weil Amazon diese Volumina dem Markt entziehe.

Denn den Zustellern sind die leichten Pakete am liebsten. Weil die Kartons kleiner sind, lassen sie sich auch einfacher zustellen. Ist der Kunde nicht zu Hause, können die Zusteller ein kleines, leichtes Paket auch einfach auf dem Wohnungsbriefkasten abstellen.

Das Risiko, dass ein Paket abhandenkommt, ist für Amazon überschaubar. Schließlich gehört die Ware dem Onlinehändler. Geht etwas schief und der Kunde beschwert sich, kann er selbst reagieren. „Deshalb müssen die Paketboten es nicht so genau nachhalten, wie die Zustellung wirklich erfolgt ist“, sagt Berater Manner-Romberg. „Die brauchen nicht zwingend die Unterschrift der Kunden, die können die Pakete abstellen, dokumentieren das mit einem Foto und gehen weiter. Dadurch ist die Verweildauer viel kürzer als etwa bei DHL-Boten.“

Der Fahrermangel wird für Paketdienste zum kritischen Faktor

Wie schnell die Zusteller sind, kann Amazon theoretisch sogar messen. Alle Paketboten sind mit Navigationssystem und Scanner ausgerüstet. Die Fahrer bekommen genau vorgegeben, welche Straßen sie in welcher Reihenfolge anfahren, wo sie halten sollen und in welcher Tasche sie die vorsortierten Pakete finden. „Alles durchorganisiert. Amazon ist eben Amazon“, erzählt ein Lieferpartner. Bei DHL wäre eine solche Kontrolle allein deshalb schon unmöglich, weil die Gewerkschaft Verdi sich dagegenstellt.

Amazon selbst erklärt: „Wir verfügen über intelligente Technologien, die uns helfen, die Anzahl und Größe der Pakete zu bestimmen, die ein Zusteller während einer täglichen Zustellroute ausliefern kann.“ So stelle Amazon als Auftraggeber auch sicher, dass ein Fahrer nicht mehr Pakete erhalte als er wirklich in seiner Arbeitszeit zustellen könne.

Die Arbeitsbedingungen der Paketboten sind auch für Amazon ein kritischer Faktor. Denn diese sind nicht bei Amazon, sondern bei Lieferpartnern beschäftigt. Die Arbeitskonditionen muss der Onlinehändler daher in den Verträgen mit seinen Partnern diktieren. „Wir erwarten, dass die Zusteller direkt und in Vollzeit bei unseren Partnern beschäftigt sind“, erklärt Amazon. Die Zusteller seien pro Stunde zu bezahlen, auch jede Überstunde werde abgegolten.

Ob das in der Realität immer so ist, daran wecken schon Stellenanzeigen bei Ebay Kleinanzeigen Zweifel. Darin ist nicht von Stundenlohn, sondern von Tagespauschalen die Rede. „Bezahlt wird pauschal 75€ am Tag“, schreibt etwa ein Anbieter aus dem Rheinland. Am Telefon will er sich nicht dazu äußern, ob das heiße, dass Überstunden nicht bezahlt würden. „Wir prüfen regelmäßig, ob unsere Partner die geltenden Gesetze in Bezug auf Arbeitszeit und Vergütung einhalten“, erklärt Amazon.

Bei 75 Euro am Tag können die Paketboten bei fünf Arbeitstagen in der Woche nur mit einem Nettolohn von 1500 Euro rechnen. Nicht viel Geld für die körperlich anstrengende Arbeit. Immerhin in Großstädten wie Berlin sind die Löhne höher: Dort werben Lieferpartner mit bis zu 2000 Euro Nettolohn. Und mit „Amazon Flex“ will das Unternehmen auch Studenten und Teilzeitjobber anwerben. Für 25 Euro die Stunde sollen die als selbstständige Unternehmer mit ihrem eigenen Auto Pakete ausliefern, für ein paar Tage in der Woche. Die Kosten für Versicherung, Sprit und Verschleiß bleiben an den Flex-Fahrern hängen.

Doch solche Arbeitsbedingungen könnten Amazons Ehrgeiz bremsen. Es gibt zu wenige Arbeitskräfte, die gerne als Zusteller arbeiten wollen. Und schon DHL, Hermes und DPD suchen in der Weihnachtszeit 20.000 zusätzliche Hilfskräfte. „Amazon leidet genauso unter dem Fahrermangel wie alle anderen auch“, erklärt Branchenkenner Manner-Romberg. In dem Fall habe auch der Name Amazon nur einen begrenzten Marketingeffekt.

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