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Analyse in Grafiken Sind E-Scooter eine Erfolgsgeschichte?

Exklusiv
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E-Scooter-Nutzung: Alles eine Frage des Wetters?

Ihre wertvollen Daten geben die Anbieter auch an manche der Städte weiter. Die dortigen Behörden gehen ähnlich verschlossen mit den Daten um, nutzen sie lediglich intern zur Verkehrsplanung. Mit einer Ausnahme: Die Stadt Dortmund stellte der WirtschaftsWoche auf Anfrage die internen Zahlen zur E-Scooter-Nutzung zur Verfügung. Pro E-Scooter fanden dort im dritten Quartal 77,9 Fahrten statt.

Tagesaktuelle Daten liegen in Dortmund nicht vor. Doch gerade diese sind für eine andere Betrachtung recht wertvoll: Ein Blick in die Zahlen offenbart nämlich, unter welchen Gegebenheiten die Kunden von Voi und Lime besonders häufig auf dem Roller unterwegs sind. Und wann sie die Roller lieber am Straßenrand stehen lassen. Eine naheliegende Erkenntnis: An den Tagen mit außergewöhnlich vielen Scooter-Fahrten in Berlin und Hamburg herrschte fast ausschließlich gutes Wetter, wie die historischen Wetterdaten in der Tabelle zeigen: meist kein einziger Regentropfen und Temperaturen von 35,7 Grad in der Spitze. So geschehen am 8. August in Berlin – zusammen mit nur 6,5 km/h Windgeschwindigkeit. Da tut der Fahrtwind besonders gut.



Umso überraschender ist die Erkenntnis, dass die besonders guten Tage regelmäßig und beinahe ausschließlich auf einen Samstag fallen. Und zwar in beiden Metropolen, wie die Tabelle ebenfalls zeigt. Nur einer der dort aufgelisteten Tage war kein Samstag. Dieser Trend spricht zumindest gegen die übermäßige Nutzung der Scooter auf dem Arbeitsweg – und für Touristen- und „Spaß-Fahrten“ am Wochenende. Entsprechend wenig euphorisch klingt dann auch die Einschätzung der Städte zum Thema Mobilitätsrevolution: „Aktuell leisten die E-Scooter aus Sicht der BVM noch keinen signifikanten Beitrag zur Mobilitätswende“, heißt es von der Hamburger Behörde für Verkehr und Mobilitätswende. Laut Berliner Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz sei noch offen, ob E-Scooter einen nachhaltigen Beitrag zur Verkehrswende leisten können. Dresden hat diese Frage vorerst so beantwortet: „Einen Beitrag zur Verkehrswende leisten sie bislang nicht“, heißt es aus der sächsischen Landeshauptstadt aus Anfrage. Andere Städte zeigen sich zumindest etwas begeisterter.

Lediglich zwei Daten fallen bei Voi und Tier überraschend deutlich aus diesem Raster heraus. Der 19. Oktober in Berlin (Freitag) und der 15. Oktober (Donnerstag) in Hamburg. Trotz kühlen Temperaturen um zehn Grad in beiden Städten. Immerhin zeigt die nächste Tabelle, dass die Tage mit besonders geringer Scooter-Nutzung in der Regel von vergleichsweise kühlen Temperaturen geprägt waren. Damit nicht genug: Von den Verleihern hieß es übereinstimmend, dass Regen deutlich stärker auf die Nachfrage drücke als Kälte.



Beispiele lassen sich in den Daten finden. Am 26. September etwa brach die Auslastung der Scooter von Voi und Tier in Berlin dramatisch ein. Erstmals seit Mai verzeichnete Tier laut den Daten an diesem Samstag – eigentlich ja ein guter E-Scooter-Tag – im Schnitt wieder weniger als eine Fahrt pro Scooter. Kein Wunder: Am 26. September regnete es laut Daten der Wetterstation Berlin-Tempelhof so viel wie an keinem anderen Tag des Jahres.

Mit mauen Auslastungszahlen könnten es die beiden Verleiher bald wieder zu tun bekommen. Nicht nur wegen der Wintersaison. Auf die können die Verleiher immerhin reagieren, bei Glätte oder zu viel Schneefall den Betrieb einstellen, um Kosten zu sparen. „Unsere Erfahrung aus Skandinavien ist bei der Vorbereitung der Wintersaison sehr hilfreich, dort sind die Winter deutlich härter“, sagt Voi-Manager Unterkircher. Außerdem setzen sie gerade alles daran, die Kosten mit deutlich langlebigeren Scooter-Modellen und Innovationen wie austauschbaren Akkus zu drücken. Tier geht gerade bei den austauschbaren Akkus voran. In vielen Städten sind die neuen Modelle schon unterwegs. Wirtschaftsprüfer und Unternehmensberater EY attestierte den Scootern von Voi in einer Studie aus dem März eine durchschnittliche Lebensdauer von zwei Jahren. „Intern gehen wir sogar von fünf Jahren aus“, sagt Voi-Manager Unterkircher. Tier gibt die Lebensdauer seiner Scooter auch mit „mehreren Jahren“ an, verkauft sie nach einer Generalüberholung noch weiter an Privatkunden und reduziert die Abscheibungsraten. Profitabel arbeiten Lime, Voi und Tier gerade laut eigener Aussage ohnehin schon.


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Doch auf mögliche Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen können sich die Verleiher kaum vorbereiten. Ob die Start-ups eine zweite Coronadelle in den Zahlen allerdings verwinden können? Tier allerdings will sogar profitieren: „Wir sind darauf eingerichtet, uns schnell anzupassen und sind auf eine steigende Nachfrage vorbereitet, die durch eine Verlagerung auf den Individualverkehr in Zeiten von Abstandsempfehlungen entsteht“, sagt Manager Werner. Etwa für notwendige Fahrten zur Arbeit, Apotheke und zum Supermarkt. Ähnlich sieht es Voi-Deutschlandchef Unterkircher: „Aktuell gehen wir davon aus, dass wir ohne Lockdown am besten helfen können, wenn wir unser Produkt weiterhin anbieten.“

In den Daten zeigt sich seit Mitte Oktober ein erster Rückgang der Auslastungszahlen von Voi und Tier. Den Verleihern droht ein harter Winter.

Mehr zum Thema: Die Coronapandemie verändert die Art, wie wir uns fortbewegen. Der temporeiche Verkehrswandel gefällt nicht jedem.

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