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Anke Schäferkordt verlässt RTL und Bertelsmann Das Gefühl wohliger Sedierung

RTL-Chefin Anke Schäferkordt geht Quelle: imago images

Die ewige Chefin Anke Schäferkordt verlässt sang -und klanglos den Bertelsmann-Konzern. Sie war keine exzentrische Zirkusdirektorin, kümmerte sich auch um das Klein-klein. Die Bilanz einer 30-jährigen Karriere.

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Erst kündigt vor wenigen Wochen Angela Merkel ihren Rückzug als CDU-Vorsitzende an. Nun auch noch das: Zum Jahresende verlässt die gefühlt ewige RTL-Chefin Anke Schäferkordt nicht nur den Kölner Fernsehkonzern, sie verabschiedet sich gleichzeitig auch aus dem Vorstand des Mutterkonglomerats Bertelsmann.

Damit folgt auf den Abschied auf Raten, den sie im Prinzip im vergangenen Jahr bereits eingeleitet hatte, nun der vollständige und gründliche Rückzug. Bereits im vergangenen Jahr hatte Schäferkordt einen großen Teil ihrer Verpflichtungen drangegeben. Da dankte sie als Co-Chefin der RTL Group in Luxemburg ab, jener börsennotierten Dachgesellschaft, zu der europaweit mehr als 60 Fernseh- und fast drei Dutzend Radiosender gehören.

Schäferkordt, so die offizielle Lesart damals, wollte sich auf den Job bei der Mediengruppe in Köln konzentrieren. Die Senderfamilie, zu der neben RTL vor allem die Kanäle Vox, n-tv sowie die Beteiligung an SuperRTL gehören, sorgt innerhalb der Gruppe und damit für den Mutterkonzern Bertelsmann bislang verlässlich für die höchsten Erträge; Schäferkordt war, wenn man so will, so etwas wie die Chef-Melkerin der Milchkuh RTL.

Kein Zufall, dass Schäferkordt ihre lange Karriere im Fernsehgeschäft als Controllerin begann. Zwar verband sie das sehr früh schon mit Inhalten: ab 1997 war sie beim damals noch kleinen Sender Vox für die Finanzen wie auch fürs Programm verantwortlich. Und auch in den folgenden Jahren ging kaum ein Format auf Sendung, dass sie sich nicht vorher angeschaut hatte. Doch klar ist auch, dass Schäferkordt nun nicht die genialische Programmchefin war, keine exzentrische Zirkusdirektorin, die die Puppen auf dem Bildschirm tanzen ließ.

Schäferkordt kümmerte sich stattdessen mit Hingabe auch um das Klein-klein der Werbevermarktung. Auf die Frage, welche ihrer Entscheidungen denn wohl eine der wichtigsten war, rollte sie beispielsweise nicht eine ganze Liste von teuren Spielfilm- oder Fußballrechten aus. Sondern die Übernahme eines Unternehmens aus Denver im US-Bundesstaat Colorado, das bis dahin allenfalls Eingeweihte der Fernseh- und Werbebranche kannten. SpotXchange heißt der Technologiedienstleister, bei dem die RTL Group im Sommer 2014 einstieg. Für 65 Prozent der Anteile zahlten die Luxemburger 144 Millionen Dollar. Geld verdient SpotXchange, indem es eine Technologieplattform bereitstellt, auf der Onlinevideowerbung vermarktet wird: „Und wenn man einmal mit großen Augen vor den Bildschirmen gestanden hat, während im Hintergrund in Bruchteilen von Sekunden Millionen von Webclips vermarktet werden, dann ist das schon sehr beeindruckend.“

Mit dem eigentlichen Programm hat das nicht viel zu tun, es sind Werbevermarktungswerkzeuge. Ein Baukasten, der sie fasziniert. Große, wegweisende Programmentscheidungen verbindet man dagegen eher nicht mit ihr. RTL-TV-Gründer Helmut Thoma wurde daher auch nicht müde, allen und jedem seinen eigenen anhaltenden Beitrag zum langjährigen Erfolg des Senders unter die Nase zu reiben – im Prinzip, sagte Thoma, habe sich am Programm und seinen Stützen wie dem Dauerbrenner „Wer wird Millionär?“ seit Jahren kaum etwas verändert; es herrscht das Prinzip des ewigen Audience Flows, das Primat, den Zuschauer am Fernsehabend in einen Zustand des gedankenlosen Dranbleibens zu versetzen.

Und das gelang RTL lange genug meisterhaft. Ob man das Programm nun schätzt oder eher nicht: RTL ist es gelungen, seine Zuschauerschaft an sich zu binden. Ohne große Überraschungen, mit einem durchkonzipierten Programmablauf des immer mehr vom immer gleichen, der, wenn man sich ihm aussetzen mag, ein Gefühl wohliger Sedierung hinterlässt.

Ob das ein Konzept ist, das für die Zukunft taugt, ist die Frage. Längst formieren sich starke Kräfte, die die etablierten TV-Sender und ihre jahrelange Vorherrschaft über das Abendprogramm attackieren. Die Erfolge von Netflix und Amazon Prime, aber auch das Abonnenten-Wachstum von Sky haben ihre Ursache auch in der inhaltlichen Schwäche der Privatsender, die mit ihrem Massenprogramm in einem sich immer mehr zersplitternden Markt längst nicht mehr jeden Geschmack treffen.

Schäferkordt und ihre Kollegen reagierten auf die Entwicklung unter anderem mit dem Start von Spartenprogrammen und dem Kauf von Netzwerken, die Videos bei YouTube versenden. Eine Streamingplattform à la Netflix zu starten, die nach einem gänzlich anderen Geschäftsmodell auf Werbeerlöse verzichtet und stattdessen allein auf Abos setzt, davon ließ Schäferkordt lieber die Finger. Die Antwort auf die Frage, ob das nun sinnvoll und pragmatisch war oder einen Mangel an Vorstellungskraft zeigte, steht noch aus. Niemand kann etwa sagen, ob sich die Milliarden Dollar, die etwa Netflix in mehr und mehr Serien, Filme und Shows pumpt, sich jemals refinanzieren lassen oder ob sich da nicht eine gewaltige Blase auftut.

RTL jedenfalls mischte da unter Anke Schäferkordt stets mit Pragmatismus und gebremstem Schaum mit. Wie das nun weitergeht, darum wird sich ihr Nachfolger Bernd Reichart kümmern.

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